Irak-Konflikt: Humanitäre Rüstung
Der Aufmarsch der Hilfsorganisationen am Golf soll das Weltgewissen beruhigen
Die Aufstellung der Truppen ist noch nicht vollendet, da rüsten auch schon die internationalen Hilfsorganisationen für den Irak-Krieg. In den umliegenden Ländern werden Flüchtlingslager für Hunderttausende und gewaltige Vorräte an Medikamenten angelegt. Man könnte dies als ein ermutigendes Zeichen der Humanität sehen. Tasächlich hat die Nachricht jedoch etwas Unheimliches. Es ist ein wenig so, als würde der Notarzt vor dem Notfall eintreffen; der Patient hat den Herzanfall noch gar nicht, aber ein Blick auf den Krankenwagen zeigt ihm, dass andere seine tödliche Zukunft schon kennen. Oder: Der Postbote klingelt und bringt ein Päckchen mit Schlangenserum. Während wir noch beim überraschten Auspacken sind, klingelt es ein zweites Mal. Der Postbote hat etwas vergessen: die dazugehörige Giftschlange.
Es ist diese Verkehrung in der Reihenfolge von Unglück und Abhilfe, die unsere Beklemmung auslöst. Denn der Alltagsverstand würde nahe legen, eine Erkrankung, die so gut bekannt ist, dass ihr das passende Medikament schon vorauseilt, lieber gleich zu vermeiden. In der Praxis eines drohenden Krieges hat die Bereitstellung von Hilfsgütern freilich etwas nüchtern Vernünftiges. Auch humanitärer Einsatz braucht eine Infrastruktur. Wenn der Krieg erst einmal begonnen hat, wird die Zeit knapp und der Transport vielleicht unmöglich.
Drohung mit Erster Hilfe
Das Aufgebot der Helfer hat darüber hinaus etwas Pädagogisches. So präzise und sauber, wie manche Militärtechniker meinen, ist selbst ein moderner Krieg nicht; auch hier wird es zu Wunden, Blut und Tod kommen. Die vorauseilenden Hilfsmaßnahmen geben gewissermaßen schon jetzt eine Anschauung der Gewalt, die in der politischen Rede gern verborgen bleibt.
In dieser Vorschau auf den Schrecken liegt das Verstörende, das auch bei nüchterner Betrachtung nicht verschwindet. Die humanitäre Planung soll die Kriegsfolgen lindern, gewiss; aber man kann es auch umdrehen: Die humanitäre Planung verrät, wozu man sich in Wahrheit entschlossen hat, nämlich zum Blutvergießen. Wenn es aber ums Blutvergießen geht, warum dann noch das humanitäre Getue? Etwas Heuchlerisches ist dabei, als wollten sich jene, die den Krieg führen, und jene, die ihn dulden, ein gutes Gewissen verschaffen. Während des Bombardements in Afghanistan hat George W. Bush selbst „humanitarian aid“ auf die Tagesordnung des Kriegskabinetts gesetzt. Zwischen Soldaten und Helfern ist gewissermaßen eine Arbeitsteilung verabredet worden: wie zwischen dem Chirurgen und der Schwester, die den Tupfer reicht.
Man könnte sich auch einen Folterer denken, der seinem Opfer mit besorgter Miene den Verbandsmull zeigt, der nun wohl bald nötig wird, wenn das Geständnis weiter auf sich warten lässt. Der Kasten für die Erste Hilfe ist als Drohung vollkommen ausreichend und in diesem Zusammenhang keine Heuchelei. Denn dem rational kontrollierten Folterer geht es nicht um die Aggression, sondern nur darum, den Willen des Opfers zu brechen.
Und so geht es auch bei dem Irak-Krieg nicht um Vernichtung, sondern um eine Zwangsmaßnahme, die sich vermeiden ließe, wenn der Irak den USA willfahrte. Vielleicht lässt sich daran am besten der Wechsel von der kriegerischen Außenpolitik vergangener Zeiten zu der polizeilichen Weltinnenpolitik unserer Tage zeigen. Denn auch zu einem zivilen Polizeieinsatz gegen Terrorristen oder Geiselnehmer fahren Sanitäter mit; und abermals geht es nicht darum, die Verbrecher zu töten, sondern nur darum, sie zur Aufgabe zu zwingen. Auch für die Kollateralschäden an Geiseln oder Passanten wird der Krankenwagen gebraucht; aber nicht aus zynischem Kalkül, sondern weil mit Schäden vernünftigerweise gerechnet werden muss.
Das Unheimliche ist das Vernünftige geworden; und vielleicht ist es das, worüber wir erschrecken. Die Weltinnenpolitik mit ihren Polizeieinsätzen wird am Ende kaum weniger grausam sein als frühere Kriege. Auch wenn es nicht mehr darum geht, Länder zu erobern, sondern nur den Willen eines Schurkenstaates zu brechen, kann diese Maßnahme leicht den Charakter einer Folter annehmen, die durch das gute Gewissen des Folterers an Brutalität noch gewinnt. Und wer garantiert, dass die Zwangsmaßnahme von einer Weltöffentlichkeit kontrolliert wird, wie es die schöne Utopie will? Weltinnenpolitik könnte auch von einem Weltherrscher bestimmt werden. Möglicherweise ist es die Furcht davor, die dem Konflikt der Europäer mit den USA zugrunde liegt.




