Beim Rückflug aus Moskau, es ist weit nach Mitternacht, herrgottsfrüh am Donnerstag, 27. Februar, lässt der Bundeskanzler Revue passieren, was er da soeben im Kreml erlebt hat. Feuer im Kamin, das Holz knistert, ein Blumenstrauß daneben, die Kameramänner per Kordel auf exakter Distanz gehalten, davor der Hausherr, Wladimir Putin, und sein Gast Gerhard Schröder, in Sesseln. Perfekt, wie Putin die Kunst des In-Szene-Setzens beherrscht. Das sagt einer, der davon etwas versteht.

Beide wollen sie den Krieg nicht, darin haben sie einander noch einmal bestärkt. Gemeinsam stehen sie weiterhin zu der Erklärung, die sie mit Frankreichs Präsident Jacques Chirac vereinbart haben: Ziel der Völkergemeinschaft bleibe die "vollständige und wirksame Abrüstung" des Irak, heißt es darin. "Unsere Priorität sollte sein, dies mithilfe des Inspektionsregimes friedlich zu erreichen." Mehr als einmal taucht in der Erklärung die Formel von der "Einheit des Sicherheitsrates" auf, die gewahrt bleiben müsse.

Und doch fliegt Schröder nicht in der Gewissheit nach Berlin zurück, es stehe hundertprozentig fest, wie die Vetomacht Russland am Ende abstimmen wird. Vor den Journalisten im Kreml hat Putin in Schröders Beisein sogar von "Verhandlungen" gesprochen, die er mit den Vereinigten Staaten führe, und bei Verhandlungen gehe man aufeinander zu.

Selbst wenn es so kommen sollte, dass Russland im Sicherheitsrat eine Resolution "durchwinken" würde, das heißt: sich der Stimme enthielte – der Kanzler wäre davon nicht überrascht. Von einem Veto ist offenbar nicht die Rede gewesen.

Moskau will, wie Paris, keine zweite Resolution, da ist Schröder sich sicher. Aber ob sie zu verhindern ist? Und wäre eine zweite Resolution, über die abgestimmt wird, im Wortlaut identisch mit der Vorlage, die Washington und London eingebracht haben? Wohl kaum, aber auch das bleibt für diese Nacht offen.

Je näher der D-Day rückt, umso besorgter erkennen die Vetomächte, dass Fragen von Krieg oder Frieden nicht nur "taktisch" beantwortet werden können. Um die "Freundschaft zu George Bush" nicht zu gefährden, sich mal eben im Sicherheitsrat enthalten? Sollte es zum worst case kommen, einem besonders dramatischen Kriegsverlauf – auch darüber haben Putin und Schröder vor dem Holzfeuer und in den zwei Stunden danach, die nicht eingeplant waren, gesprochen –, dann trügen diejenigen Mitverantwortung, die den Krieg legitimierten, und sei es per "Enthaltung".

Wenn es aber zum Krieg kommt und wenn die Russen nicht ausdrücklich Widerspruch einlegen, dann muss das die deutsch-russische Freundschaft doch überstehen! So war die andere Botschaft des Kreml-Gesprächs zu verstehen. Ihr Deutschen seid nicht isoliert, nicht aus unserer Sicht!

Die Moskaureise des Kanzlers ist eine der denkwürdigen Begegnungen im Vorkriegsdrama dieser Tage. Am Freitag legt UN-Chefinspektor Hans Blix dem Sicherheitsrat seinen nächsten Bericht vor. Anfang der kommenden Woche wollen die Amerikaner über den Resolutionsentwurf abstimmen lassen, den sie mit den Briten eingebracht haben – wenn eine Mehrheit gesichert, ein Veto nicht zu befürchten ist. Schon wenig später, mit oder ohne ein neues Mandat der Vereinten Nationen, könnte Amerikas gewaltige Streitmacht losschlagen. Immer hektischer wird die Besuchsdiplomatie. Es wird gelockt und gedroht. Und es entstehen Allianzen, die niemand für möglich gehalten, auf deren Bestand keiner gewettet hätte.