50. Todestag Durch Mord zum Sieg

Stalins Politik machte aus dem alten Bauernrussland einen modernen Industriegiganten, der schließlich sogar Hitlers Vernichtungskrieg abwehrte. Doch um welchen Preis. Teil zwei der historischen Reportage zu Stalins 50. Todestag

Nach seinem Tod am 5. März 1953 wurde Josef Stalin im Säulensaal des Moskauer Gewerkschaftshauses aufgebahrt. Für den Genius Loci hatte er selbst gesorgt. An diesem Ort waren eineinhalb Jahrzehnte zuvor jene Prozesse inszeniert worden, in denen die todgeweihten Genossen des Tyrannen mit aberwitzigen Selbstanklagen zur Schau gestellt wurden.

Nun nahm die kommunistische Welt von ihrem Heros Abschied – ratlos. 4,5 Millionen Sowjetbürger vegetierten in Stalins Lagern. Nur wenige Tage vergingen, bis sich die Nachfolger im Kreml zu einer ersten Massenamnestie genötigt sahen. Das gefürchtete NKWD (Volkskomitee für innere Angelegenheiten), das im Gulag über das größte Arbeitskräftereservoir des Landes verfügte, meldete „Unordnungen“ an verschiedenen Verbannungsorten. In der DDR weiteten sich die Streiks der Bauarbeiter in der Berliner Stalinallee am 17. Juni zum Volksaufstand aus. Er wurde niedergeschlagen. Die Rebellion in den mörderischen Kohlegruben von Workuta hoch im Norden ebenso.

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Nikita Chruschtschow machte den Aufbegehrenden Versprechungen – und ließ ihre Rädelsführer exekutieren. Zwar deckte der neue Parteichef mit seiner sensationellen Geheimrede auf dem XX.Parteitag 1956 einen Teil der Verbrechen Stalins auf. 1961 ließ er sogar den einbalsamierten Leichnam seines Vorgängers über Nacht aus dem Mausoleum an der Kremlmauer entfernen. Doch auch Chruschtschow musste sich auf die Maschinerie stützen, die der Diktator geschaffen hatte. Er machte sie sich zum Feind, als er Stalin aus Gesellschaft und Geschichte zu verbannen suchte. Das System gab seinen Schöpfer nicht preis: Chruschtschow stürzte 1964.

Die überlebenden Opfer des Tyrannen mussten ein weiteres Vierteljahrhundert auf ihre Rehabilitierung warten. Erst als Michail Gorbatschow mit seiner Glasnost das graue Tuch der Furcht von Russland abzog, konnten die ehemaligen Gulag-Häftlinge Stalins Terrorsystem öffentlich anprangern. Das war im Jahre 1988.

In jenem Sommer kam ein Mann in das Moskauer ZEIT -Büro, dessen Lebenslauf nahezu unfassbar klang. Er hieß Igor Dobrostan, stammte aus einer Familie bolschewistischer Funktionäre und war gerade Fachhochschullehrer geworden, als Hitlers Soldaten die Sowjetunion überfielen. Der junge Kommunist blieb in der besetzten Ukraine als Späher (raswedschik) zurück. Als seine Verbindungen abrissen, wollte er an die Front. Die Deutschen erwischten ihn, doch weil er noch kein Soldat war, konnte er sich wieder davonstehlen und zur Roten Armee durchschlagen. Er wurde verwundet, meldete sich zur Gegenspionage ins besetzte Rumänien, gelangte schließlich mit den sowjetischen Truppen bis nach Dresden.

Ausgezeichnet mit dem Roten Stern für besondere Tapferkeit, nahm Igor Dobrostan in Moskau ein Studium auf. 1948 ließen ihn Stalins Schergen als deutschen Spion verhaften, in die Kellerverliese der Lubjanka sperren und zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilen. Er kam in die Kohlegruben von Workuta. Dort gehörte er zu den Aufständischen, die nach Stalins Tod 1953 und noch einmal 1955 die verzweifelten Lagerrebellionen anführten. Chruschtschows Amnestien brachten ihm später zwar die Freiheit, doch legte er sich bald wieder mit den Behörden an. Die stempelten den Mann zum Querulanten. Im Gedenken an die gestorbenen und erschossenen Mitgefangenen trat er 1988 der gerade gegründeten Gesellschaft Memorial bei.

Die meisten Bolschewiki hassten das Land

Als er im ZEIT -Büro seine Lebensgeschichte in stundenlangem, erregtem Stakkato, mit erschütternden Details und vielen Fotos, mit memorierten Daten und Dialogen vorgetragen hatte, begannen wir spontan, Zeugen für dieses Schicksal zu suchen. Das erste Telefonat galt Tatjana Smilga, einer alten Dame, die als kleines Mädchen noch auf Leo Trotzkijs Knien gesessen hatte. Sie war die Tochter von Iwar Smilga, der Lenins Zentralkomitee angehört und während der Oktoberrevolution die Ostseeflotte kommandiert hatte. Stalin ließ ihn 1938 als „Linksabweichler“ erschießen.

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