Ein ziemlich missratenes Gespräch. Er schien tief befremdet. Vor fünf Wochen war er nach Berlin gekommen, als Deutschland-Korrespondent der New York Times. Nun wollte er wissen, warum die Ostdeutschen Amerika so unfreundlich gesinnt seien. Er sei durch Osteuropa gereist und habe dort Anderes gefunden: Respekt für die USA, Dankbarkeit für die Schutzmacht der Demokratie und ihre antisowjetische Beharrung im Kalten Krieg. Zeugnis dieses Danks sei ja nun die Solidaritätsadresse jener Staaten, die Donald Rumsfeld das junge, das hilfreiche Europa nennt. Warum nichts von solcher Dankbarkeit in Ostdeutschland?

Er kam mir und meiner Friedenswut gerade recht. Ich nannte die Jung-Europäer Opportunis-ten, die via Schleimspur auf des starken Onkels Knie kröchen. Er war verblüfft. Mir scheint, sagte er, Sie repräsentieren die Ostdeutschen mehr, als dass Sie sie analysieren.

Niemand repräsentiert die Ostdeutschen, Angela Merkel sogar noch weniger als Energie Cottbus. Die Ostdeutschen sind eine Kategorie des westdeutschen Paternalismus. Aber es gibt Typik und zwei hilfreiche Klischees. Das erste: Wie die Bundesrepublik ihre Nachkriegs-Generationen amerikanisierte, so seien die Ostdeutschen sowjetifiziert und also, was Amerika betrifft, propagandis-tisch verdorben worden. Das Gegenklischee: Generell verwechsele der Westen die Propaganda der SED-Medien mit dem Empfinden der DDRler, die sich Amerika als ein Asyl der Gegenwelt erträumten: Elvis statt Marx.

Das zweite Klischee kommt der Wahrheit näher und hilft verstehen, was dem New York Times- Mann bislang entging: dass die Ostler insgesamt US-freundlicher sind als ihre westdeutschen Landsleute. Jeder Zögling der DDR-Volksbildung erwuchs mit einem positiven Image der USA: sowjetverbündete Siegermacht über die Nazidiktatur. Gut waren die USA, solange die Anti-Hitler- Koalition hielt, also bis knapp hinter die Nürnberger Prozesse. Danach begann das böse Amerika – McCarthy, Rosenberg-Urteile, Koreakrieg, Vietnam –, inklusive retrospektiver Untaten: Hiroshima und Nagasaki und Dresdens Zerstörung durch "anglo-amerikanische Terrorbomber", wie es im DDR-Gedenkkalender hieß. Dresden symbolisierte das heikle Thema alliierter Kriegsverbrechen, ansonsten ein Tabu, auf sowjetverträgliche Art.

Erinnerungen an Allende

Problematisch war für SED-Ideologen, dass ihr USA-Bild die Jugend kaum erreichte. Wen ängstigte die Brutalität des Kapitalismus, wenn er in einer vollbeschäftigten Mangelgesellschaft lebte? Was verschlugen antiimperialistische Parolen angesichts russischer Panzer in Ost-Berlin, Budapest und Prag? Amerika stand für individuelle Freiheitsrechte. Und nicht anders als in der Bundesrepublik empfanden DDR-Jugendliche Jazz und Rock ’n’ Roll, Jeans und Beatnik-Prosa als Träger emanzipatorischer Energien, nur dass die begehrten Americana im Osten viel schwerer zu beschaffen waren. Leicht wurden ihre Besitzer als dekadent diskriminiert, bis hin zur Strafverfolgung. Es trug Erich Honecker den Ruf eines Halbliberalen ein, dass er der dumpfen Kriminalisierung amerikanischer Jugendkultur ein Ende machte. Statt, wie unter Ulbricht, das Unaufhaltsame zu verbieten, wollte man es jetzt domestizieren. Pop hieß nun Unterhaltungskunst; Jazz, Blues, Folk legitimierten sich als Musik des anderen Amerika, und der Anti-Vietnamkriegs-Gestus der US-Rockgemeinde war auch den SED-Kulturerlaubern nicht entgangen. Der DDR-Rundfunk öffnete sich. Als Bob Dylan 1987 vor hunderttausend Menschen in Ost-Berlin spielte, als Bruce Springsteens Born in the USA in der DDR erschien, war die amerikanischste aller Künste längst eingebürgert. Dennoch behielt Rockmusik im Osten eine Aura von Protestkultur, die sie im Westen längst verloren hatte.

Nein, die Ostdeutschen fühlen sich nicht antiamerikanisch – nicht die Fans von Superbowl, Redneck-Country und Hollywoods Blutwurst-Kino, nicht die Faustrechtler und Rassisten, die mit The south will rise again- Schnalle auf der Plauze über Brandenburgs Jahrmärkte paradieren, und schon gar nicht jene anderen, die eher Amerikas introspektive Künste und sein Talent zur Selbstprüfung schätzen. Besonders Letztere wären verblüfft, wenn ihre US-Sympathien der Regierung Bush zukommen sollten.

Es wundert, wie Amerika-Gefühle neuerdings am Applaus für US-Politik gemessen werden. Es verstört die Gesinnungskontrolle. Es befremdet, dass selbst amerikanische Showgrößen sich vor ihren Friedensreden als Patrioten auszuweisen haben. "Ich möchte gleich am Anfang sagen, dass ich nicht anti-amerikanisch bin", sagte jüngst Dustin Hoffman, "dass ich aber gegen die Politik der gegenwärtigen Regierung bin. Ich glaube, dass es seit dem 11. September leider zu einer Manipulation durch die Medien, die in meinem Land den großen Unternehmen gehören, und durch die Regierung gekommen ist, die das Leid jenes Tages für ihre politischen Ziele instrumentalisieren." Auch der Vietnamkrieg habe mit einer amerikanischen Lüge begonnen. Und Amerika als Demokratiebringer? "Wir haben keinen besonders guten Ruf, was einige der von uns installierten Herrscher angeht – Pinochet etwa, in Chile, der Tausende und Abertausende in einem Jahrzehnt umgebracht hat. Ihr kennt die anderen."