Anhänger klassischer Bildung seien um ein Argument ärmer, meinte Sabine Etzold in der ZEIT Nr. 8/03. Sie beruft sich dabei auf eine Studie von Elsbeth Stern und Ludwig Haag: 25 (und nicht 50) Spanischanfänger mit Lateinkenntnissen hätten bei einem Test mehr Wortschatzfehler und deutlich mehr Grammatikfehler gemacht als eine entsprechende Zahl von Anfängern mit Kenntnissen des Französischen. Und aus dieser wahrlich begrenzten Untersuchung schließen die Wissenschaftler messerscharf: "Der Lateinunterricht führt weder zu einer allgemeinen Verbesserung der Denkfähigkeit noch zu leichterem Erwerb anderer romanischer Sprachen."

So wichtig Untersuchungen der Effektivität mancher Schulfächer auch sein mögen – derart extreme Schlussfolgerungen gibt die Studie keinesfalls her. Eine ausführliche Widerlegung erfolgt demnächst in der Zeitschrift Forum Classicum ; hier sollen nur die wichtigsten Einwände angedeutet werden:

– Ein einziger Test in einem einzigen Anfänger-Kurs mit nur 25 Probanden reicht auf keinen Fall zu weitgehenden Schlüssen aus! Wenn schon derartige Untersuchungen, dann bitte eine wesentlich größere Zahl von Befragten, einige Kontrolluntersuchungen auch andernorts, mit anderem Kursfahrplan, mehrfach wiederholt, schließlich mit verschiedenartigen Tests; eine solche Studie hätte Gewicht.

– Ein deutsch-spanischer Alltagstext, der den Anfängern zur Übersetzung gegeben wurde, benachteiligt natürlich die Lateinschüler, ein anspruchsvoller spanisch-deutscher Text hätte das Gegenteil bewirkt.

– Die von der Lateingruppe begangenen Fehler (im Vergleich zur Französischgruppe pro Person höchstens zwei mehr!) müssten exakt auf Lateinvorkenntnisse zurückgeführt werden können, um die gezogenen Schlüsse zu rechtfertigen. Wenn zum Beispiel statt problemas de tráfico einzelne Studenten tráfico problemas schrieben, dann bestimmt nicht wegen Latein, das keinerlei zusammengesetzte Substantive kennt. Solche Fälle erklären sich durch Anlehnung an die deutsche Muttersprache (Verkehrsprobleme) oder das Englische (traffic problems) .

– Vor allem kann das Nahverhältnis von "Mutter Latein und ihren Töchtern" (so ein geglückter Buchtitel) nicht allein mithilfe von Tests geklärt werden. Es muss verwundern, dass die Autoren der Studie keinerlei linguistische Fachliteratur zurate gezogen haben. Vergleichende Abhandlungen zu den romanischen Sprachen hätten ihnen gezeigt, dass Latein und Spanisch sowie Italienisch deutlich näher zueinander stehen als Französisch. Ein kleines Beispiel dafür: Blumen heißen auf Lateinisch flores, auf Englisch flowers, auf Italienisch fiori, auf Spanisch flores. Der Franzose hingegen muss den Artikel dazusetzen und sagt des fleurs, was schon phonetisch schwieriger ist.

Fazit: Die Vertreter klassischer Bildung sind mitnichten um ein Argument ärmer! Hingegen sind die Folgerungen, die aus der erwähnten Studie gezogen wurden, derzeit nicht akzeptabel. Also: Latein trotz(t) Französisch?

Meine Auffassung ist die folgende: Gymnasiasten sollten gründlich und fließend Englisch lernen, eine Kommunikationssprache mit hohem Nutzeffekt. Ein Training gleichartiger Fähigkeiten würde ihnen Französisch als zweite Fremdsprache vermitteln. Ein ergänzendes Training anderer, ebenso wichtiger Fähigkeiten böte ihnen die klassische Sprache: Mit Latein lernen Schüler eine Reflexionssprache mit hohem Bildungseffekt, die "Basissprache Europas". Wenn sie, mit diesem komplementären Training ausgestattet, danach – als ideale EU-Bürger – noch eine weitere moderne Fremdsprache lernen wollen, so sollten dafür Italienisch und Spanisch, vielleicht sogar auch eine außereuropäische Sprache zur Verfügung stehen.