arbeitFamilie im Gepäck

Ein Forscher kommt selten allein. Um Spitzenkräfte zu locken, kümmern sich ausländische Hochschulen auch um deren Partner – bis hin zur Jobvermittlung Von Nikola Haaks von Haaks

Lydia Farago wäre eigentlich gern in Holland geblieben. Auch wenn es dort keine Berge gibt und der Wind so stark weht, dass Fahrradfahren manchmal unmöglich ist. Doch ihr Mann bekam eine der begehrten Assistenzprofessuren für Bioverfahrenstechnik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich angeboten. So eine Stelle lehnt man nicht ab.

Nicht, wenn man jung ist und in der internationalen Forschung vorn mitspielen will. Also packte die kleine Familie ihre Sachen und zog mit der dreijährigen Tochter Nina in die Schweiz. Lydia Farago, die vorher schon mehrere Jahre dort gelebt hatte, graute ein bisschen davor, ihr komplettes Leben neu zu organisieren: wieder einwandern, auf Wohnungssuche gehen, eine Kinderbetreuung organisieren und vor allem einen adäquaten Job für sich selber finden.

Doch die 39-jährige Übersetzerin hatte die Rechnung ohne die ETH gemacht. Denn dort gibt es eine eigene so genannte Dual-Career-Advice-Stelle (DCA), ein Glücksfall für alle „Doppelkarrierepaare“, die kommen, um in Zürich neu anzufangen. In ihrem Büro mit Blick über den Zürichsee kümmert sich Madeleine Lüthy darum, das Leben neuer Professoren und ihrer Familien zu organisieren. Ganz wichtig dabei: Hilfe bei der Jobsuche der Ehepartner. „Ob ein Professor die ihm angebotene Stelle annimmt, hängt immer häufiger davon ab, ob es für den Partner adäquate berufliche Möglichkeiten gibt“, sagt die 33-Jährige.

Die Idee, eine solche Stelle einzurichten, hatte ETH-Präsident Olaf Kübler vor vier Jahren. Bei rund 30 Neueinstellungen im Jahr ein lohnendes Unterfangen – werden doch zudem über 50 Prozent der ETH-Lehrkräfte aus dem Ausland rekrutiert. Und Kübler weiß, dass die Konkurrenz ebenfalls aktiv ist. In Amerika beispielsweise haben viele Universitäten ein eigenes Büro, das sich ausschließlich um die Arbeitsmöglichkeiten der Ehepartner kümmert. Eine gute Betreuung der Professorenfamilien ist also ein wichtiger Faktor im Standortwettbewerb der Hochschulen.

Noch in Holland bekam Lydia Farago einen Brief von der ETH. Darin war ein Fragebogen, in dem sie unter anderem eintragen konnte, ob sie Unterstützung bei der Stellensuche brauchte und welcher Arbeitsbereich sie interessiere. „Wenn ich genügend Informationen habe, fange ich an, mich umzuhören, potenzielle Arbeitgeber rauszusuchen, Kontakte zu machen“, erklärt Lüthy. Und nicht nur das: Sie gibt Tipps für das Bewerbungsgespräch oder verfasst Empfehlungsschreiben. Und sie hilft bei der „schweizgerechten“ Aufbereitung des Lebenslaufs. So wissen zum Beispiel Amerikaner nicht immer, dass das Geburtsdatum anders als bei ihnen ein Muss ist, auch die Familienverhältnisse müssen angegeben werden.

Farago, die beschlossen hatte, den Umzug für einen beruflichen Neustart zu nutzen, vermittelte sie ein mehrmonatiges Praktikum bei der Abteilung Corporate Communications der ETH. Das machte der gebürtigen Jugoslawin soviel Spaß, dass sie jetzt einen dreimonatigen Journalismus-Nachdiplomkurs an der Universität beginnt, um anschließend als freie Journalistin zu arbeiten.

Christin Young, die vor einiger Zeit mit ihrem Mann aus den USA kam, hat sich dank Unterstützung der DCA mit einer eigenen Therapiepraxis selbstständig gemacht. Sie ist sich sicher: „Ohne diese berufliche Perspektive für mich wären wir nicht gekommen.“

Oft sind beide Ehepartner Wissenschaftler, und dann versucht Madeleine Lüthy durchaus auch, Jobs am Institut zu vermitteln. Den Vorwurf des Nepotismus, den Verdacht einer Bevorzugung des Partners, hält sie für nicht mehr zeitgemäß. Eine Stelle werde nur vergeben, wenn bestimmte Qualitätskriterien erfüllt seien. Dann aber sei es durchaus auch möglich, dass ein Mann seine Frau als wissenschaftliche Mitarbeiterin einstelle oder umgekehrt.

Bedingungen, von denen Rainer Kohmann, der Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), nur träumen kann. In Deutschland dürfen Partner von ausländischen Arbeitnehmern erst nach einem Jahr arbeiten – so will es das Gesetz. Ein Hindernis, das viele Professoren davon abhält, sich für den Ruf an die LMU, aber auch generell für Deutschland zu entscheiden. „100 Prozent rückständig“, findet Kohmann diese Situation, „denn die guten Leute sind meistens auch mit hoch qualifizierten Partnern liiert, die nicht ein Jahr lang Däumchen drehen. Die gehen dann natürlich woanders hin.“

Deutschland ist Dual-Career-Entwicklungsland – zumindest im Hochschulbereich. Denn abgesehen von der schwierigen Rechtslage für Ausländer, bleiben viele Universitäten auch dann unkooperativ, wenn es sich um deutsche Staatsbürger handelt. Dabei zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Dortmund, dass bei rund 40 Prozent der jüngeren Paare beide Karriere machen – und zwar nicht in erster Linie aus finanziellen, sondern vor allem aus ideellen Gründen. Doch während in der freien Wirtschaft in Bezug auf flexible Arbeitszeiten oder Heimarbeitsplätze zunehmend umgedacht wird und die Frage nach den beruflichen Möglichkeiten des Partners bei Einstellungsgesprächen kein Tabu mehr ist, schalten noch viele Universitäten auf stur.

„Wir sind hier nicht für Familienzusammenführung zuständig“, bekam Monika Merz zu hören, als sie sich an der gleichen Universität wie ihr Mann um eine Stelle bewarb. Die 39-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin kam vor anderthalb Jahren aus den USA zurück. Dort hat sie die Erfahrung gemacht, dass zusammenarbeitende Ehepaare als durchaus produktiv gesehen werden. Hierzulande gelten sie eher als Störfaktor und Risiko. „Fragen wie: ,Und was ist, wenn ihr euch scheiden lasst?‘, sind an der Tagesordnung“, sagt Merz. „Wir hinken, was die Einstellung betrifft, den USA 10 bis 15 Jahre hinterher.“ Merz hat jetzt eine Professur an der Universität Bonn, während ihr Mann nach wie vor in Freiburg lehrt, wo auch die beiden kleinen gemeinsamen Kinder leben. Ein Spagat, der beide viel Kraft und Organisationsvermögen kostet – vom Geld für die Kinderbetreuung ganz zu schweigen „Da muss man schon eine starke Beziehung haben und viel Verständnis und Unterstützung füreinander aufbringen“, sagt Monika Merz.

Auch Barbara Albert, Chemieprofessorin an der Universität Hamburg, führt seit 16 Jahren eine Fernbeziehung mit einem Biologen, der bei BASF in Ludwigshafen arbeitet. Sie hält es für illusorisch, dass sie in Deutschland beide einen Arbeitsplatz in der gleichen Stadt finden. „Die amerikanischen Universitäten sind da wesentlich unkomplizierter und besser organisiert. Da wird auch mal eine zusätzliche Assistenzprofessur geschaffen“, sagt Albert. Und das sei nicht vorrangig eine Geld-, sondern eine Einstellungssache.

Mehr Glück hatte der britische Historiker Adam Jones, als er sich von Frankfurt aus auf eine Stelle in Leipzig bewarb. Er hatte in den Verhandlungen eher nebenbei erwähnt, dass seine Frau, eine Japanerin, als Musikwissenschaftlerin arbeitet, und bekam kurz danach von der Universitätsleitung eine Ausschreibung für einen Lehrauftrag an der Musikhochschule geschickt. „Das war überraschend und sehr aufmerksam“, sagt Jones.

Für Madeleine Lüthy ist so etwas eine Selbstverständlichkeit. Schließlich ist mittlerweile bekannt, dass private Zufriedenheit die Arbeitsmotivation fördert. Und dafür tut sie auch über das Jobvermitteln hinaus eine ganze Menge: Maklerkontakte für Häuser und Wohnungen organisieren, sich um passende Schulen für die Kinder kümmern oder Seelsorger spielen für kulturgeschockte Amerikaner, die sich nicht vorstellen können, die Waschmaschine im Keller mit anderen Mietern zu teilen.

Nur Babysitten steht noch nicht in ihrem Angebot. Obwohl… Madeleine Lüthy überlegt kurz. Doch, lacht sie, wenn eine ihrer Klientinnen ein wichtiges Vorstellungsgespräch hätte, würde sie im Notfall sogar das tun.

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