interview: Ein gelingendes Leben bedarf auch der Last
Das Gesundheitssystem wird unbezahlbar, die Massenhaltung in Alten- und Pflegeheimen ist mit der Menschenwürde nicht vereinbar. Ein Gespräch mit dem Mediziner Klaus Dörner über den Wahn, jede Krankheit abschaffen zu wollen und über den Umgang mit Schwerstbedürftigen
Die Zeit: Sie haben unser Gesundheitswesen als „Gesundheitsvernichtungssystem“ kritisiert – warum?
Klaus Dörner: Gesundheit kann niemand absichtsvoll herstellen. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer hat von der „Verborgenheit der Gesundheit“ gesprochen. Sie zieht sich beim Frontalangriff in sich zurück wie in ein Schneckenhaus. Gesundheit – wie Liebe, Gnade oder der Schlaf – muss sich ergeben. Sie kann sich mir geben.
Zeit: Wollen Sie etwa sagen, dass gute Ernährung und Fitnesstraining die Gesundheit vertreiben?
Dörner: Man denkt, man könne mit Werten, die wissenschaftlich durchaus korrekt sind, einen allgemein gültigen Gesundheitsplan erstellen. Aber es gibt für jeden Menschen einen ihm angemessenen Lebensstil – sodass, wenn er sein Verhalten der wissenschaftlichen Verallgemeinerung anpasst, das Gegenteil von Gesundheit herausspringen kann.
Zeit: Demnach müssten Sie die geplanten Bonussysteme als absurd empfinden, mit denen Krankenkassen gesundes Verhalten belohnen wollen?
Dörner: In all diesen Strategien gibt es natürlich rationale Anteile. Doch was für alle statistisch gilt, lässt sich auf den einzelnen Menschen nicht ohne Zwischenstufen anwenden. Der braucht möglicherweise auch seine Fehlernährung, Trink- oder Rauchgewohnheiten, um seine Trias von Kreativität, Leistung, Lebenslust und seinen Stil von Vitalität zu verwirklichen.
Zeit: Sie meinen: Besser leben, früher sterben?






