Anhand der Beschreibung würde Theo seine Stadt schwerlich erkennen. Alter: kaum zweihundert Jahre. Größe: achthunderttausend Einwohner. Besondere Kennzeichen: unbekannt. Neben ihrem bürgerlichen Namen, gesprochen "Wuuhdsch", auf Deutsch: das Boot, trägt sie mehr Decknamen als New York City. Wie eine dunkle Zauberin bringt sie jeden Besucher dazu, ob Verehrer oder Feind, ihr einen weiteren zu erfinden, Manchester des Ostens, Wald der dreihundert Schlote, Regenstadt oder Russlands Webstuhl. Für den Nobelpreisträger Wladislaw Reymont war sie das Gelobte Land, für die Nazis Litzmannstadt. Holly-Lódz!, sagen jene, die Filme von Polanski und Kieslowski lieben. Stadt ohne Grenzen, Stadt des Bösen, Stadt ohne Geschichte. Theo ist gerade erst in den Zug gestiegen und glaubt schon zu wissen, wie er sie nennen wird: die Oftgetaufte.

Was sich hinter den ungezählten Namen verbirgt, weiß in Deutschland kaum noch einer. Als hätte sich die Zauberin aus den Gedächtnissen gelöscht – niemand kann sich erinnern. Außer daran, dass Theo nach Lodsch fährt. Seit dreißig Jahren beantwortet er die lustige Frage: Heute schon in Lodsch gewesen? Wen interessiert schon, dass das Lied eigentlich Itzek, komm mit nach Lódz heißt und dumme Bauern besingt, die Dorf und Torf verlassen, um in einer explodierenden Industriestadt ihr Glück zu suchen. Trotz aller Gegendarstellungen findet Theo seinen Namen an unerfreulichen Stellen, auf den Covers von Schlagersammlungen und in deutschen Grammatikbüchern:

"Theo steht mit einem Fernglas am Fenster. Die Temperatur ist um drei Grad gesunken.

Er fühlt sein Herz schlagen. Er hört sich selber schreien.

Theo fährt nicht nach Lodsch. Er fährt nicht dorthin. Fahr doch, Theo!"

Fahr doch, fahr doch. Theo schaut durch die Scheiben des Warschau-Express über eine flache Landschaft, in der das letzte Hochwasser mächtige Holzbrocken zurückgelassen hat. Wie dickhäutige Tiere hocken sie zwischen Eiskrusten auf den Feldern und wissen nicht weiter. Die grünstichige Zugbeleuchtung schaltet sich ein und aus, als könnte der Express nicht entscheiden, ob es dunkel ist oder hell. Es ist beides, ein richtiger Polarwintertag. Es war die Idee seiner genervten Freundin: Dann fahr doch hin. Mitkommen wollte sie nicht. Theo hört sein Herz schlagen. Die Temperatur ist um drei Grad gesunken.

"Wer ist dieser Theo?", fragt mein Freund F., der mir beim Schreiben dauernd über die Schulter schaut. "Eine fiktive Figur", sage ich genervt, "damit müsstest gerade du dich auskennen". – "Und warum fährt er nach Lódz und nicht ich?" Ich bin schlecht gelaunt, weil es nicht einfach ist, auf mehreren Textebenen gleichzeitig zu operieren. Um F. loszuwerden, schicke ich ihn auf Recherche ins Internet. Historische Daten sammeln, Polnischvokabeln übersetzen.