Es lebe das Leben als Krise!

Hochschulabsolventen leiden an der Quarterlife-Crisis

Sie sind zwischen 20 und 30; Sie hatten eine behütete Kindheit und angenehme Schulzeit. Jetzt stehen Sie nach erfolgreichem Studium am Beginn Ihrer Berufslaufbahn. Oder Sie haben gar schon Ihren Traumberuf gefunden. Dann stecken Sie zweifellos mitten in einer Krise, der „Quarterlife-Crisis“.

Die Seuche stammt ursprünglich aus den USA, hat sich inzwischen aber zu einem „globalen Phänomen“ mit „schwindelerregenden Ausmaßen“ ausgewachsen. Dies berichten Alexandra Robbins und Abby Wilner, zwei Amerikanerinnen, die diese Krise ebenfalls durchgemacht und bewältigt haben und nun in ihrem Buch Quarterlife-Crisis, die Sinnkrise der Mittzwanziger (Ullstein Verlag) ausführlich analysieren.

Sie kompensieren damit ein gesellschaftliches Versäumnis. Schließlich trägt heutzutage nahezu jede Befindlichkeit eine klinische Zuweisung – die nachgeburtliche Depression, das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ADS oder die individuell maßgeschneiderte Phobie. Da könne, schreiben die Autorinnen, „man sich schon wundern, dass bis jetzt noch niemand dem schwierigen Übergang vom Studenten zum wirklichen Leben einen Namen gegeben hat“. Genau darin aber besteht das Wesen dieser Krise: dass niemand sie zur Kenntnis nimmt. Der Mittzwanziger leidet still und unbemerkt von seiner Umgebung vor sich hin. Die Symptome treten nach Verlassen der Universität auf und äußern sich in tiefer Verunsicherung, quälenden Selbstzweifeln und Lebensangst, begleitet von Panikattacken und Depressionen.

Robbins und Wilner zitieren zahlreiche Kronzeugen. Denen zufolge ist zuerst einmal die Hochschule schuld. „Man kann in der Uni keine Kurse über das Leben belegen“, prangert ein 24-Jähriger die Zustände an. Schuld seien aber auch Eltern, die meinten, „dass wir überhaupt keinen Grund zum Jammern hätten“. Und dann die Medien, die es versäumen, die Lebensrealität der Mittzwanziger einem breiten Publikum zugänglich zu machen. „Nirgendwo schert man sich um uns!“, bricht es aus einem Betroffenen heraus.

Selbstredend geben die Autorinnen in ihrem Buch Tipps für die Bewältigung der Quarterlife-Crisis. Dazu gehöre: sich mit anderen Betroffenen zusammentun, darüber reden und erkennen, dass die Krise ganz normal ist. Außerdem müsse man der Umgebung klarmachen, dass ein gesunder Mittzwanziger einen Anspruch auf Lebensangst hat. Bei schwerem Krisenverlauf ist eine Therapie sinnvoll.

Das Gute an der „Viertelleben-Krise“ ist: Jenseits der 30 ist sie ausgestanden. Dann heißt es geduldig warten, bis die Midlife-Crisis einsetzt. Die zu bewältigen ist auch nicht so einfach. Denn nun gilt es, die Erkenntnis zu verarbeiten, dass das Leben, vor dem man so viel Angst hatte, gar nicht richtig stattgefunden hat. Sabine Etzold

 
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