nordirak Im Land der Höllenangst

Islamisten terrorisieren Gebiete der Kurden im Nordirak. Sie kommen nachts aus den Bergen und metzeln ihre Opfer nieder. Unterstützt werden sie von al-Qaida – behaupten kurdische Offiziere

Am 4. Dezember 2002 im Nord-Irak, an der Grenze zum Iran, sieht ein Junge zu, wie sein gleichaltriger Freund, von Männern umringt, auf Knien um sein Leben bittet. „Mein Freund weinte und flehte: ,Im Namen Allahs, tötet mich nicht‘.“ Die Männer lachten, zapften aus einem Landrover Benzin ab, gossen es über den Freund. Dann zündeten sie ihn an. Sie sahen zu, wie er verbrannte. Schließlich schoss ihm einer eine Kugel in den Kopf.

„Hast du geweint?“
„Du hast das alles so gesehen?“
„Ja.“

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Montag, in den Bergen nahe Halabdscha

Es ist kalt, die Nacht totenstill. Dyari Mohammad sitzt in seinem Unterstand aus Lehm, Steinen und Dung. Er starrt in die Dunkelheit. Sein Kopf ist mit einem schwarzen Tuch vermummt, das nur die Augen frei lässt. Sein Oberkörper steckt in einem zerschlissenen, dick wattierten Armeeparka. An seinem Gürtel baumeln zwei Handgranaten, in den Taschen stecken drei Reservemagazine. Dyari Mohammad hat Angst, Höllenangst.

Im Norden des Irak hat der Krieg längst angefangen. Kurden kämpfen gegen Islamisten, die sich in den Bergen verschanzt haben und nachts die Stellungen der kurdischen Peshmerga angreifen. Dyari ist ein kurdischer Kämpfer, ein Peshmerga-Soldat der Patriotischen Union Kurdistans (PUK). „Peshmerga bedeutet: Die den Tod nicht fürchten“, sagt er. Er hat es den Tag über schon oft gesagt. 18 Jahre ist der Junge jetzt. Er erzählt, dass er sein ganzes Leben lang davon geträumt hat, Peshmerga zu sein.

Draußen vor dem Unterstand hat der Nieselregen das Gelände in eine rutschige Schlammwüste verwandelt. Der junge Peshmerga hält sich an seiner Kalaschnikow fest, starrt hinaus und schweigt.

„Siehst du etwas?“, frage ich ihn.

Statt zu antworten, sagt er: „Ich fürchte den Tod nicht.“ Seine Stimme ist brüchig. Er zittert am ganzen Körper. Dort draußen müssen sie sein. Vermutlich nur wenige hundert Meter entfernt. Die Männer, die seinen Freund Saban bei lebendigem Leibe verbrannt haben. Die „Männer Gottes“, die Kämpfer von Ansar-e Islam.

Am Tag zuvor hatte mich der Peshmerga-Kommandant der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) im Hotel in Suleimanija angerufen und vorgeschlagen, an die Frontlinie zu kommen, wo sich Ansar-e-Islam-Kämpfer und Peshmerga-Einheiten gegenüberstehen. Voraussetzung: Man muss die PUK schriftlich von jeder Verantwortung entbinden.

Die Reise von Suleimanija nach Halabdscha, von wo der Kommandant angerufen hatte, führte eineinhalb Stunden über Schlammwege an armseligen Dörfern vorbei. Hier und da waren auf den Dächern der verlehmten Ziegelhäuser Satellitenschüsseln montiert, in Teestuben saßen Männer, rauchten und tranken Tee, neben sich alte Kalaschnikows griffbereit.

Zwanzig Kilometer vor der Stadt beharrte der Fahrer darauf, direkt hinter einem weiteren PUK-Checkpoint in einen schlammigen Lehmpfad einzubiegen. Es war der Ort, an dem am 7. Februar Ansar-Kämpfer einen General der PUK in einen Hinterhalt lockten. Der General und fünf seiner Begleiter wurden getötet. Die Täter entkamen.

Der Weg, der nur vom Militär benutzt wird, sei sicherer als die parallel laufende „Hauptstraße“, behauptete der Fahrer. Dort sei die Gefahr zu groß, unter Granaten- und Mörserbeschuss von Ansar-e-Islam-Kriegern zu geraten.

In der Kommandantur in Halabdscha zeigte Burham Said Sofi, stellvertretender Befehlshaber der Peshmerga, auf einer Militärkarte die gegnerischen Stellungen. „Ohne die Hilfe der Amerikaner können wir Ansar-e Islam nicht vernichten. Wir kommen nicht in ihr Gebiet.“ Die Islamisten haben den einzigen Zugang in ihr Territorium mit einem dreifachen Sperrgürtel aus Minen und Sprengfallen gesperrt. „Wir brauchen amerikanische Kampfflugzeuge und Helikopter, die uns den Weg frei bomben“, sagte Said Sofi.

„Auch amerikanische Truppen?“

Er zuckte mit den Schultern: „Wir nehmen jede Hilfe, die wir bekommen.“

Die Hilfe ist schon unterwegs. Amerikanische Special Forces, Navy Seals und Delta-Force-Kommandos sind in das von Ansar-e Islam beherrschte Gebiet eingesickert. Sie bereiten den Angriff vor. Auf dem Weg nach Halabdscha war ein Humvee-Wagen mit zwei Männern zu sehen. Die Special Forces bevorzugen diese Humvees. Andere Journalisten haben leidvoll erfahren, dass die Special Forces unerkannt bleiben wollen. Einem New York Times- Reporter, der sie fotografiert hat, wurde unsanft der Chip aus der Kamera entnommen.

„Wann werden die Amerikaner Ihnen helfen gegen Ansar-e Islam?“, fragte ich. „Bald ist das Problem gelöst. Wenn der Krieg richtig losgeht, können es sich die Amerikaner nicht leisten, in ihrem Rücken 1000 Islamisten zu haben, die chemische Kampfstoffe einsetzen können.“

Im vergangenen Jahr hat Said Sofi mehr als 350 Männer im Kampf gegen Ansar-e Islam verloren. „Ansar-e Islam ist bestens ausgerüstet“, sagte Said Sofi. „Sie bekommen Waffen aus dem Iran und von Saddam Hussein: Kalaschnikows, Minen, Mörser und Granten bis zum Kaliber 120 Millimeter.“

Said Sofi forderte einen Trupp Peshmerga-Kämpfer an. Sie sollten den Konvoi zur Front begleiten. Dann legte sich Said Sofi fest: „Ansar-e Islam hat das gleiche Programm wie die Taliban, und ihre Ideologie ist die von Osama bin Laden“, erklärte der Kommandant. „Ansar-e Islam ist al-Qaida.“

100 bis 150 arabische und afghanische Mudschaheddin trieben sich in der Bergregion von Ansar-e Islam herum. Vor dem 11. September 2001 und auch nachher seien sie ungehindert durch den Iran nach Kurdistan eingeschleust worden. „Es gibt keine besseren Guerrilla-Kämpfer als Osama bin Ladens Dschihadis“, sagte Said Sofi. „Keine besseren und keine grausameren. Ihre Religion ist nicht der Islam, ihre Religion ist der Terror.“

Das hat er am Mittag erklärt, und dann sind unter lautem Hupen seine Soldaten mit uns an die Front gefahren. Jetzt ist es Nacht, und seit einer Stunde werden die Stellungen der PUK aus dreihundert Meter Entfernung beschossen. Mit schrillem Pfeifen schlagen Mörsergranaten und Kugeln aus automatischen Gewehren um die Unterstände herum ein. Die Gewehrkugeln lassen kleine Lehmklumpen aufspritzen. Die Peshmerga feuern zurück. Der Zufall schützt in dieser Nacht die Menschen auf beiden Seiten. „Ich bin Muslim, ich glaube an Gott, werde immer an meinen Gott glauben“, sagt jetzt Dyari, der Junge, dessen Freund sie hinrichteten, „aber deren Gott ist nicht meiner, deren Religion nicht meine.“

In den Unterständen und Bunkern auf den beiden Hügeln nahe der kleinen Ortschaft Tapa Kapa kauerten in jener Nacht, der Nacht zum 4. Dezember 2002, nur wenige Peshmerga. Viele ihrer Kameraden hatten Fronturlaub. Es war der Tag vor Id al Fidr, dem Festtag am Ende des heiligen Fastenmonats Ramadan, in dem es Muslimen verboten ist zu kämpfen. Der Angriff der „Krieger Gottes“ überraschte die Peshmerga im Schlaf, um 4.20 Uhr am Morgen. Nach knapp drei Stunden war er vorbei. Es war ein klarer Wintermorgen, und die Berge rund um Halabdscha glänzten im strahlenden Weiß. Die „Streiter Gottes“ trieben 24 überlebende Peshmerga an den Rand der Straße, die von Khurmal nach Halabdscha führt. Dort lagen bereits 28 im nächtlichen Kampf getötete PUK-Kämpfer nebeneinander aufgereiht. Dann begannen die Ansar-Kämpfer mit ihrer eigentlichen Arbeit. Die Streiter Allahs priesen ihren Gott, manche sangen, während sie mehreren Gefangenen die Kehle durchtrennten. Anderen schlugen sie mit Macheten den Schädel ein. Nachdem das Töten vorbei war, schnitten die „Heiligen Krieger“ ihren Opfern Ohren, Nasen und Hände ab. Es ist ein ritueller Akt – auf diese Weise soll den Opfern die Seele genommen werden.

So erzählt Dyari die Geschichte von seinem 18-jährigen Freund, der den Tod nicht fürchtete. „Seit ich gesehen habe, was Ansar macht, bete ich nicht mehr“, sagt Dyari. „Ich habe Angst, so zu sterben.“

Der Kampf an jenem 4. Dezember, das Abschlachten der Gefangenen, ihre Verstümmelung, ist von Ansar-e-Islam-Leuten selbst auf Video-Filmen dokumentiert worden. Auf ihnen ist zu sehen, dass nicht nur Kurden, sondern auch Al-Qaida-Kämpfer an dem Massaker beteiligt waren. Sie gaben Befehle auf Arabisch. Die Videos wurden von Ansar noch am selben Tag ins Internet gestellt.

Dienstag, in Suleimanija

Vor dem Palace Hotel in Suleimanija plärrt aus Lautsprechern seit Stunden Marschmusik. Hunderte von Männern strömen vor dem frisch gelb angestrichenen Gebäude zusammen. Vor dem Eingang stehen schwer bewaffnete Peshmerga. Sie lächeln freundlich. Die Kurdische Demokratische Partei (KDP) von Masoud Barzani hat zum ersten Mal eine Vertretung im Herzen des Herrschaftsgebietes von Jalal Talabanis’ PUK eröffnet. Ein deutliches Zeichen: Nun soll es vorbei sein mit dem Bruderkrieg der Kurden untereinander. Auf seinem Höhepunkt 1996 rief die KDP unter Barzani die Truppen des verhassten Saddam Hussein ins kurdische Autonomiegebiet, um den Erzrivalen Talabanis aus Erbil zu vertreiben.

„Wir haben beide katastrophale Fehler gemacht“, weiß General Simko Dizayii, Mitglied im Generalstab der PUK. „Aber jetzt müssen wir zusammenhalten, ob wir das wollen oder nicht.“ Sie wollen. Gemeinsam wollen sie den Krieg der Amerikaner unterstützen.

Vor dem Palace, einem Vier-Sterne-Hotel, ist ein Pick-up-Truck der Peshmerga vorgefahren. Aus dem aufgeschnittenen Dach ragt der Lauf eines Maschinengewehrs. Drei alte Kämpfer der PUK patrouillieren auf und ab. Show oder Notwendigkeit? Das ist schwer einzuschätzen. „Security – Sicherheit“, wirft eine kurdische Pressefrau lakonisch hin, „nur zu Ihrer eigenen Sicherheit.“ Es gibt Gerüchte, Selbstmordattentäter von Ansar-e Islam seien auf dem Weg. Ihr Ziel sei unter anderem das Palace mit seinen ausländischen Gästen. „Only for your own security!“, sagt die Pressefrau noch einmal und zeigt auf die bewaffneten Männer vor der Hoteltür.

Sonst finden Kontrollen nicht statt. Journalisten registrieren verblüfft, dass es in Kurdistan nahezu keine verschlossenen Türen gibt. Die Reporter können sich ohne offizielle Begleiter frei bewegen. Bereitwillig öffnen Polizei und Sicherheitsdienst ihre Gefängnisse, auf dass die Presseleute vorbeikommen, um mit inhaftierten irakischen Geheimdienstleuten und mit Al-Qaida-Leuten zu reden oder um sich mit Dokumenten zu versorgen, die den Kurden in die Hände gefallen sind.

Die Strategie wird offen zugegeben. „Wir wollen“, sagt die um unsere Sicherheit besorgte Pressefrau, „dass ihr der Welt erzählt, wie es hier ist, dass wir seit Jahrzehnten schon in dem Krieg stehen, den Europa jetzt verhindern will. Aber nur dieser Krieg wird uns und dem irakischen Volk Frieden bringen.“

Es gibt 150 Zeitungen, Magazine, Wochenzeitungen, 20 Radiostationen, vier TV-Sender in Kurdistan. Kommunistische, nationalistische, säkulare und streng religiöse. Frei sind sie und manchmal sogar frech – auch wenn es den feudalen Führern nicht passt.

Mittwoch, im Basar von Halabdscha und am Checkpoint

Halabdscha ist eine Stadt gebeugter Männer. Nur selten sind Frauen oder Kinder in den Gassen unterwegs. Wenn man welche sieht, dann fällt der Blick zuerst auf ihre deformierten Köpfe. Es sind Kinder, bei deren Anblick man weinen möchte. Kinder, deren Mütter und Väter vor 15 Jahren dem Gasangriff ausgesetzt waren und überlebt haben. Die Erinnerung an den 16. März 1988 lässt niemanden los. Es war der Tag, an dem Saddam Hussein die ganze Stadt vergasen wollte – und 5000 Menschen starben.

Aber auch eine ganz akute Angst lähmt die Bewohner von Halabdscha. Vor knapp einer Stunde hat sich an einem Checkpoint der PUK am Stadteingang ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Die Wucht der Explosion hat den Jeep, mit dem der Mann unterwegs war, zwanzig Meter durch die Luft gewirbelt, bevor er auf allen vier Rädern wieder aufsetzte. Auf der Straße lagen die zerfetzten menschlichen Überreste von vier Kurden. Jedem ist klar, der Sprengstoff explodierte zu früh. Das Ziel des Attentäters war das belebte Zentrum von Halabdscha.

Die Ungewissheit verschließt den Männern den Mund. Vor unzähligen Teestuben stehen Menschen dicht gedrängt. Sie rauchen und trinken, grüßen und antworten auf Fragen, bis die eine gestellt wird, die Frage nach Ansar-e Islam. Wie auf Befehl verstummen die Männer und weichen zurück. Den Peshmerga-Kämpfern ist dies unangenehm. Sie schieben die Menschen zurück und drängen sie, Fragen zu beantworten. Doch die Männer von Halabdscha schütteln nur stumm ihre Köpfe.

„Gehen Sie“, sagt schließlich einer, „gehen Sie schnell weg von hier.“ Die Stadt sei in ihrer Angst vor Ansar-e Islam gefangen, raunt uns ein anderer zu. „Ansar hat überall seine Augen und Ohren, auch hier, und wenn wir mit ausländischen Journalisten reden, dann werden sie kommen und uns und unsere Frauen und Kinder töten. Sie schlachten uns. Sie hassen euch, und sie werden euch töten und uns auch.“ Er läuft schnell davon.

In ihrem Herrschaftsgebiet um Biyara an der iranischen Grenze haben die Islamisten ein System geschaffen, das wie ein Abziehbild der Taliban-Herrschaft in Afghanistan wirkt. Frauen dürfen, wenn überhaupt, nur in Begleitung ihrer Männer und in der Burka verhüllt auf die Straße, Männer müssen sich Bärte stehen lassen. Musik und Spiele sind verboten. Flüchtlinge aus dem Gebiet der Ansar-e Islam berichten, dass auf Befehl der arabischen Mudschaheddin ein weit verzweigtes Höhlensystem in die Berge getrieben worden sei. Die Menschen dort nennen es „Little Tora Bora“.

Ansar ist al-Qaida – hatte der PUK-Kommandeur Said Sofi gesagt. Tatsächlich gibt es Verbindungen. Neben einem Handbuch zur Bombenherstellung und einer Munitionsinventarliste von al-Qaida fand ein Reporter der New York Times in einem Al-Qaida-Gästehaus in Kabul Dokumente des Netzwerkes mit dem Datum 11. August 2001. Auch sie belegen, dass Ansar-e Islam mit al-Qaida eng verbunden ist. In den Dokumenten, so die New York Times , fänden sich Namenslisten mit den Pseudonymen von Afghanistan-Kämpfern. Darunter auch die von Kurden. Ebenso ein Memorandum der „Irakischen Islamischen Kurdistan Brigade“ in Afghanistan, in dem kurdische Städte wie Biyara aufgelistet waren. Die verschiedenen islamistischen Gruppen Kurdistans wurden demnach aufgefordert, sich zu vereinen und das Land nach den Regeln der Taliban zu beherrschen. Der Weg dorthin, zitierte die New York Times aus den Dokumenten, sei der Weg des Dschihad im Krieg gegen die „Kreuzzügler und Juden“. Er entspricht der Kriegserklärung von al-Qaida von 1998. „Verjagt diese Juden und Christen aus Kurdistan und geht den Weg des Dschihad. Beherrsche jedes Stück Land, das du beherrschst, unter der Herrschaft der islamischen Scharia.“, heißt es in dem Memorandum der irakisch-islamischen Kurdistanbrigade.

Am 1. September 2001, zehn Tage vor dem Anschlag auf die Twin Towers und das Pentagon, kam eine ganze Al-Qaida-Truppe über den Iran in das Gebiet um Biyara. Führer aus dem Kreis der 15-köpfigen Schura, dem Rat von Ansar, waren zuvor eigens zu Osama bin Laden gereist, unter ihnen die zurzeit wichtigsten Ansar-Führer in den Shinerve-Bergen. Zwei Wochen später ging aus der Jund-ul Islam, der Vereinigung verschiedener islamistischer kurdischer Gruppen, Ansar-e Islam hervor. Ihr nomineller Führer wurde Najim-al-Din Faraj Ahmad, besser bekannt unter dem Namen Mullah Krekar.

Mullah Krekar, zurzeit im norwegischen Exil, bestreitet in Interviews jede Verbindung von Ansar-e Islam zu al-Qaida. Er sei, so berichtet die New York Times, schon in den achtziger Jahren in Afghanistan und Pakistan Schüler von Abdullah Azzam, dem Gründer und Vordenker von al-Qaida gewesen. Über dessen Zögling Osama bin Laden spricht der kurdische Mullah im Exil mit Verehrung. Bin Laden sei „das Juwel in der Krone des Islam“, so Krekar im Spiegel.

Suleimanija, in Remy’s Nachtclub

Mitternacht in Suleimanija – im Remy’s Club drängen sich UN-Mitarbeiter, junge Kurden und Journalisten an die Bar. Jemand hat Geburtstag, aus dem Lautsprecher dröhnt Stairway to Heaven von Led Zeppelin. Die Lautstärke ist so hoch wie der Alkoholpegel der Besucher. Es stinkt nach kaltem Zigarettenrauch, teurem Whisky und schlechtem Parfum. Remy’s Club liegt direkt neben dem örtlichen Hauptquartier der UN. Das macht Sinn. Die UN-Mitarbeiter sind die besten Kunden.

Am Mittag ist in einem zerschossenen Haus eine Ausstellung eröffnet worden. Bevor die Panzergranaten einschlugen, hatten hier – bis 1991 – Saddam Husseins Geheimdienste ihr Hauptquartier. Hier wurde gefoltert und getötet. Dies war eine der Zentralen, in denen die Planungen für den Massenmord an den Kurden reiften. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sind rund 100000 Menschen den Gräueltaten Ende der achtziger Jahre zum Opfer gefallen. „Jede Familie in Kurdistan“, sagt der kurdische Minister für Menschenrechte Salah Rashid, „hat mindestens einen Sohn, eine Tochter oder Vater oder Mutter verloren.“ Die Kurden nennen eine Zahl von 150000 bis 200000 Toten.

Und jetzt stehen bei Schneeregen fröstelnd Hunderte Männer und Frauen, Journalisten und Politiker im Hof der ehemaligen Terrorzentrale herum und warten. Sie warten auf Ann Clwyd, eine englische Parlamentsabgeordnete. Die Labour-Politikerin hat die Ausstellung mit organisiert. Als die Abgeordnete eintrifft, setzt sich die Besucherschar schweigend in Bewegung und zieht durch die Flure der einstigen Folterwerkstatt. Vorbei an Mauern, an denen Fotos hängen. Bild um Bild – Erinnerung an das Sterben, die Flucht und die Vertreibung der Kurden durch das Regime von Saddam Hussein. Bilder von Opfern und Bilder von Tätern. Eines zeigt drei Männer. Sie sitzen auf ihren Fersen, lächeln schelmisch. Einer schaut direkt in die Kamera, hebt die Hand zum Victory-Zeichen. In seiner anderen Hand hält er den abgeschnittenen Kopf eines kurdischen Jungen. Unter den monotonen Klängen der Klagemusik fragt jemand die Engländerin, wie sie sich hier fühle. Sie erstarrt, schaut fassungslos hoch, fängt an zu weinen, heult und heult. Später wird sie in die Mikrofone sagen: „Das einzige Mittel, dies in der Zukunft zu verhindern, ist Krieg – Krieg gegen Saddam.“

In Remy’s Bar reden sie bis spät in die Nacht mit der angestrengten Ernsthaftigkeit von Leuten, die viel getrunken haben. UN-Mitarbeiter, die für den Krieg sind, streiten mit Journalisten, die dagegen sind, und umgekehrt. Die Diskussion wogt hin und her, es geht um Inspektionen, Gas, Völkerrecht und Erstschlag. „Wie kann man gegen diesen Krieg sein“, stöhnt ein UN-Mann, „wenn man diese Bilder gesehen hat?“ – „Aber wie kann man für diesen Krieg sein, wenn man weiß, wie viele Zivilisten verrecken werden?“, hält ein Journalist dagegen. Die Mitarbeiter der UN wissen, dass sie derzeit in diesem Teil des Irak nicht wohl gelitten sind.

Samstag, im Gefängnis von Suleimanija

Das Gefängnis der kurdischen Geheimpolizei ist ein kleiner zweistöckiger Bau. Weiß getüncht, mit Türen, die Besuchern offen stehen. Die Kurden sind stolz auf dieses Gefängnis. Ausländische Menschenrechtsorganisationen wie Medico international bescheinigen den örtlichen Behörden, dass sie die Gefangenen gut behandeln. Keine Rede von Folter. „Überzeugen Sie sich davon!“, schlägt ein Mitarbeiter des Geheimdienstes in der Lobby des Palace Hotel vor. Mit dem Ergebnis, dass die Gefangenen, ob nun islamistische al-Qaida, kurdischer Ansar-e Islam oder irakischer Geheimdienst, mittlerweile ganze Stapel an Visitenkarten ausländischer Journalisten vorweisen können, von New York Times, New Yorker, Los Angeles Times und Le Monde.

Der 33 Jahre alte Mann mit dem Decknamen Al Shamary ist einer, der im Besucherraum ruhig und ganz und gar nicht wie einstudiert seine Geschichte erzählt. Aufpasser sind nicht dabei. Auf dem Heizstrahler steht eine Kanne Tee, Al Shamary serviert. Sein richtiger Name sei Haider Al Shmari, sein Beruf: Unteroffizier des irakischen Geheimdienstes.

„Wie werden Sie hier behandelt?“

„Gut, ich kann nicht klagen“, antwortet er und schaut spöttisch, als wisse er, welche Frage jetzt kommt.

„Sind Sie gefoltert worden?“

Er lächelt. „Nein, man behandelt uns gut hier.“

Al Shamary registriert die Skepsis, er bietet Details an. Er nennt den genauen Namen und Ort seines Dienstes in Bagdad, nennt die Namen seiner Vorgesetzten und zählt detailliert die Stationen seiner Karriere als Mitglied des Geheimdienstes von Saddams Schwiegersohn Hussein Kamel auf. Dieser war bis zu seiner Flucht nach Jordanien 1995 der wichtigste Mann im chemischen und biologischen Waffenprogramm des Irak. Erst seine Flucht und seine Hinweise ermöglichten es den UN-Inspektoren, Teile von Saddam Husseins Massenvernichtungsprogramm zu finden.

Al Shamary will im Auftrag Bagdads den Waffenschmuggel zu Ansar-e Islam mitgeplant haben. Zwischen September 2001 und dem 6. Juni 2002, als er von der PUK verhaftet wurde, habe er drei Tonnen Material – Mörsergranaten, Gewehre, TNT, Minen und Munition – aus Bagdad organisiert. Auf kleinen Pick-up-Trucks verladen, seien die Waffen ins Ansar-Gebiet geschafft worden. Bei jeder Warenlieferung seien auch chemische und biologische Substanzen gewesen, die in einfachen Labors in den Bergen aufbereitet worden seien. Rizin, Anthrax, Aflatoxin.

„Wo sind diese Laboratorien?“

Al Shamary antwortet, ohne zu zögern. „In Sargat.“

„Das ist der Ort, von dem Colin Powell behauptet hat, dort befände sich eine chemische Kampfstofffabrik. Wir waren dort, viele Journalisten, Kamerateams, auch ich, und wir haben nichts gefunden.“ Al Shamary zuckt mit den Schultern. „Sie glauben tatsächlich, dass Sie alles gesehen haben? Ansar-e Islam lässt Sie dort doch nur rein, wenn sie vorher alles vorbereitet haben! Für wie dumm halten Sie die Afghanis?“

Tatsächlich war beim Pressetermin auf Ansar-e-Islam-Territorium alles streng kontrolliert. Als einige Journalisten sich abseits des Geländes, das die Ansar-Kämpfer zur Besichtigung freigegeben hatten, umschauen wollten, kippte die Stimmung. Die bärtigen Gastgeber entsicherten ihre Kalaschnikows und trieben die Journalisten zurück. Ein Bereich in Sargat, der mit Stacheldraht gesichert war, blieb tabu. An den Drahtverhauen prangten sichtbar die internationalen Gift-Warnschilder.

„Die chemischen Waffen, die Laboratorien, die Orte, an denen mit Kampfstoffen an Hunden und anderen Tieren experimentiert wird, werden alle von den arabischen Afghanistan-Mudschaheddin kontrolliert“, sagt Al Shamary. „Sie haben dort oben chemische Kampfstoffe, und sie haben sie in den vergangenen Monaten an andere Gruppen weitergegeben.“

Al Shamary antwortet geduldig auf jede Frage während des fast vierstündigen Gesprächs. Er bietet wieder Tee an, dann kommt er auf Saddam Hussein zu sprechen und dessen Verbindungen zu al-Qaida. „Natürlich haben seine Geheimdienste mit al-Qaida kooperiert. Sie haben gemeinsame Feinde: die USA, Israel, das Saudische Königreich und die kurdischen Autonomiegebiete. Zwar war Saddam Hussein nie ein religiöser Mann. Er hat im eigenen Land die Islamisten verfolgt und getötet. Das hindert ihn nicht daran, Osama bin Laden und Ansar-e Islam zu unterstützen, auszubilden und bei Bedarf zu benutzen.“

Der Häftling skizziert ein Zweckbündnis zwischen Saddam Hussein und al-Qaida. Es habe 1992 begonnen, als Aimann Zawahiri, damals Führer des ägyptischen Islamischen Dschihad, zum ersten Mal Bagdad besuchte. Die Geheimdienste Saddam Husseins hätten zwischen 1994 und 1995 mit Vertretern von al-Qaida im Sudan zusammengearbeitet, dort die Kader des Netzwerkes trainiert. Nach der Vertreibung von bin Laden aus dem Sudan seien vor allem seit 1998 in mehreren Trainingslagern im Irak Al-Qaida-Kämpfer von Spezialisten der Einheit 999, einer Elitetruppe des irakischen Diktators, ausgebildet worden. Der wichtigste Verbindungsmann Saddam Husseins zu al-Qaida sei seit 1995 ein Mann namens Abu Wael. Al Shamary beschreibt ihn als einen 65 Jahre alten Major des irakischen Geheimdienstes.

Sonntag, im Gefängnis von Suleimanija

„Reden Sie mit Kaiis Ibrahim Kadir“, hat der kurdische Geheimdienstoffizier vorgeschlagen, als er einen weiteren Besuch im Gefängnis anregte. Durch die Tür zum Besucherraum tritt ein schmächtiger junger Mann mit langem schwar-zem Bart. Er grüßt mit dem muslimischen Salam aleikum, sieht die ausgestreckte Hand: „Sind Sie Muslim?“, fragt er.

„Nein.“

„Dann sind Sie unrein. Ich beschmutze mich nicht dadurch, dass ich Ihnen die Hand gebe.“

Ibrahim Kadir ist 27 Jahre alt, ein Kurde aus Erbil. „Sind Sie bereit, ein Märtyrer zu werden?“, will ich von ihm wissen.

Da reckt er sich auf seinem Stuhl auf, die Augen sprühen. „Ich war es, ich bin es, ich werde es immer sein!“

Ibrahim Kadir hat im April 2002 zusammen mit vier anderen Ansar-e-Islam-Kämpfern versucht, den kurdischen Premierminster Bahram Salih vor seinem Haus in Suleimanija zu töten. Der Anschlag misslang, fünf Leibwächter des Politikers und die anderen vier Angreifer starben. Auftraggeber des Anschlages war, sagt Ibrahim Kadir, ein Mann namens Qodama. Bei seinen Verhören durch den kurdischen Geheimdienst wurden ihm die Bilder mehrerer Männer vorgelegt, Kadir identifizierte Kaduma auf Anhieb. Der Mann auf dem Bild, auf das Kadir zeigte, nennt sich auch Abu Mussa Zarkawi. Er ist ein hochrangiges Al-Qaida-Mitglied.

„Zarkawi arbeitet mit dem irakischen Geheimdienst zusammen, ist er auch Al-Qaida-Mitglied?“

Ibrahim Kadir wehrt ab. „Ich bin ein Anhänger von al-Qaida, ich bin Mitglied von al-Qaida, und ich sage Ihnen, niemals würde al-Qaida mit Saddam Hussein zusammenarbeiten.“

Bevor Kaiis Ibrahim Kadir im Januar 2002 zu Ansar-e Islam in die Berge gegangen war, betätigte er sich als Kurier im Auftrag von al-Qaida. Er reiste nach Syrien, Jordanien und in den Jemen. Der Weg führte ihn auch für einige Wochen nach Bagdad.

„Was haben Sie dort gemacht, wie haben Sie das finanziert?“

Kadir lächelt sein immer gleiches, sanftes Lächeln. „Sie müssen wissen, ich bin bereit, mit Ihnen zu reden. Ich sage Ihnen vieles, aber nicht alles. Ich habe nicht mit Saddam zusammengearbeitet. Und Geld ist nie ein Problem.“ Seine Reise führt ihn weiter nach Amman zu Gesprächen mit Hamas und Vertretern des Palästinensischen Dschihad.

„Haben Sie über eine Zusammenarbeit mit beiden Gruppen gesprochen?“

Er verneint, man habe eben geredet. Dann nennt er Namen. Khaled Michal, Hamasvertreter, sowie Abu Mohammad Mekdessi.

„Wer ist das?“

Kaiis Ibrahim Kadir grinst zum ersten Mal spöttisch. „Sie müssen wirklich hinnehmen, dass ich Ihnen nicht alles sagen werde.“

„Belügen Sie mich?“

„Nein, ich sage Ihnen nicht alles, aber belügen werde ich Sie nicht.“

Es ist spät geworden, Ibrahim Kadir steht auf. Ein heiliger Krieger Gottes, sanft, ruhig, ein gebildeter Mann. Er verabschiedet sich. Die angebotene Hand übersieht er. In der Tür dreht er sich um. „Wir sind im Krieg miteinander“, sagt er, „Ihre Welt und meine, Sie und ich.“

„Im Krieg wird getötet. Heißt das, Sie würden mich töten, wenn Sie könnten? Ich habe Ihnen nichts getan.“

„Nein, Sie haben mir nichts getan, ich habe nichts gegen Sie persönlich. Ja, ich würde Sie töten, wenn ich könnte. Sie stehen für das, was die Muslime vernichten will.“ Der Dolmetscher übersetzt, zieht die Augenbrauen hoch.

„Ich kämpfe nicht gegen Sie. Ich bin Zivilist. Ihr Glaube verbietet Ihnen doch, unschuldige Zivilisten zu töten.“

„Sie sind Teil des Systems“, fährt Kadir fort. „Auch wenn Sie Zivilist sind. Ich würde Sie als Gefangenen nehmen, um Sie gegen unsere Gefangenen auszutauschen. Wenn das nicht ginge, würde ich Sie töten.“

„Wie würden Sie mich töten, so wie ihre Brüder von Ansar-e Islam die Peshmerga-Kämpfer am 4. Dezember 2002 geschlachtet haben?“

„Sie taten dies, und wir sind stolz darauf“, sagt Kaiis Ibrahim Kadir. Er lächelt dabei milde.

Montag, in den Hügeln bei Halabdscha

Erstaunlich, was einem in diesen Tagen in den Bergen Kurdistans widerfahren kann. Man trifft dort auf Krieger Gottes, Freunde von Osama bin Laden, die einen höflich nach der Visitenkarte fragen, bevor sie die eigene überreichen. Auf der dann beispielsweise als Beruf „Consultant“ vermerkt ist. So ist es auch bei einem Mann, der Mustafa heißt. Alt und grau, aber mit einem Händedruck, der Knochen zerbrechen kann. Ein in sich ruhender Mensch, der sagt, dass er bereit sei für den Tag, an dem Mullah Ali Bapir ihm den Befehl gibt, ein Märtyrer zu werden.

„Sie würden sich in die Luft jagen?“

Der 56 Jahre alte Mustafa streicht sich bedächtig durch den schneeweißen Bart. Er nickt nur mit dem Kopf.

„Gegen wen werden Sie sich als menschliche Bombe wenden?“

Mustafa schaut auf: „Gegen die Amerikaner natürlich, wenn sie kommen, und sie werden kommen.“

Das Treffen mit Mustafa und Mullah Ali Bapir war lange geplant worden. Bewaffnete Krieger hatten hinter einem Checkpoint der PUK am Fuß der Berge auf uns gewartet. Es folgte eine schweigsame Fahrt durch das Gebiet von Mullah Ali Bapir, dem Führer und spirituellen Kopf der Islamischen Gruppe Kurdistans. Kein Peshmerga der PUK betritt das Gebiet von Mullah Bapir. Ali Bapir hat enge Beziehungen zu Ansar-e Islam. Seine bewaffneten Krieger, 2000 Mann, stehen Gewehr bei Fuß.

Ali Bapir residiert in einer Bergfestung, unweit von Khormal, einem Ort mit vielleicht 5000 Einwohnern. Dutzende schwer bewaffneter Krieger bewachen sie. Von hier aus ist das Hügelland bei Sargat, wo Ansar seine Laboratorien versteckt haben soll, mit bloßem Auge zu erkennen. Das Quartier im Berg ist bestens ausgestattet, Computer, Internet-Zugang, Satellitenanlagen. Der 42 Jahre alte Mullah Bapir zeigt alles stolz, dann eröffnet er das Gespräch: „Die Kämpfer von Ansar-e Islam sind unsere Brüder“, sagt er, „wir haben dasselbe Ziel. Im Geiste und im Glauben.“

„Auch im Handeln?“

Der Mullah wiegt seinen Kopf hin und her. „Unsere Feinde sind dieselben, die, die den Islam verraten, und die, die ihn bekämpfen.“

„Sind das aus Ihrer Sicht die Amerikaner?“

Neben Bapir sitzt ein groß gewachsener Mann, dessen hageres Gesicht von einem pechschwarzen, kurz geschnittenen Bart umrahmt wird. Er trägt auf seinem Kopf eine schwarze Mütze, er ist es, der jetzt antwortet. „Die Amerikaner sind eingeladen, sie sollen nur kommen. Sie haben es bis heute nicht in Afghanistan geschafft, al-Qaida in den Bergen zu besiegen. Unsere Berge hier sind die gleichen wie die Berge in Afghanistan.“ Die Männer um ihn herum nicken ruhig und stolz mit den Köpfen.

„Was ist in Sargat? Haben Sie, hat Ansar-e Islam dort in Laboratorien mit chemischen und biologischen Substanzen gearbeitet?“

Mullah Ali Bapir lässt sich mit der Antwort Zeit. „Es gibt in Sargat keine Fabriken für chemische Waffen, wie das Colin Powell behauptet hat. Sie waren dort, haben Sie irgendetwas gefilmt, das wie eine Fabrik aussieht?“

„Nicht Fabrikanlagen. Haben Sie dort Labors, sind dort chemische Kampfstoffe? Etwa in dem Areal, das von Stacheldraht umzäunt ist, an dem die Warnschilder mit dem Totenkopf hängen.“

Mullah Ali Bapir steht auf. Es ist Zeit zu beten. „Gehen Sie hin, schauen Sie nach“, sagt er noch. „Was geschieht, wenn wir das tun?“

Mullah Ali Bapir antwortet nicht mehr. Er betet nun. „Dann sind Sie tot“, sagt der „Consultant“ Mustafa und begleitet die Besucher zur Tür. Jemand drückt mir zwei CD-ROMs in die Hand. Die Krieger von Mullah Ali Bapir verabschieden sich freundlich, wünschen für den Weg Gottes Frieden.

Nacht auf Dienstag, Palace Hotel, Suleimanija

Der Computer läuft. Die CD-ROMs wurden geöffnet. Auf dem Monitor erscheinen die Bilder des Massakers am 4. Dezember, der Nacht, in der Dyari Mohammad sieht, wie sein Freund um sein Leben fleht. Auf der Ladefläche eines Pick-up-Trucks kniet ein Ansar-e-Islam-Kämpfer. Vor ihm auf der Straße liegen die Leiber der Geschlachteten.

Er lächelt. Es ist der groß gewachsene Mann, der neben Ali Bapir saß.

 
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