Politik Starr vor Angst

Das lange Gezerre um den Irak hat einen Nebeneffekt: Es ermöglichte die erste kinderpsychologische Vorkriegsstudie

Vielleicht wird der Krieg gar nicht so schlimm. Wenn die Bomber kommen, sagt ein kleines Mädchen, wird ihre Schwester ihr die Bettdecke über den Kopf ziehen, dann kann nichts passieren. Eine andere fühlt sich geschützt, weil ihr Bruder in seinem Zimmer ein Messer hat – zwei Aussagen aus Gesprächen norwegischer Psychologen mit kleinen Kindern in der irakischen Hauptstadt Bagdad und dem weiter südlich gelegenen Basra.

O wunderbare Welt der modernen Kriegsführung! Intelligente Waffen, fertig vorbereitete Flüchtlingslager, und ehe die erste Bombe fällt, schicken die Hilfsorganisationen schon ihre Seelenärzte aufs künftige Schlachtfeld. Im Fall des Irak hatte das diplomatische Gezerre der letzten Monate den Helfern reichlich Zeit verschafft, ein Umstand, dem die Welt nun „die erste psychologische Vorkriegs-Feldstudie aller Zeiten mit Kindern“ verdankt, wie die Autoren stolz vermelden .

Die Kinderpsychologen Atle Dyregrov und Magne Raundalen haben die Folgen des Krieges in aller Welt studiert, auf dem Balkan, in Afrika, auch im Irak. Schon vor gut elf Jahren hatten sie als Teilnehmer des International Study Team eine beeindruckende Bestandsaufnahme der Auswirkungen des Golfkriegs zusammengetragen. Jetzt haben sie eine knappe, fast trockene, aber nichtsdestotrotz eindringliche Beschreibung eines Phänomens vorgelegt, das man einen Kollateralschaden der amerikanischen Drohkulisse nennen könnte. Interviews mit 85 Kindern aller Altersgruppen und 232 Fragebögen von Schülern zwischen 10 und 16 Jahren ergeben ein deprimierendes Bild: Der Aufmarsch der „Koalition der Willigen“ hat viele von ihnen in einem Maße eingeschüchtert, das um ihre geistige Gesundheit fürchten lässt.

Nun ist der Krieg eine durchaus realistische Bedrohung – „Tausende, wahrscheinlich Zehntausende und möglicherweise Hunderttausende“ von irakischen Kindern werden in den kommenden Monaten ihr Leben verlieren, schätzt das Study Team. So gesehen ist Angst eine verständliche und keinesfalls ungesunde Reaktion. Die Kinder aber, die Dyregrov und Raundalen in Bagdad und Basra antrafen, waren nicht bloß verängstigt. Sie waren erschöpft, resigniert, depressiv, tagsüber verfolgt von Gedanken, die sie nicht denken wollen (häufig, sagen 43 Prozent), nachts geplagt von Albträumen (fast ständig, sagen 38 Prozent) und unfähig, die ungeheure Drohung, die über ihnen schwebt, emotional zu verarbeiten. In den Worten des neunjährigen Hama: „Oft fühle ich nichts, gar nichts.“ Dass das Leben gegenwärtig nicht lebenswert sei, finden 17Prozent manchmal und 37 Prozent meist.

Man mag bezweifeln, dass dieser Befund allein der Angst vor dem kommenden Krieg zuzuschreiben ist. Kriege, Aufstände und die UN-Sanktionen haben Unterernährung, Krankheit und frühen Tod im Irak alltäglich werden lassen, und in Basra, das in der südlichen Flugverbotszone liegt, hat der Golfkrieg im Grunde nie aufgehört. Wo Nahrung, Medikamente, Trinkwasser fehlen, da mangelt es auch an Hoffnung und Trost. „Die mentalen Ressourcen der irakischen Eltern wurden über einen langen Zeitraum erschöpft, und zusammen mit anderen negativen Einflüssen könnte das katastrophale Folgen für die psychische Gesundheit ihrer Kinder haben“, schreiben Raundalen und Dyregrov.

Doch ein neuer Krieg brächte größere Schrecken in ein Land, dessen Kinder mehr vom bewaffneten Konflikt wissen, als gut für sie ist. Schon Vier- und Fünfjährige, stellten die Psychologen fest, haben einen recht genauen Begriff von der physischen Bedrohung, die von Gewehren oder Bomben ausgeht: Dass diese Waffen Häuser zerstören, Brände entfachen, Menschen töten, muss diesen Kindern niemand mehr beibringen. „Sie kommen von oben, aus der Luft, und werden uns umbringen und zerstören“, glaubt die fünfjährige Sheima. „Die Luft wird kalt und heiß sein, und wir werden ganz doll brennen“, gab Assem, ebenfalls fünf Jahre alt, zu Protokoll. Und längst nicht alle unter den Kleinsten glauben, unter der Decke einer großen Schwester Schutz zu finden. „Wir werden alle sterben“ – auch diesen Satz notierten die Kriegsforscher im Gespräch mit einem Kind im Vorschulalter.

Unter den Älteren, immerhin, blicken zwei von dreien optimistisch in die Zukunft. Dennoch werden auch die Schulkinder von Sorgen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen geplagt. Und in ihre Angst mischt sich Empörung. Dass der nächste Krieg ihrer Befreiung dienen soll, hat sich in den Kinderzimmern von Bagdad und Basra noch nicht herumgesprochen. Es gehe ums Öl und darum, die Vorherrschaft des Westens zu sichern, meinen die Teenager. Dies Urteil, schreiben die Psychologen, sei nicht bloß mechanisch reproduzierte Regierungspropaganda, sondern die feste Überzeugung ihrer Interviewpartner. Politisch-religiöse Konzepte wie „die muslimische Welt“ spielen in ihren Vorstellungen keine Rolle, Kritik an der politischen Elite ihres Landes allerdings ebenso wenig. Zugleich offenbaren viele dieser Kinder, die doch von den Glaubwürdigkeitsproblemen einer Supermacht wenig wissen, einen bemerkenswerten Realitätssinn. Der Krieg ist für sie beschlossene Sache.

 
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