Irak-Konflikt Die Zerriebenen

Iraks Kurden träumen vom eigenen Staat. Sie hoffen auf Amerika und fürchten die Türkei. Ankaras Militär geht in Stellung. Eine Frontbegehung

Sacho/Silopi

Drei bewaffnete Kurden wachsen beim Reden schnell zu Helden. Groß sind die Gebärden, noch größer die Worte. „Die Türken sollen ruhig kommen“, sagt der eine Soldat und zupft an seinem Gewehrgurt wie an einer Gitarrensaite. „Wir werden sie an der Grenze stoppen“, prophezeit der zweite. „…und ihnen eine Lektion erteilen, die sie nicht vergessen werden“, warnt der dritte, der ein verziertes Kampfmesser an der Hosennaht trägt.

Die Stimmung ist aufgeraut in Sacho, einem verschlafenen nordirakischen Grenzstädtchen, das die Milizen der kurdischen KDP-Partei kontrollieren. Bisher stand der Feind allein im Süden und hieß Saddam Hussein. Seit neuestem zieht vom Norden Gefahr herauf. Ausgerechnet aus der Türkei, wo die Kurden vor zehn Jahren Schutz vor dem irakischen Diktator suchten. Auch die drei bewaffneten Männer fanden damals, im Golfkrieg 1991, Zuflucht in einem türkischen Flüchtlingslager.

Vierzig Kilometer nördlich von Sacho quälen sich lange Karawanen über den Tigris. Die Türken überqueren die löchrige Betonbrücke von Cizre, der letzten größeren Stadt vor der nordirakischen Grenze. Bis vor einer Woche fuhren hier die Händler durch in Richtung Irak. Nun aber: Jeeps, Unimogs, Mannschaftstransportwagen, Schwerlastzüge mit Panzern, Haubitzen, Raketenwerfern. Die zweite türkische Armee geht an der inzwischen geschlossenen Grenze in Stellung. Am Dreiländereck der Staaten Türkei, Syrien und Irak. Am Ufer des Tigris stehen Wachtürme. Ein Schild der türkischen Truppen warnt die Nachbarn: „Die Grenze ist unsere Ehre“. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt Syrien. Flussabwärts geht es nach Bagdad.

Der größte Lkw-Friedhof der Welt

Nach Umfragen sind 94 Prozent der Türken gegen den Krieg. Die Amerikaner wollen 62 000 Soldaten in der Türkei stationieren, um von dort aus den Irak anzugreifen. Bisher verweigerte sich das türkische Parlament diesem Ansinnen. Doch die türkische Armee selbst geht bereits in Stellung. Nach ihrem Aufmarsch sollen über 100000 Soldaten der zweitgrößten Nato-Armee an der Grenze stehen – und auf den Befehl aus Ankara warten.

Was will das türkische Militär im Irak, wenn das Volk und viele Parlamentarier finden, noch nicht einmal die Amerikaner hätten dort etwas zu suchen? Türkische Offiziere sind verschwiegene Leute. Sie sprechen höchstens mit pensionierten Offizieren. Die aber, des Maulkorbs entledigt, reden gelegentlich mit Journalisten. „Wenn es zum Krieg kommt, werden unsere Truppen eine Sicherheitszone von bis zu vierzig Kilometern im Irak unter Kontrolle bringen, um Flüchtlingslager zu errichten“, sagt ein Offizier im Ruhestand. „Sollten die irakischen Kurden verrückt spielen, würden wir weiter vorrücken. 70 Kilometer Minimum, wenn nötig bis zu 270 Kilometer.“ Damit stünden die Türken bereits vor der Stadt Kirkuk. Wozu? „Um die Wiederholung der Flüchtlingskatastrophe von 1991 zu verhindern“, sagt der Offizier. „Um die kurdischen PKK-Terroristen im Irak zu jagen. Um die nordirakischen Kurden daran zu hindern, einen eigenen Staat zu gründen. Und nicht zuletzt: Um ihnen den Weg zum Öl von Kirkuk zu versperren.“

Die Türken haben eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie der Irak nach Saddam Hussein aussehen sollte. Das wiederum mobilisiert die Kurden jenseits der Grenze. Am Montag ziehen im Nordirak Hunderttausende auf die Straße. In der Provinzhauptstadt Arbil brennen türkische Flaggen. „Provokation!“, schreit der türkische Außenminister Yas¸ar Yakis¸ auf. „Keine Interventionen von keinem Nachbarn!“, tönt es aus dem Hauptquartier der kurdischen KDP-Partei im Nordirak. „Jede türkische Einmischung sehen wir als Invasion“, warnt der KDP-Sprecher Hoschjar Sebari.

Die irakischen Kurden fürchten um ihre verwundbare Freiheit. Im Schutz amerikanischer Kampfflugzeuge ist ihr Landstrich in den vergangenen Jahren aufgeblüht. Im Nordirak leben die Kurden in fast glücklicher Autonomie. Allein, es fehlen ein Name für ihren Staat, die internationale Anerkennung – und die ersehnte Vereinigung aller Kurden. Ein großer Teil der zersplitterten kurdischen Volksgruppen lebt in der Türkei und stellt dort rund 13 Prozent der Bevölkerung. Zur Beunruhigung der türkischen Generäle und Eliten. Hier, an der irakischen Grenze, leben ausschließlich Kurden, eingerahmt von türkischen Soldaten.

Silopi ist das Wartezimmer des Krieges. Eine Ansammlung von Betonwohnquadern in einem panzerdurchpflügten Land, ein hingeworfenes Grenzlager, das in den vergangenen Jahrzehnten der Kriege viele Truppen vorbeiziehen sah. Nur die Hauptstraßen sind geteert. Die Seitenstraßen sandig, schlammig, wüst. Bürgersteige? Die gibt es vielleicht in Istanbul, nicht hier. Dicht an den Hauswänden und in den Höfen stehen abgewrackte Lkw. Kinder, viele Kinder spielen auf den Ladeflächen und in den Führerhäusern. Die Fahrzeuggerippe sind ausgeschlachtet, alle brauchbaren Ersatzteile verkauft.

Hacip war einmal ein wohlhabender Unternehmer. Sein taubenblauer Anzug und die ausgetretenen bordeauxroten Slipper erinnern daran. Jetzt hat er viel Zeit und sitzt mit Freunden in einer Teestube. „Die Grenze ist unser Geschäft“, sagt er immer wieder. Einst fuhren Hacips Tanklastwagen leer nach Sacho im Nordirak. Hinterdrein rollten die Anhänger, voll geladen mit Coca-Cola. Die amerikanische Flüssigdroge wurde weiter nach Bagdad verkauft. In Sacho füllte man den Tankwagen mit irakischem Diesel auf und fuhr zurück nach Silopi. Das Oil-for-Coke-Programm stand natürlich nicht im Regelkatalog des UN-Sanktionskomitees für den Irak. Doch im deregulierten Kurdistan zählen andere Dinge. Zum Beispiel der Grundsatz, dass Geldadel verpflichtet. Der reiche Hacip nahm diese Herausforderung an und heiratete zwei Frauen zugleich, natürlich grenzüberschreitend: eine Kurdin aus Silopi und eine Kurdin aus Sacho. Stolz zählt der 38-Jährige die Namen seiner zwölf Kinder auf.

Doch ist ihm all das zur Bürde geworden. Dem Dieselgeschäft haben die Türken bald nach den Anschlägen vom 11. September den Schlagbaum vorgeschoben. Silopis bedeutendste Sehenswürdigkeit liegt nun auf den Feldern vor der Stadt. Auf dem größten Lkw-Friedhof der Welt rotten über 50000 Laster vor sich hin. „Seitdem das Tor zu ist, stirbt hier alles“, sagt Hacip. „Die Amerikaner zwingen uns einen Krieg auf, der unser Leben zerstört.“ Und die Türken würden das eiskalt ausnutzen. „Sie wollen den kurdischen Staat im Irak zerstören“, sagt Hacip. Er zeigt auf sich selbst: „Schließlich werden sie uns in die Zange nehmen.“ Wen meint er mit „uns“? Hacip schweigt. Sein Freund, der mit dabeisitzt, schweigt. Minutenlang. Diese Kunst des Schweigens haben sie während des jahrelangen Bürgerkriegs im türkischen Osten gelernt. Dann flüstert der Freund: „Sie wollen unsere Kinder kaltmachen. Unsere Hoffnung zerstören. Die PKK. Deshalb gehen die Türken in den Irak.“

Von den Guerillatruppen der ehemaligen kurdischen PKK, die sich jetzt Kadek nennt, sollen sich noch knapp 5000 Kämpfer im nordirakischen Kandilgebirge verstecken, versprengte Kombattanten eines 15-jährigen Krieges. Es waren die Verhaftung des PKK-Führers Abdullah Öcalan und sein Aufruf zum Frieden, die die türkischen Streitkräfte 1999 bewogen, sich in die Kasernen zurückzuziehen. Über 30000 Tote, fast 3700 zerstörte Dörfer und mehr als drei Millionen Flüchtlinge hatte dieser innertürkische „Antiterrorkampf“ gefordert.

Die Wunden sind nicht verheilt. Der Südosten ist übersät mit planierten und gesprengten Häusern. Wo westtürkische Städte eine Industriezone am Ortseingang haben, residiert in Silopi, in Cizre und anderswo die „Jandarma“ – eine mobile Spezialtruppe im Einsatz gegen Terroristen und aufmüpfige Bürger. „Sie kontrollieren auch heute noch die Häuser“, sagt Hacip. Doch es gebe einen Unterschied. „Früher traten sie sofort die Tür ein, jetzt klingeln sie wenigstens vorher.“

„Alle mal das Licht aus!“

„Wir haben heute sehr viel zu verlieren“, sagt Feridun Çelik. Der kurdische Politiker und Bürgermeister von Diyarbakır, der Hauptstadt des türkischen Südostens, sitzt unter einem riesigen Porträt des türkischen Übervaters Kemal Atatürk. „Erst im vergangenen Herbst wurde der Ausnahmezustand bei uns aufgehoben. Die Wahlen im November waren so frei wie nie zuvor. Das Parlament hat Reformen verabschiedet, die uns erlauben, unsere kurdische Sprache zu lehren und im Radio zu sprechen.“ Pause. „Zumindest sollte es so sein.“ All das könne sich schnell ändern, fürchtet Çelik. „Wenn der Krieg ausbricht, gehen die Türken gegen die KDP-Milizen und gegen Kadek-Kämpfer im Irak vor. Die Kadek wird zurückschlagen, natürlich in der Türkei. Dann fällt der Krieg auf uns zurück.“

Der Waffenstillstand ist längst gebrochen. Am Jahresanfang stellten türkische Truppen in der Stadt Lice der Kadek nach. Es war ein ungleiches Scharmützel: zwölf tote Kämpfer und ein gefallener Soldat. Die Kadek sann auf Rache und griff eine Armeebasis in S¸ırnak an. Ein toter Soldat. Seither durchkämmt die Jandarma die Häuser. Die Zahl der Verhafteten im Januar war fünfmal so hoch wie im Dezember. Es werde wieder verhört, erniedrigt, auch gefoltert, sagen kurdische Anwälte. Demonstrationen sind strikt verboten. Doch haben die Kurden längst einen anderen Protestcode gefunden. „Alle mal Licht aus!“ heißt das Spiel jeden Abend um acht Uhr. Wenn die Stadt im Dunkel versinkt, rufen die Mutigen in die Nacht: „Nein zum Krieg!“, und natürlich den Klassiker: „Freiheit für Öcalan!“

In Hacips Lieblingsteestube in Silopi ist die Krise vom knarrenden Holzstuhl aus zu besichtigen. Draußen zieht gerade eine weitere Militärkolonne vorbei in Richtung Grenze. Drinnen kochen die Gerüchte. Einer von Hacips Freunden hat gehört, dass die türkische Armee die gefürchteten Dorfwächter für den Kampf im Irak ausbildet. Längst sollen türkische Voraustrupps im Irak stehen. Aus dem Fernseher dringt die Nachricht, dass im Parlament von Ankara wieder keine Mehrheit dafür stimmte, US-Truppen ins Land zu lassen. Die ganze Teestube applaudiert.

Bis auf einen, der stoisch widerspricht. „Der Krieg kommt trotzdem, egal, wie das Parlament abstimmt“, sagt Serdar, ein kurdischer Journalist. „Und wenn die Türken die Amerikaner nicht durchlassen?“, fragt Hacip. „Dann führen die Amerikaner den Krieg eben von Kuwait aus.“ – „Na gut, aber wenigstens bei uns wäre Ruhe.“ – Serdar lacht: „Von wegen, dann würde die türkische Armee auf eigene Rechnung in den Nordirak einmarschieren.“ Er zeigt auf die Militärkolonnen vor dem Fenster. „Denkt doch nur an die Bewaffnung der Kurden durch die Amerikaner. An das Öl von Kirkuk. An den kurdischen Staat.“ Das würden die Türken nie ertragen können. Hacip nickt düster. Serdar malt sein Szenario zu Ende: „Es wird einen Wettlauf von Türken und Kurden um Kirkuk geben, mit einigen US-Fallschirmjägern dazwischen.“ Die Koalition gegen Saddam Hussein sähe dann so aus: „Amerikaner und Briten gegen die irakische Armee im Süden, Türken gegen Kurden im Norden. In einem zermürbenden Krieg ohne schnelles Ende.“

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 11/2003
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