medien Gute Menschen, schlechte Menschen

„Deutschland sucht den Superstar“ – die einen finden Gold, die anderen sich selbst: Überleben im Karrierebrüter

Wenige Tage noch, dann wird der Superstar seinen vorerst letzten, seinen allergrößten Auftritt haben – und er wird im selben Augenblick Deutschland zu langweilen beginnen. Der Samstagabend liefert dann keinen sadomasochistischen Kick mehr, der Zirkus geht auf Tournee, na und, aber auf dem Bildschirm, da macht sich wieder Gottschalks öde Knutschwelt breit. Mediale Erregungen sind keine Dauerzustände, und bei Licht betrachtet waren ja auch nicht Daniel und Vanessa, Dieter Bohlen oder Onkel Stein die Hauptdarsteller dieses kuriosen deutschen Gesellschaftsdramas mit Musik, sondern die Angst und die Hoffnung. Erst muss wieder Gleichmaß einkehren, bis Deutschland abermals etwas sucht – und dabei ungewollt etwas über sich erfährt.

Im Grunde hatte gar nichts Neues stattgefunden. Das Vorbild-Format Pop Idols lief bereits in Großbritannien und den USA mit großem Erfolg. Casting-Shows wie Pop Stars oder Pop Academy haben den No Angels oder Bro’Sis das Zappelleben eingeblasen. Ungewohnt wirkte allenfalls die enge Verzahnung von Show und Soap, aber seit der berüchtigten Containerveranstaltung ist auch der Voyeurismus zur lieben Gewohnheit geworden. Wenn trotzdem der größte Fernseherfolg der letzten Jahre dabei herauskam, auf dem Höhenpunkt mit über 13 Millionen Zuschauern, am vergangenen Samstag mit 11,3 Millionen, dann ist die deutsche Seele aber wohl mit dem Zauberstab berührt worden.

Deutschland sucht den Superstar veränderte sich mit den Monaten, weil zur Freude aller immer wieder Überraschendes passierte und das Format ein paar Augenblicke lang in die Krise trieb. Bei aller Routine wirkte die Sendung bis zum Schluss eigentümlich „roh“, durchdacht, aber aufnahmefähig für Bedürfnisse und Fantasien aller Art, mit denen das Leben so ins Fernsehen schwappt. Es war der rechte Wettbewerb zur rechten Zeit, denn hier meldete die Generation Pisa ihren Anspruch an, auch ohne Lernstoff reich und berühmt zu werden. Dafür duckte sie sich unters Joch der Sekundärtugenden. Demgegenüber hatte Big Brother im Rückblick etwas Verlangsamtes, geradezu Üppiges, ein circensischer Spaß aus einer anderen Epoche: reine Zeitverschwendung, während draußen die Aktienkurse stiegen. Aus einem Rudel durchdrehender Oblomows ging am Schluss jemand als Medienliebling hervor, der mit der Küchenschere an seinen Brusthaaren herumschnippelte.

In dieser Hinsicht hat sich also etwas verändert. Doch ein so großer Erfolg würde Deutschland sucht den Superstar nicht geworden sein, wenn es bloß eine Anpassungsperformance gewesen wäre. Eher fand ein Initiationsritual statt: Zehn Talente wollen ins Musicbiz, und ein paar Türsteher winken sie herein oder weisen sie ab. Das ist natürlich symbolisch, in allen Gesellschaften werden die Jungen erst in die Erwachsenenwelt aufgenommen, nachdem sie einen anstrengenden Ringelpiez veranstaltet haben. Dieser Fall hier lag aber ausnahmsweise anders, und er war deswegen interessanter. Denn in Deutschland sucht den Superstar war die Erwachsenenwelt durchaus nicht der Maßstab.

Die Sendung amüsierte schließlich eine Gesellschaft, die rapide altert und von Jugendlichkeit besessen ist, die vor allem ein schlechtes Gewissen plagt, weil sie ihren Jüngeren keine Chancen mehr eröffnen kann. Wo wäre dieses schlechte Gewissen und das daraus hervorgehende Verlangen der Jugend nach Glück und Eigensinn anschaulicher zu inszenieren als in der Popmusik, im guten alten, zähen Pop, der sogar in jemandem wie Dieter Bohlen die Ideale der Freiheit und des Selbstseins verkörpern lassen kann?

Drollige Rituale hatten sich herausgebildet: Die Kandidaten nahmen die Urteile der Jury irgendwann nur noch mit einer Art indischem Gruß zur Kenntnis, die Handflächen aneinander gelegt, ein kurzes Nicken. Das wirkte servil und demons-trierte doch die Wurschtigkeit eines höheren Schicksalsglaubens: Am Ende entschieden ja doch die Mächte am Telefon. Als ausdauernd, fleißig, pünktlich, nervenstark mussten die Anwärter erscheinen, aber sie wären keine Objekte der Leidenschaft geworden, wenn sie nicht gleichzeitig mit ganz anderen Mitteln, nämlich mit den Waffen der Jugend gekämpft hätten, mit erotischem Versprechen und zickiger Verweigerung, mit pubertärem Trotz und kindlicher Weinerlichkeit. Sie sollten ja sie selbst und wohlbehalten bleiben, trotz des Zinnobers, den Stylisten, Choreografen, Vocal Coaches und Musiker, am Ende auch Psychologen und Rechtsanwälte mit ihnen anstellten.

Und die Kandidaten verstanden: Während die Entkernung ihrer Persönlichkeiten voranschritt, repräsentierten sie stolz die Idee der ursprünglichen Güte der Jugend. Ihr Trumpf war eine sympathische natürliche Fähigkeit – singen zu können. Ein solches Talent schätzen die Deutschen höher als Bildung oder Verdienst, denn böse Menschen haben in Deutschland bekanntlich keine Lieder. Der Widerstreit zwischen der harten Berufswelt und der kleinen Utopie wurde also ein weiteres Mal ausgetragen, und zwar im Zwiespalt, genauer gesagt in der Hassliebe, die das Publikum der Sendung entgegenbrachte. Die Zuschauer fieberten zwar mit ihren Kandidaten, aber ausgerechnet sie, sie waren gezwungen, jede Woche das konkurrenzkapitalistische Fallbeil auszulösen. Wer da nicht ein bisschen schizophren wird.

Auch das Publikum will singen, und es singt. Da zielen alle melancholischen Abgesänge auf die klassische deutsche Liedertafel ins Leere. Der Ausdruckswille manifestiert sich inzwischen woanders. Jede Woche findet eine Unzahl von Singewettbewerben und Castings statt, in Diskotheken und Studios, nur so zum Vergnügen oder für den Werbefilm, für die Soap im Winz-Sender oder die Pornoproduktion um die Ecke. Nicht weniger als 150 Casting-Agenturen helfen bei der Suche nach dem Traumjob. Die Deutschen möchten ein Volk von Kleindarstellern sein, sie lieben es, ihre Nase oder sonst was in die Kamera zu halten. Und selbst wenn man sich über so viel unbescheidene Bescheidenheit mokiert – die darin zum Ausdruck kommende Hoffnung muss man respektieren. Es ist in Ordnung, davon zu träumen, dass man sein Auskommen findet und dabei trotzdem etwas von sich bewahrt und zur Geltung bringt.

In den letzten Wochen ging es bei Deutschland sucht den Superstar gar nicht mehr so sehr ums Singen, sondern um jene Persönlichkeitsbilder, die auch im Fleischwolf der Popkarrieren heil bleiben – und für die sich der kostspielige Krieg mit dem Telefon lohnt. Der Feind des Fans ist das allmächtige, korrumpierende Business. Gegen das hat er – und auch sein Star – am Ende keine Chance, aber bis dahin ist der Fan ein Held und ein Schutzengel. Das Gemurmel über Knebelverträge und manipulierte Wertungen wird vorerst nicht verstummen. Der Fan ist natürlich paranoid, aber wenn man einen Blick auf die von lauter Bertelsmann-Tochterfirmen geknüpfte Verwertungskette der Sendung wirft, gibt es auch Anlass dazu: Fremantle Media kassiert für die Lizenz des Formats, Grundy Light Entertainment produziert, RTL und Vox strahlen aus, BGM und Bohlen machen die Platten, Mohn Media klatscht noch eine Illustrierte zur Sendung zusammen. Dafür hat Eintracht Gütersloh den „Synergiepreis 2002“ verliehen bekommen. Was soll man noch sagen? Zu Recht.

Das Medienpublikum misstraut dem Betrieb, gleichzeitig hat es Grund, misstrauisch gegen sich zu sein. Es hasst die Bild -Zeitung dafür, dass sie den Sex von 17-Jährigen skandalisiert, aber die meisten Fans würden Daniels oder Vanessas Lücke sofort ausfüllen. Das Publikum ist das Kanonenfutter des Boulevards, und es ist gleichzeitig der strenge, zahlende Souverän, dessen Launen auf dem Boulevard sofort Gesetz werden. Es spürt, dass es in Shows wie Deutschland sucht den Superstar vorgeführt wird, aber es weiß auch, dass in Zukunft kein TV-Großereignis mehr stattfinden, kein erfolgreiches Format mehr lanciert werden wird ohne seine Beteiligung. Das Fernsehen ist plebiszitär geworden. Die Fans nervten Moderatoren und Jury mit Buhrufen und überraschenden Telefonentscheidungen. Nicht vergessen: Es war schon einmal da, das Publikum, es hatte bereits vorgesungen. Der Aufmarsch der 10000 Antitalente ist noch gut in Erinnerung. Und das Bohlensche Blutbad, das folgte, war jene Kränkung, für die sich die Zuschauer mit aufmüpfigem Selbstbewusstsein rächten.

Wer dem Massenwillen eine mediale Form gibt und dafür sorgt, dass frei werdende orgiastisch-anarchische Energien nicht ganz unterdrückt werden, kann in Zukunft ein großes Geschäft machen. Das Plebiszitäre lässt sich nicht wieder austreiben. Als spontanes Bedürfnis, dabei zu sein und dauernd gefragt zu werden, hat es das Alltagsleben längst durchdrungen. Es soll Länder geben, die per Auswahlshow schon „den Minister“ suchen wollen („den DGB-Chef“? „den Tagesthemen- Moderator“? „den Kopf der Friedensbewegung“?) Die englische Firma Fremantle Media, die die Idee zu Pop Idols entwickelte, hat die Show mittlerweile in 14 Länder verkauft, auch in den Nahen Osten. Das klingt angesichts der Lage natürlich sonderbar. Aber die Vorstellung, wie Groß-Arabien aus zehn regionalen Diktatoren noch schnell seinen Super-Saddam kürt, ist doch nicht nur beklemmend, sondern auch ein bisschen lustig.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 11/2003
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