Menschen, die kaufen, schlagen sich nicht die Köpfe ein. Der "moderne Konsum", so der Kultur- und Medienwissenschaftler Norbert Bolz, "ist eine liberale, unblutige Form, sich Anerkennung zu verschaffen". Auch wenn es am Wühltisch zu Handgreiflichkeiten kommt – der konsumierende Mensch ist ein friedliebendes Lebewesen, das sein abenteuerliches Herz an industrielle Güter hängt. Sein ureigenes Terrain bildet nicht der heilige Kampf um letzte Werte, sondern der profane Kaufrausch im Angesicht schöner Waren.

Das Buch ist schlicht eine Provokation. Es stilisiert uns Konsumenten zu Antipoden des Fanatikers. Atta und seine Bundesgenossen, so muss man Bolz wohl verstehen, hätten ihr Geld besser unters Volk gebracht, anstatt religiösen Wahnideen nachzujagen. "Wer die Dinge so sieht, wird nicht mehr versuchen, den westlichen Universalismus der Menschenrechte zu exportieren, sondern die ,Risikostaaten‘ mit dem konsumistischen Virus zu infizieren."

Heilsam ist der Konsum, weil er eine Einübung in die Indifferenz und Kälte der säkularisierten Gesellschaft erlaubt, anstatt Zuflucht bei kulturellen Identitätsvorstellungen zu suchen. Bolz deutet den Fundamentalismus als "religiöses Heilsversprechen", dessen fanatische Anhänger sich dem gewaltfreien Diskurs des Liberalismus widersetzen und die überkomplexe Wirklichkeit auf den Stand überschaubarer Lebensverhältnisse zurückbomben wollen.

Wo der islamische Terrorist gegen die metaphysische Leere des Westens aufbegehrt, hat der Flaneur im Kosmos der Waren seinen Frieden mit ihr geschlossen. Angestachelt vom Glanz des Luxus und der Moden, erfüllt er sein Sinnbedürfnis durch "reflexives" Shopping, das er in den Konsumtempeln als "rituelle Handlung" betreibt. Der Fetischismus der Ware, von dem Marx einst sprach, findet sich in merkantilen Glücksverheißungen wieder, die bei jedem Einkauf ihre verführerischen Kräfte entfalten.

Unter Berufung auf Walter Benjamin betrachtet Bolz den Konsumismus als "Ersatzreligion", die kultische Züge besitzt. Dabei unterschlägt er allerdings die zunehmende "Verzweiflung", die das kapitalistische Individuum nach Benjamin erfasst und zur "Zertrümmerung" der bestehenden Welt treibt. Für Bolz besteht der Vorzug des Geldverkehrs darin, dass er von persönlichen Beziehungen entlaste und an die Stelle von Neid und Feindschaft die "Gleichheit der ausreichenden Kaufkraft" setze. Die "List der Wirtschaftsvernunft" verwandele die Gegner in Partner, mit denen sich ordentlich Profit machen lässt, und überführe so den latenten Kriegszustand konfessioneller Gemeinschaften ins Handelsparadies des globalen Kapitalismus.

Der Marktliberalismus als Garant des ewigen Friedens – das ist die entwaffnende Botschaft von Bolz, der seit seiner Zeit als kritischer Theoretiker großen Spaß daran hat, die letzten verbliebenen Kapitalismusverächter und "Gutmenschen" durch polemische Statements in Rage zu bringen. Dazu passt auch die Designersprache, mit der Bolz sein Lob auf "philosophy brands" anstimmt und die Werbung als "Gegen-Predigt zur Kulturkritik" feiert: Sie ähnelt dem teigigen Jargon, mit dem Trendbüros und Marketingagenturen ihre Kunden beeindrucken.

Das Hauptproblem liegt jedoch darin, dass Bolz ein Opfer seiner eigenen Theorie ist. Denn der beschworene "Marktfriede" ist nicht die Lösung des fundamentalistischen Terrors, sondern seine Ursache. Der Fanatiker will das Gehäuse der Sachlichkeit sprengen, das die ökonomische Vernunft errichtet hat. Sein Protest ist gegen den rationalistischen Geist der Moderne gerichtet, der den Tausch und die Gleichheit zum Maß aller Dinge gemacht hat. Bolz verkennt nicht nur die entmystifizierende Stoßrichtung des Fundamentalismus. Er macht sich zum Apostel eines Marktglaubens, der genau den säkularisierten Messianismus fortsetzt, den er den konsumfeindlichen Gotteskriegern vorwirft.