Film Adam und Eva im All

In seinem melancholischen Science-Fiction-Film „Solaris“ erzählt Steven Soderbergh von einer unsterblichen Liebe

Die Vorstellung hat etwas Verlockendes: mit dem geliebten Menschen in einer jenseitigen Zeitblase zu leben, in perfekter Harmonie. Ein ewiger entspannter Einklang der Gedanken und Gefühle, fernab vom irdischen Gezerre der Missverständnisse und Eitelkeiten. In Steven Soderberghs Film scheint dieser Zustand für einen Augenblick auf, als paradiesisches Chill-out-Gefühl, von zart pulsierenden Techno-Wellen umspült. Die von George Clooney und Natascha McElhone gespielten Figuren befinden sich in diesem Moment in einem nicht näher definierten Jenseits, im Aggregatzustand einer schwebenden Unsterblichkeit – nur sind die Dinge etwas komplizierter, als das sich zart umarmende Paar auf den ersten Blick suggeriert.

Wie Stanislaw Lems Romanvorlage und Andrej Tarkowskijs 1972 entstandene Erstverfilmung erzählt Soderberghs Solaris von einer Reinkarnation der besonderen Art: Die Erscheinung der schmerzlich vermissten Toten wird erst durch die Erinnerung ihrer Geliebten hervorgebracht. Die Wiedergeburt der Verstorbenen aus dem Geist der Lebenden – in dieser emphatischen Abhängigkeit von der Vorstellungskraft und dem Blick des anderen liegt das utopische Moment von Solaris.

George Clooney, vielleicht die coolste männliche Projektionsfläche dieses Kinojahrzehnts, spielt in Soderberghs Film einen Wissenschaftler, der seiner toten Geliebten verzweifelt hinterherträumt. Als Psychoanalytiker Chris Kelvin wird er ins All geschickt, um die geheimnisvollen Vorgänge in einer Raumstation aufzuklären. Angesichts des von bläulich irisierenden Ozeanen umwaberten Planeten Solaris scheinen die Astronauten unter kollektiven Wahnvorstellungen zu leiden. Verstorbene spazieren mit täuschend echter Körperlichkeit zur Tür herein, sprechen, besitzen nicht nur das Wesen ihrer entschwundenen Vorgänger, sondern auch deren Erinnerungen. Auch Kelvin, der zunächst alle Stacheln seiner rationalistischen Wissenschaftlerexistenz aufstellt, kann sich der Verführungskraft dieser materialisierten Sehnsüchte bald nicht mehr entziehen: In der Einsamkeit seines Weltraumschlafzimmers bekommt er Besuch von seiner verstorbenen Frau Rheya. Die zärtliche Wiederbegegnung der beiden filmt Soderbergh mit irritierenden Großaufnahmen, deren satte Cinemascope-Breite alles Physische hervorhebt. Jedes Härchen, jede Pore, jede Falte und jeder Wangenflaum, der wie goldenes Wiesenheu ins Bild ragt, verweist hier permanent auf die Vergänglichkeit der Helden. In den Totalen hingegen scheinen Soderberghs Figuren mit dem kühlen Techno-Design der Raumstation zu verschmelzen.

Abhängen im Space-Club

In Solaris geht es nicht mehr um den Kampf mit außerirdischen Existenzen oder um die Entfremdungen und Zumutungen einer Zukunft, die sich bei Lem und Tarkowskij noch in einem technizistischen „Solaristik“-Kauderwelsch widerspiegelte. Soderberghs Film beginnt da, wo die Wissenschaft ihrer eigenen Bankrotterklärung ins Auge sehen muss. Je nach Geschmack ist Solaris ein esoterischer oder transzendentalphilosophischer Science-Fiction, in dem die fremde Welt für den Menschen vor allem Anlass ist, noch tiefer ins Mysterium seiner eigenen Existenz abzutauchen.

Den antitechnologischen und letztlich auch kulturpessimistischen Affekt der Vorgänger lässt Soderbergh denn auch mit einer entspannten Volte hinter sich. Wissenschaftshybris und die technologische Bedingtheit der Welt müssen hier nicht mehr betont werden. Im Gegenteil, angesichts der sanft in die Atmosphäre ausflockenden psychedelischen Plasmanebel wirkt die Raumstation wie eine intergalaktische Club-Lounge, deren letzte Gäste sich mit der Gedämpftheit von exzessiven Nachtschwärmern bewegen – ohne Zeitgefühl, übermüdet, aber letztlich doch geschärften Sinnes.

Schuld und Hirngespinste

Was können Kelvins Astronautenkollegen schon mit ihren Strahlenwaffen und Zweifeln ausrichten? Soderberghs melancholischer Held entscheidet sich ganz bewusst für die Wirklichkeit seiner Wahrnehmung, für die Illusion, für das Leben mit der Wiedergängerin seiner verstorbenen Frau. Die Augen weit geschlossen – in diesem unbedingten Willen zum Obskurantismus liegt wahrscheinlich das eigentlich Verführerische von Soderberghs Ansatz. Bei Stanislaw Lem und noch stärker bei Andrej Tarkowskij waren die seltsamen Aktivitäten des intelligenten Solaris-Ozeans noch das düster dräuende ganz Andere, eine fremdartige Macht, die die Vorstellungswelt des Menschen unterwandert und usurpiert. Bei Steven Soderbergh kollaboriert Kelvin schließlich sogar mit seinem eigenen Getäuschtsein, überlässt sich ganz unwissenschaftlich und wider besseren Wissens seinen Sehnsüchten und einer Liebe, die gegen jeden Erkenntniswillen resistent scheint.

Dass die wandelnden Wiedergeburten in Solaris letztlich dem schlechten Gewissen ihrer „Erinnerungsautoren“ entspringen, koppelt diese Science-Fiction-Idee wiederum an die christliche Moralphilosophie. Der von George Clooney gespielte Psychoanalytiker konnte den Selbstmord seiner Geliebten nach einem Streit nicht verhindern. Versonnen sieht man ihn über den Körper der Frau streichen, die aus den Gespinsten seines eigenen Hirns und dem Bewusstsein einer nicht zu tilgenden Schuld entstanden ist. In seinem müden, verzweifelten Gesicht liegt der ganze Zwiespalt eines Menschen, der sich die Unschuld vor dem Sündenfall zurückwünscht und dies zugleich als schönen Selbstbetrug durchschaut. Wie ein wohlmeinender Gottvater der Science-Fiction-Welt lässt der Regisseur seine beiden wiederauferstandenen Geisterwesen am Ende in einer Art Wirklichkeit zweiter Ordnung zueinander finden und gönnt dem verliebten Paar, das wie Adam und Eva von einer Aura makelloser Unschuld umgeben ist, ein zweites Paradies.

Bedenkt man, dass Steven Soderbergh diesen stets an der Grenze zu zeitgeistigen Erweckungslehren angesiedelten Film nach Sex, Lügen und Video als seine persönlichste Arbeit bezeichnet, lässt sich ein geradezu kühner Paradigmenwechsel feststellen. In seinem 1989 entstandenen Regiedebüt war die von James Spader gespielte Hauptfigur ein pathologischer Lügner mit einer neurotischen Angst vor menschlicher Nähe. Über den Umweg seiner Videoaufnahmen führte er vier Menschen aus einem von Lebenslügen geprägten Trott und damit auch zur Selbsterkenntnis. Solaris vollführt eine letztlich spiegelbildliche Bewegung: Ein verliebter Psychoanalytiker verschwindet freiwillig in einem metaphysischen Gedankenfilm, der gegen jede Rationalität die Unbedingtheit der Gefühle setzt. Von der dekonstruktivistischen Zivilisationskritik zu einer Kultur der reinen Innerlich- und Empfindsamkeit?

Vielleicht ist Soderberghs Film aber auch alles andere als ein Gedankenexperiment des intelligenten Eskapismus, sondern vielmehr ein halb ironischer Blick des Mediums auf sich selbst. Schließlich ist auch das Kino eine Art Solaris, dessen Kräfte unsere Gedanken und unser Unterbewusstsein unterminieren, ein Planet, der gemeinsam mit unseren Erinnerungsspuren seine ureigenen Geisterwesen hervorbringt. Das Kino-Paradies – ein Zeit- und altersloser Imaginationsraum, unsere persönliche Chill-out-Lounge, angefüllt mit den Schimären, die wir lieben. Jedenfalls liegt eine angenehme Diskrepanz zwischen George Clooneys entspannt hingegossenem und perfekt ausgeleuchtetem nacktem Hintern und einer Thematik, die sich irgendwo zwischen Platons Höhlengleichnis, dem Orpheus-Mythos und der abendländischen Religionsphilosophie eingerichtet hat.

 
  • Serie film
  • Quelle (c) DIE ZEIT 11/2003
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