Als sie endlich wieder hinter jenem Brett sitzt, das für sie die Welt bedeutet, sieht sie plötzlich ganz entspannt aus. Eben noch, beim Fototermin am Rande eines Freundschaftsturniers in Paris, war ihr anzumerken, dass sie die Rituale des Medienbetriebes erst einüben muss: das routinierte Posieren, die angeknipste gute Laune. Und so hat sie sich denn auch, nach ein paar Dutzend Aufnahmen, einfach umgedreht und den Vertreter einer Yellow-Press-Agentur stehen lassen. Normalerweise diktiert Alexandra Kosteniuk, was gerade gespielt wird. Die Russin ist mit 18 Jahren Vizeweltmeisterin im Schach und will in diesem Jahr die Nummer eins werden. "Ich liebe den Angriff", sagt Kosteniuk. "Vom ersten Zug an."

Kampfgeist hat das Mädchen mit dem dunklen Pferdeschwanz schon früh entwickelt. Fünf Jahre war sie alt, als sie die Regeln des vertrackten Spiels um Schach und Matt lernte. Vater Konstantin, selbst ein gefürchteter Haudegen auf den 64 Feldern, förderte das Talent seiner Tochter, nahm seinen Abschied von der damals noch ruhmreichen Sowjetarmee und trainierte fortan das Wunderkind. Ein Durchmarsch, der 1998 im Großmeistertitel gipfelte.

Die Studentin, die sich an der Universität Moskau zur Sportlehrerin ausbilden lässt, hat eine Revolution losgetreten. Ihren Namen kennen inzwischen sogar Menschen, denen Bauerngabeln und Rösselsprünge herzlich egal sind. Die amerikanische Elle druckte eine Fotostory, der Nachrichtenkanal CNN bejubelte "die neue coole Chess Queen". Diese wirbt für einen Schweizer Uhrenhersteller, hat einen Spielfilm abgedreht (Der Hotelmanager erzählt die Geschichte einer russischen Familie vom Zweiten Weltkrieg bis zur Chruschtschow-Ära). Und der Weltschachbund Fide will Alexandra Kosteniuk zu seinem Poster-Girl machen, das der Welt zeigen soll, dass nicht alle Schachgenies nerds sind. Zentrales Motiv der Fotoserie: die Vizeweltmeisterin im schulterfreien Kleid, wie sie versonnen Spielfiguren streichelt.

Auf ihrer Homepage – www.kosteniuk.com – kann man außerdem sehen, dass die Russin offensichtlich aufgeknöpfte Blusen mag. Die Pin-ups sind eigentlich harmlos und taugen dennoch zum Daueraufreger in der ehrpusseligen Schachgemeinde, wo Erotik üblicherweise nur bei eleganten Damenmanövern sublimiert und toleriert wird. Der Boulevard hat für Alexandra Kosteniuk gleich ein Label gefunden, "die Anna Kurnikowa im Schach", was die Konkurrenz erbittert. Nun tobt ein veritabler Zickenkrieg. Und die US-Amerikanerin Irina Krush, 19, WM-Kandidatin, hat kürzlich indischen Journalisten diktiert, dass sie beabsichtige, die einzig wahre Anna Kurnikowa im Schach zu werden. Flankenschutz gibt ausgerechnet das Zentralorgan des Ostens, Neues Deutschland. Dort teilt die Dresdnerin Elisabeth Pähtz, Jugendweltmeisterin nach einem Turniersieg auf Kreta im November 2002, ihre Ferndiagnose mit: "Alexandra Kosteniuk macht zu wenig Schach und zu viel Schickimicki." Außerdem: "Sie ist keine Claudia Schiffer, hat nicht die Maße 90-60-90. Anna Kurnikowa sieht besser aus."

So angekeift, trägt die junge Frau bei ihrem Auftritt in Paris eine helle Stoffhose und könnte auch Trainee einer Investmentbank sein – warteten da nicht die Armeen aus geschnitztem Holz auf niedrigen Tischen des noblen Nao Chess Club. Er liegt an der Avenue Foch, zwischen dem Arc de Triomphe und La Défense: der adäquate Raum für einen Champ, mit Teppichboden, Kaminecke und Aquarellen an den Wänden. Ein gediegener Ort, an dem die alberne Frage, wer denn wohl die legitime Anna Kurnikowa des Schachsports sei, bizarr wirkt. Kosteniuk fertigt die giftende Konkurrenz gelassen ab: Der Kurnikowa-Hype sei nicht ihre Erfindung, aber sie habe auch nichts dagegen, schließlich sei die Tennisspielerin eine "großartige Athletin". Wenn eine Irina Krush auf diesen Zug springen wolle, bitte schön: "Ich bin gespannt, ob das funktioniert." Und was ihre Lieblingsrivalin Elisabeth Pähtz angehe – die gleichaltrige Deutsche hat bei den Mainzer Chess Classics gegen Kosteniuk verloren. "Ich wünsche ihr viel Glück dabei, besser zu spielen, als Unsinn zu reden."

Nabelfrei im Internet? "Sollen die Spießer doch lästern"

Alexandra Kosteniuk weiß, dass sie Schach aus dem engen Zirkel der Experten herausholen muss, um Sponsoren zu gewinnen, und die wollen gute Storys, bevor sie sich auf das Abenteuer Schach einlassen, Geschichten, die sich vermarkten lassen. Kosteniuk versucht gerade erst auszuloten, wie weit sie dabei gehen will. Wer sie darauf anspricht, spürt Unsicherheit, getarnt hinter einer trotzigen Vorwärtsstrategie. Zum Beispiel, wenn Kosteniuk ihre Internet-Präsenz verteidigt: "Sollen die Spießer doch lästern! Ich zeige nichts, wofür ich mich schämen muss." Sie und ihr Manager Diego Garcés, ein gebürtiger Kolumbianer, haben anfangs noch den Kontakt zur Presse gesucht, aber die ursprüngliche Unbekümmertheit ist inzwischen verflogen. Fragen nach dem Privatleben blockt Alexandra Kosteniuk beinahe aggressiv ab – ja, sie habe einen Freund, mehr werde sie dazu nicht sagen –, und manchmal düpiert sie eben sogar einen Fotografen, der bloß seinen Job macht. Wie vorhin den Reporter von action press .

Gleichzeitig weiß sie aber auch, dass sie allein mit Brillanz auf dem Brett ihrem erklärten Ziel nicht näher kommt. Und das lautet: "Schachspieler müssen wenigstens so viel verdienen wie Golfer." Das sei gerecht, schließlich würden die Denksportler mindestens genauso hart trainieren. Kosteniuk selbst übt täglich fünf Stunden für ihren großen Traum: Schach soll in die Premium-Liga gepuscht werden, gleichberechtigt neben Grand Slam und Formel 1.