Eigentlich sprachen wir über die versunkenen Stadtteile Zagrebs. Anfang des vergangenen Jahrhunderts wurden auf dem sandigen Schwemmland im Osten der Stadt Straßen wie Deiche aufgeschüttet, sodass die Häuserreihen heute anderthalb Meter unter dem Asphaltspiegel liegen. Deshalb hat jedes Gebäude einen Burggraben und ein Erdgeschoss, dessen Fenster auf die Mauer dieses Burggrabens blicken. Eigentlich habe ich bloß gesagt, dass es mir da unten zu dunkel wäre.

»Zu dunkel!?« Mein Freund F. packt mich ins Auto und rast mit mir aus der Stadt. Östlich der Alpen dämmert es früh, die Nacht senkt sich mit kräftigen Flügelschlägen. Ein paar Serpentinen später ist die Dunkelheit vollkommen. Ringsum keine Menschenseele bis zu den eng sitzenden Horizonten, keine Behausung, kein Fahrzeug. F. stellt den Motor ab. »Willkommen im Naturreservat«, sagt er. »Wir sind zu Besuch bei einem vom Aussterben bedrohten Geschöpf: der Dunkelheit. Früher bewohnte sie, eng bei den Menschen, die Hohlräume zwischen Tag und Tag. Aufgrund systematischer Vertreibung hat sie sich tief in die Wälder zurückgezogen. Braucht man sie mal, wird sie künstlich erzeugt: zum Schlafen oder Tanzen, für Kino, Sex und Theater.«

Als Kind hat F. immer schwarze Katzen auf schwarzem Grund gemalt und musste zweimal die Woche zum Schulpsychologen. »Dabei ist Dunkelheit die natürliche Umgebung der Gedanken», sagt er. »Sonst käme der Mensch mit Innenbeleuchtung zur Welt.«

Wir stehen blind und schweigen, bis ich spüre, was F. mir zeigen will: Das Heimweh nach der Dunkelheit gibt es noch, genauso alt und genauso tief sitzend wie die Angst vor ihr, und es hat weder mit Todeshunger noch mit Uterus-Sehnsucht zu tun. »Ich kann nicht auf Pausen verzichten«, sagt F., »in diesem Diavortrag namens Zeitgeschehen.« Eben noch Iwan und atomare Bedrohung. Schaaa-lack: Versöhnung, Europa und die Totsagung der Ideologien. Schaaa-lack: Terrorfeldzug. Schaaa-lack: Rückkehr der Religionen in Funktion von Mannschaftstrikots. Und so fort. Die Farben sind grell, die Spotlights blenden. Haben wir überhaupt schon Schwarz getragen und geweint? Haben wir unsere Hoffnung auf ein neues Zeitalter der Mäßigung nach Ende des Kalten Krieges angemessen unter die Erde gebracht? »Ich bin für mehr Dunkelheit zwischen den Dias«, sagt F.

Wir machen uns auf den Rückweg. Zagreb hockt unter einer Glocke aus Licht, die Laser der Diskotheken kreisen über den Himmel, als suchten sie die Nacht nach feindlichen Flugzeugen ab. In den Baumkronen des Maksimir-Parks sammeln sich Wolken schwarzer Vögel, die es Jahr für Jahr nicht in den Süden schaffen. F. breitet die Arme aus. »Manchmal wünsche ich, uns würden flächendeckend die Lichter ausgehen«, sagt er. »Nur für ein halbes Jahr. Danach sähen wir manches anders.« – »Sag mal, F.?«, frage ich. »Bist du in letzter Zeit von irgendetwas in den Hals gebissen worden?« Ein Flügelschlag, exit F.

Sollten wir nicht wieder auftauchen, sucht uns in den versunkenen Teilen der Stadt.

* FUSSNOTE:
Von der Autorin erschien zuletzt: "Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien." (Schöffling Verlag).
Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: David Wagner