Freie Sicht Foto: Hergen Schimpf

Ich habe einen Traum

Renate Schmidt, 59, entstammt einer böhmischen Familie und wuchs in Franken auf. Wegen ihrer ersten Schwangerschaft mit 18 Jahren musste sie vorzeitig das Gymnasium verlassen und lernte Systemanalytikerin bei Quelle in Fürth. Der SPD schloss sie sich als 29-Jährige an und führte die Partei später in Bayern als Landesvorsitzende. Mehrmals trat sie als Bewerberin um das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten an, konnte sich aber nie gegen die CSU-Vorherrschaft durchsetzen. Schon in den frühen neunziger Jahren profilierte sie sich als Obfrau im Bundestagsausschuss für Jugend, Familie und Gesundheit. Renate Schmidt, sie bezeichnet sich selbst als »Familientier«, wurde nach der Wahl 2002 zur Bundesfamilienministerin berufen. Sie ist nach dem Tod ihres ersten Mannes in zweiter Ehe verheiratet und hat drei Kinder. Hier träumt sie von der schönen Aussicht auf dem Berg der Erkenntnis

Schon als kleines Mädchen träumte ich von einem geheimnisvollen Berg, auf den ich geführt werde, wenn ich einmal tot bin. Es war der Berg der Erkenntnis. Ein Wesen geleitet mich hinauf, das mir erst auf dem Gipfel alle Fragen beantwortet, die mich im irdischen Leben immer beschäftigt haben. Aus dem damaligen Kindertraum, der sich oft wiederholte, wachte ich immer glücklich auf.

Nur im Traum kann ich das unendliche Wissen erlangen. Sosehr ich mich auch im Alltag bemühe, Antworten auf Fragen zu finden, so verbirgt sich doch hinter jeder Antwort eine neue Frage. Diese Kausalitätskette erscheint mir so unendlich lang, dass mir dieser Traum wie eine Erlösung von meiner eigenen Wissbegierde vorkommt. Obwohl ich sehr viel lese, mit den unterschiedlichsten Menschen spreche, ein breites Spektrum an Interessen habe und es mir niemals peinlich ist, auch dreimal nach der gleichen Sache zu fragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe: die bislang gewonnenen Erkenntnisse reichen mir nicht aus. Ich fühle Defizite. Ich bewundere den scheinbar allwissenden Physiker Stephen Hawking und frage mich gleichzeitig, ob er ebenfalls darunter leidet, dass es offenbar keine Grenzen für das Wissen gibt. In meinem Traum erlaubt mir der Gang auf den Berg, das Gespräch auf seinem Gipfel, hinter diese Grenzen zu schauen und zu sehen, wohin mich das führt. Vielleicht klingt es absurd, aber mein Tod wäre sozusagen die Erlösung von der Qual der Unwissenheit. Deshalb fürchte ich meinen Tod nicht, und er wird zu einer erträglichen Vorstellung. Für mich ist er eine Tür zu einer anderen Form des Seins.

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Allerdings fürchte ich den Weg dorthin. Ich habe Furcht vor dem Prozess des Sterbens, vor allem wenn er sich lange hinzieht und von Qualen begleitet wird. Zu dieser Furcht gesellt sich bei mir noch die Angst, dass mir keine Zeit für einen Abschied von meinen liebsten Menschen bliebe. Noch heute habe ich beispielsweise nicht gänzlich überwunden, dass ich mich von meinem ersten Mann, Gerhard Schmidt, nicht verabschieden konnte. So bitter sein plötzlicher Tod auch für mich war: Es tat weh, dass ich nicht bei ihm sein konnte, als er auf einer belebten Straße in Nürnberg zusammenbrach. Ich war zum Zeitpunkt seines Todes auf einer Fraktionssitzung in Bonn. Im Abschiednehmen liegt doch der einzige Trost, wenn ein Mensch stirbt. Der Trost meines Todes mag der Gang auf den Berg sein; Trost für meine drei Kinder und meinen heutigen Mann kann ich mit meinem Traum nicht schaffen.

Schon als kleinem Mädchen kamen mir Gedanken über meinen Tod. Und mit ihnen kam dieser Traum, von dem ich mir schon damals erhoffte, er werde sich irgendwann erfüllen, denn ich hatte absonderliche Fragen. Sah ich einen Frosch, fragte ich mich: Warum weiß ein Frosch, dass er ein Frosch ist, und verhält sich so? Woher weiß ich, dass ich kein Frosch bin? Sah ich einen Baum, fragte ich mich: Fühlt dieses Gebilde aus Holz, Harz, Wasser und Mineralien wie ein Baum? Oder würde der Baum nicht viel lieber ein Mensch sein? Und später, als ich zur Schule ging, verstand ich nicht, wie eine Interpretation eines Gedichts »richtig« oder »falsch« sein konnte. Im Religionsunterricht fragte ich mich, was es heißt, wenn man von »Anfang« und »Ende« spricht, obwohl doch niemand wirklich weiß, wo Anfang beginnt und Ende aufhört. Was verbirgt sich hinter dem Begriff der »Unendlichkeit«? Kommt hinter der Unendlichkeit eine weitere Unendlichkeit? Was bedeutet es, wenn Mathematiker von zwei Geraden sprechen, die sich im Unendlichen begegnen? Genau an diesem Punkt könnte man sagen: Na, dann soll sie eben Mathematik studieren oder Philosophie. Das ist mir zu einfach. Denn gerade ein Mathematiker oder Philosoph dürfte an der natürlichen Begrenztheit des eigenen Wissenshorizonts leiden. Die drei wichtigsten, aber auch komplexesten Fragen für mich sind die, die sich wahrscheinlich jeder Mensch stellt: Warum bin ich auf der Welt? Was ist der Sinn des Lebens, und warum bin ich Renate Schmidt und niemand anderes? Es gibt Menschen, auch unter uns Politikern, die so tun, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen und wüssten auf jede Frage die richtige Antwort. Diese Spezies Mensch mag ich nicht. Es ist anmaßend zu meinen, man habe die Welt (und was sie im Innern zusammenhält) vollständig begriffen.

Ich habe eine Affinität zu den Surrealisten. Der Maler René Magritte ist mir nahe, weil er jemand war, der amüsant und klug die Realität infrage stellte. Sein zentrales Thema schien die Frage zu sein: »Ist das, was wir sehen, wirklich das, was passiert?« Auf seinen Bildern dreht er die Wirklichkeit einfach um, und so wird bei ihm das scheinbar Reale zum Traum und der Bildinhalt scheinbar zu etwas, das sich tatsächlich so zutragen könnte. Albtraumhaftes sieht man da und Witziges. Hinter die Welt von Magritte zu kommen bedeutet, sie sich einfach vorzustellen. Diese Vorstellung setzt wahrscheinlich voraus, dass man das Infragestellen der Wirklichkeit zulässt. Es ist fantastisch, in allem, was einen umgibt, etwas Neues, anderes zu vermuten. Die Realität immer als den einzig wahren Raum zu betrachten, in dem man agiert oder reagiert, halte ich für sehr eindimensional. Ich neige dazu, nicht gottergeben hinzunehmen, was um mich herum so scheinbar logisch abläuft. Ein stetes Hinterfragen kostet allerdings Zeit, Kraft und Mühe. Der Automatismus des Alltags, die Abfolge von angeblich bewährten Mechanismen, erzeugt in mir mittlerweile eine starke Gegenbewegung. Was sich irgendwann einmal bewährt hat, muss nicht zwangsläufig auf immer so bleiben.

Warum? Wie? Und was? – Mehr Gepäck habe ich nicht dabei, wenn ich den Berg besteige. Mit Gottes Hilfe werden dann die Fragezeichen verschwinden.

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