An diesem strahlenden Nachmittag in Princeton über den Krieg zu reden kostet Überwindung. Einige Tage zuvor, am President’s Day, dem dritten Montag im Februar, ist nämlich der Winter mit Macht zurückgekommen und hat die sonst alles beherrschende Politik buchstäblich überlagert. Zwei bis drei Fuß hoch Schnee hat der Blizzard über der gesamten Ostküste abgelegt. Man fachsimpelt erleichtert über Straßenverhältnisse statt über Terrorwarnungen und Waffeninspektionen.

Der Schnee ist zwar an diesem Donnerstagnachmittag bereits wieder gegen die kräftige Sonne im Rückzug. Aber noch kann man im weitläufigen Park des Institute for Advanced Study Professoren in Tweedjacken beim Langlauf beobachten. Vielleicht sind es auch nur überzeugende Professorendarsteller, intellektuelle Groupies, die auf den Spuren Albert Einsteins wandeln wollen, des berühmten Gründungsmitglieds des Instituts.

Michael Walzer, der seit 1980 am Einstein Drive in der School of Social Science forscht, ist kein Tweed-Typ. Er pflegt eine urbane, freundliche, konzentrierte Umgangsweise, die niemanden überraschen wird, der je einen seiner Texte gelesen hat. Seine Essays, Kommentare und gelehrten Abhandlungen sind wie er selbst hellwach, klar und engagiert – als hätte es nie irgendeinen Zweifel an der Möglichkeit von Aufklärung und Verständigung gegeben. Umso erstaunlicher, wenn man sich sein großes Thema vor Augen hält: Michael Walzers Lebensthema ist der Krieg.

Im letzten Frühjahr sorgte auch hierzulande seine Zustimmung zur Intervention in Afghanistan für Aufregung. Walzer, immerhin einer der bekanntesten Linksintellektuellen Amerikas, hatte ein Manifest zur Unterstützung des Regierungskurses unterzeichnet. Heute spricht er sich gegen den drohenden Irak-Krieg aus. Es ist nicht das erste Mal, dass Walzer bei jenen für Verwirrung sorgt, die die Welt gern in Bellizisten und Pazifisten einteilen. Aber jener Teil der amerikanischen Linken, aus dem Walzer hervorgegangen ist, war eben auch etwas Besonderes: eine Schule des Nonkonformismus in einem Zeitalter großer ideologischer Kämpfe.

Walzer wurde 1935 in New York geboren. Aufgewachsen ist er in der amerikanischen Provinz im Milieu jüdischer Einwanderer aus Osteuropa. In der Stahlstadt Johnstown, Philadelphia, träumte er von dem Leben der New Yorker Intellektuellen, deren zentrale Figuren dann auch tatsächlich seine Lehrer wurden: An der Brandeis-Universität studierte er bei Irving Howe, dessen Zeitschrift Dissent damals ein Salon der antistalinistischen Linken in Amerika war. Walzer wurde Howes Assistent, Howe ließ Walzer im Dissent schreiben. Damals war das Blatt einer der bevorzugten Orte für die erbitterten Debatten der europäischen Emigranten und der New Yorker Boheme über moderne Kunst, Sozialismus, McCarthy und den Koreakrieg. Die Leidenschaft für solche Debatten hat Walzer nicht mehr losgelassen. Nach dem Tod von Howe wurde er Herausgeber der Zeitschrift, die er im Geist ihres Gründers bis heute dazu nutzt, linke Gewissheiten zu überprüfen.

In den letzten zehn Jahren ist Walzer auch in Europa zu einer intellektuellen Berühmtheit geworden – nicht nur wegen seiner Abhandlungen über Gerechtigkeit, Zivilgesellschaft und Gesellschaftskritik. Es ist der Krieg, der Walzer ins Gespräch gebracht hat. Das alte Europa muss sich damit einrichten, dass nach dem Fall der Mauer nicht der ewige Frieden angebrochen ist. Mit dem blutigen Krieg sind uralte moralische Dilemmata zurückgekehrt. Im Nachkriegs-Westeuropa, unter der Käseglocke des atomaren Patts der Großmächte, hatte man diese Wirklichkeit gnädig vergessen.

"Als Kind habe ich anhand der Nachrichten vom Krieg lesen gelernt"

Michael Walzer hat geistig nie unter dieser Glocke gelebt. Er ist der einzige namhafte Philosoph, der sich schon lange vor dem Geschichtsschock von Sarajevo und Srebrenica mit den moralischen Realitäten des Krieges beschäftigt hat. Sein Buch über Just and Unjust Wars, 1977 erschienen, ist heute ein Klassiker.