reisehits Glenn Miller würde sich wundern

Mit dem Chattanooga Choo Choo von New York nach Tennessee – eine Nachfahrt in vier Vierteln

I. Choo Choo Song

Mr Miller, in Hut und Trenchcoat, den Posaunenkoffer unterm Arm, schlendert durch Pennsylvania Station, 1941 noch der schönste Bahnhof Manhattans. »Entschuldigung«, fragt er den Schuhputzer, auf einen Zug deutend, »ist das der Chattanooga Choo Choo?«

»Ja!«, schallt es ihm entgegen. »Gleis 29!« Und weil die Antwort so flott kommt und weil er endlich mal flüssig ist und weil er obendrein noch Zeit hat, lässt sich der gut gelaunte Mr Miller gleich die Schuhe polieren. Der letzte Schliff, der fernen Liebsten zuliebe…

Viertel vor vier geht’s los Richtung Tennessee, Mr Miller sitzt und liest, draußen zieht Baltimore vorbei, es wird Abend, es wird Nacht, draußen zieht North Carolina vorbei, aber so schnell die Zeit auch vergeht, Mr Miller, der es kaum erwarten kann, feuert noch den Heizer an: »Schaufel all die Kohle rein, lass rollen den Zug!«

Dann, in Chattanooga auf dem Bahnsteig, steht sie da, in Seide und Spitze, bereit für den Mann aus der großen Stadt, gleich wird sie weinen, gleich wird er ihr die Treue schwören…

Geld und Liebe, Heimat und Technik – konkurrierende Motive der Moderne, vom Choo Choo Song in einer langen Umarmung vereint. Noch heute, nach sechs Jahrzehnten, wird überall auf der Welt mitgeschnippt und mitgesummt, wenn das Lied im Radio kommt, ein Regionen und Generationen verbindendes Stück, das als Sonderzug nach Pankow (mit Udo Lindenberg am Tender) sogar die DDR erreichte und Honecker erweichte.

Schon als die Millersche Lokomotive 1941 zum ersten Mal fauchte und schnaufte, war sie nicht zu bremsen. Der größte Hit seit 15 Jahren, innert weniger Monate eine Million Mal verkauft … der Boss von RCA Victor ließ vor lauter Glück ein Exemplar nicht in Schellack pressen, sondern in edles Metall.

Glenn Miller bekommt die erste Goldene Schallplatte der Geschichte im Café Rouge überreicht. Dort hat er zwischen 1940 und 1942 gleich mehrere Shows die Woche. Hunderte tanzen auf dem Parkett, Hunderttausende vor den Radioapparaten – Jitterbug, die Urform des Disco-Fox. Miller ist der erste Superstar, zwei Dekaden vor den Beatles, und er erstrahlt in der kurzen Spanne zwischen zwei Finsternissen: der eben überwundenen Depression, dem schon heraufziehenden Krieg.

Café Rouge – so nannte das Hotel Pennsylvania seinen Ballsaal, und wer dem Choo Choo Song im Jetzt nachreisen will, hat keine Wahl, er muss in jenem Hotel beginnen. Aus zwei Gründen ist das auch praktisch: Zum einen liegt es an der Seventh Avenue direkt gegenüber von Pennsylvania Station; zum anderen muss man seine Telefonnummer nicht erfragen, denn man hat sie als Refrain eines anderen Miller-Hits im Ohr: PEnnsylvania 6-5000.

Früher war es nämlich in Amerika üblich, die immer siebenstellige Telefonnummer mit zwei Buchstaben beginnen zu lassen: PE 6-5000 wählte sich (auf der auch das Alphabet verzeichnenden Scheibe) als 736-5000. So war es 1919, als das Hotel von der Pennsylvania Railroad errichtet wurde, so ist es noch heute, da es etliche Besitzerwechsel und Umbauten hinter sich hat.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Pennsylvania mit seinen vier an Kraftwerkschlote erinnernden Wohntürmen das größte Hotel der Welt, 2400 Betten. Immer noch kann es sich rühmen, das Hotel mit den meisten Gästen zu sein: Auf über 27 Millionen Übernachtungen seit Gründung kommt kein anderes Haus.

Vom Luxus war zuletzt wenig geblieben, erst im Niedergang hat es – nicht untypisch für Amerika – die Kraft zur Erneuerung gefunden. Die Empfangshalle wurde modernisiert und marmorisiert, Kandelaber inklusive, jetzt kommt der Rest. Noch gibt es unrenovierte Zimmer für 125 Dollar, in denen man sich zwischen zerschnittenen Tapeten und welligem Teppich wie der junge Musiker fühlen kann, der in der 1953 mit James Stewart verfilmten Glenn Miller Story seine Posaune immer wieder zum Pfandleiher trug.

Das Café Rouge? An der Rezeption zucken sie mit den Schultern. Vielleicht sollten Sie Wally fragen?

Waldemar Cales, 59, ist Doorman, Türsteher. In Tschako und knöchellangem Mantel hilft er Ankommenden aus dem Wagen oder ruft mit einem Triller aus seiner Pfeife Taxen herbei. Wally ist – sehr untypisch für Amerika – seit 42 Jahren auf diesem Posten.

Das Café Rouge? Habe er selbst, leider, nicht mehr miterlebt, das sei im Erdgeschoss gewesen, heute seien da dieser Kaffee-Outlet und der Supermarkt, schade eigentlich. Aber stimmt das? Im Internet finden sich Glenn-Miller-Freunde, die das Café Rouge im 18. Stock des Hotels entdeckt haben wollen.

Larry Mogelonsky im fernen Toronto weiß es noch besser. Er, der von Kanada aus für das Pennsylvania das Marketing macht, hat alte Pläne des Hotels gesehen. Larry sagt: Es habe einst mehrere Ballsäle gegeben, von denen das Café Rouge im Hochparterre der schönste gewesen sei. Nach dem Krieg habe man Büros daraus gemacht.

II. Choo Choo Train

Pennsylvania Station, 1910 einem antiken Bad nachempfunden, was für ein Bahnhof… In der grandiosen Wandelhalle spritzte das Deckengewölbe fontänengleich aus römischen Säulen! Aber leider geriet Pennsylvania Railroad nach dem Krieg in finanzielle Not, und da es in Manhattan noch keinen Denkmalschutz gab, wurde der Bahnhof 1963 dem Erdboden gleichgemacht.

Man wollte den teuren Luftraum nutzen und zog die Arena des Madison Square Garden dort in die Höhe, wo einst die Wandelhalle war. Der Bahnhof ist seither unterirdisch, neonbelichtet, kein Portal der Weltstadt mehr, sondern eine Art U-Bahn-Station mit erdrückend niedrigen Decken. Schwarzweißfotografien an den Wänden erinnern noch ans Damals, an die eisernen Treppen, die himmelhohen Fenster…

Zehn Schuhputzer in einem schmalen Kabuff verhelfen dem Reisenden wie ehedem zu Glanz. Sie neigen den Kopf zwischen fremde Knie, sie applizieren Creme, Wachs, Lack und Tinktur. Sie richten am Schluss die Senkel.

Der Zug nach Süden heißt heute The Crescent, die Eisenbahngesellschaft Amtrak. Die Fahrt beginnt mit dem endlosen Tunnel unter dem Hudson, der in New Jersey wieder ans Licht kommt. Meilenweit nur rostige Container und verlassene Häuser. Zwischen New York und Amerika liegt eine Zone aus Schrott und Verfall.

Im Zug ist die Beinfreiheit größer als in deutschen Großraumwagen, und es herrscht nicht das überreizte Klima eines Zweite-Klasse-ICE. Ansonsten ist alles wie im Flieger. Die Faltblätter mit den Sicherheitsinstruktionen hängen griffbereit im Gumminetz, und beim Halt in Washington geht es zu wie auf dem Rollfeld: Es wird nur eine Tür des Flugzuges geöffnet, vor der sich in klirrender Kälte alle drängeln. Beim Boarding kommen Frauen mit Kindern zuerst, dann Senioren, ein jeder erhält seinen Platz zugewiesen.

Durch diese eine geöffnete Tür wird gleichzeitig Proviant nachgeladen; unter ihr gurgelt Abwasser ins Gleisbett, das den Aus- und Zusteigenden über die Füße spritzt. Rührend besorgte Schaffner warnen davor, auszugleiten und in die Brühe zu stürzen.

Amtrak verbindet die Attitüde einer Airline mit dem Image einer Drittwelteisenbahn: Wer irgendwem erzählt, er sei gerade ein gutes Stück mit dem Zug gefahren, erntet ungläubiges Staunen. Wann ist Amerika zuletzt in die Bahn gestiegen? Das muss 1942 gewesen sein, als Glenn Miller sich freiwillig zum Militärdienst meldete und die Männer aus dem ganzen Land ihren Kriegshäfen zueilten.

Schnelle Verbindungen im Taktverkehr gibt es nur auf der kurzen Strecke zwischen New York und Washington, von weißen Geschäftsreisenden gern genutzt. Südlich von Washington warten Flugängstliche, Schwarze und arme Schlucker auf den einen täglichen Zug.

Aber so langsam und umständlich Amtrak ist, so harmlos und gemütlich ist die Fahrt. Man sitzt da und sieht Amerika beim Vorbeigleiten zu: ein Land, das jenseits der Städte nur aus Bäumen und Gebüsch zu bestehen scheint.

Wo könnte man überall aussteigen! In Washington, um in einem Schaufenster des Smithsonian Museums die grün und golden leuchtende 1401 zu bewundern, jene berühmteste aller Dampflokomotiven, die dem Choo Choo Vorbild war.

Oder in Lynchburg, Virginia, einem für amerikanische Verhältnisse hübschen Eisenbahnstädtchen, in dem viele Rangierarbeiter ihr Leben ließen, weil sie vor der Erfindung der Puffer zwischen die Waggons gerieten; ihnen zu Ehren hat man auf dem Friedhof einen Bahnhof aus dem Jahre 1898 aufgestellt – quasi als Endstation.

Oder in Salisbury, North Carolina, um Spencer zu besuchen, jenen Vorort, der genau auf halber Strecke zwischen Washington und Atlanta liegt und nach dem ersten Präsidenten der Southern Railroad benannt ist: Hier wurden bis in die fünfziger Jahre hinein Dampfloks geschmiert und mit Wasser und Kohle neu befüllt – heute ein Museum mit big toys for big boys.

In Atlanta, Georgia, muss man dann aussteigen, weil der Crescent nach New Orleans weiterfährt. Glenn Miller blieb einfach sitzen bis Chattanooga. Welches Gesicht würde er heute machen, wenn er in der Millionen- und Olympiastadt Atlanta aus dem Bahnhöfchen träte? Keine Anschlüsse, kein Bus, kein Taxi, kein Mietwagen. Der Mann mit dem goldenen Horn, gestrandet am Rande einer Stadtautobahn, die so breit ist, dass es schwer fällt ihre Spuren zu zählen

III. Choo Choo Rhythm

Posaunen heulen, Trompeten stoßen, 1000 Meilen in 3 Minuten und 22 Sekunden… Choo Choo ist Lautmalerei, Kindersprache. So macht die Dampflok, wenn sie fährt. So heißt kein Zug, nicht mal in Amerika. Alexander D. Mitchell aus Baltimore sagt: »Einen Chattanooga Choo Choo hat es nie gegeben.«

Mitchell, 38, ist freier Eisenbahnjournalist. Er schrieb das Buch Train Stations, das in der unterirdischen Buchhandlung von Pennsylvania Station ausliegt und dem Nachreisenden für 12,80 Dollar mancherlei Einsicht beschert.

Nie und nimmer sei Glenn Miller mit einer Dampflok unter dem Hudson hindurchgefahren, schimpft Mitchell. Wenn, wäre er am Qualm erstickt! Schon immer, seit 1910, sei der Tunnel elektrifiziert gewesen. Erst in New Jersey seien Dampfloks vorgespannt worden, an einem Ort namens Manhattan Transfer… Und seit 1930 seien Elektroloks bis Washington durchgefahren.

Ein Versehen des Songschreibers? Daran glaubt Mitchell nicht. Millers Zug zur Liebsten durfte nicht angetrieben werden von einem rationellen Aggregat. Es musste eine Maschine mit Herz und Lunge sein: Ihr Atmen, ihr Pochen beflügelt die Melodie.

Alexander – »meine Freunde nennen mich Sandy« – führt Besucher gern in die Dachkammer des Straßenbahnmuseums von Baltimore, das etwas versteckt hinterm Bahnhof liegt. Hier sitzen zwischen vollgestopften Regalen und überquellenden Umzugskisten ältere Herren im Neonlicht, Mitglieder der National Railway Association. Keinesfalls beschränkt sich ihr Enthusiasmus auf Straßenbahnen. Sie interessieren sich für Schienenverkehr jeder Art und sammeln an Dokumenten alles, was dazugehört. Ein Fahrplan aus der Choo-Choo-Ära? Kein Problem, hier: 1938! Karten des US-Schienennetzes? Sehen Sie, 1942, 1967, 1978, 2002 – welch ein Schwund!

Wissen Sie übrigens, wie die Dampflok Musikgeschichte schrieb? Im Handumdrehen liegt Heft Nummer 5 des National Railway Bulletin von 1979 auf dem Tisch, in dem »die rhythmischsten Maschinen, die je gebaut worden sind«, vorgestellt werden: »Sie können ohne Vorwarnung einen so perfekten Tanzbeat erzeugen, dass es der Besatzung schwer fällt, nicht mitzugehen. Sie imitieren eine Kombination aus Bass und Snare Drum mit hellen Beckenschlägen.«

Die Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten in New Orleans habe die U.S. Army 1918 veranlasst, alle Nachtklubs und Bordelle zu schließen. Die dort beschäftigten Musiker mussten anderswo nach Arbeit suchen und bestiegen die Züge in Richtung Norden. Irgendwie schwante ihnen, dass sie in Kansas City und Chicago mit Dixieland nichts werden konnten. »Diese Männer fuhren bei geöffnetem Abteilfenster. Mit ihrem Sinn für Rhythmus merkten sie, dass die Lokomotive eine Lösung wusste. Sie hatten immer 1-2 1-2 gespielt. Wie leicht war es, zu 1-2-3-4 zu wechseln! Und so wurde zwischen New Orleans und Chicago der Choo Choo Rhythm geboren. Die Yankees nannten ihn später Foxtrott…«

IV. Choo Choo Town

Von der Millionenstadt Atlanta ins zwei Stunden entfernte, 420000 Einwohner zählende Chattanooga fahren nur noch Güterzüge. Nach dem Krieg hatte die US-Regierung – deutschem Vorbild folgend – Autobahnen bauen lassen; mehr und mehr Flugzeuge verkehrten zwischen den Zentren. Die privaten Eisenbahnen machten einander Konkurrenz bis zum Konkurs. Dann, 1971, wurde von Staats wegen Amtrak gegründet, um ihre Reste zu retten.

Alexander »Sandy« Mitchell, der Schienenfex aus Baltimore, will nicht darauf wetten, wie lange es die Auffanggesellschaft noch geben wird. Nach dem 11. September schien es eine Weile lang, als ob die Eisenbahn noch einmal eine Chance bekäme. Aber jetzt wisse Amtrak schon wieder nicht mehr, wie es unvermeidliche Reparaturen bezahlen solle. Hunderte kaputter Wagen stünden im ganzen Land herum. »Ein richtiges Zugunglück irgendwo«, glaubt Sandy, »und sie haben nicht mehr genug Waggons für den täglichen Betrieb.« Wollte man Europäern raten, müsste man sagen: Fahren Sie mit Amtrak, solange es noch geht!

Glenn Miller käme heute also aus Atlanta mit dem Mietwagen angefahren; vor dem riesigen Bahnhof von Chattanooga würde er aussteigen – und sich wundern. Die Eingangshalle ist eine Lobby, der Fahrkartenschalter eine Rezeption; die Waggons auf den Gleisen sind Zimmer, mit je einem französischen Bett in Fahrtrichtung. Aus den Lautsprechern am Bahnsteig tönt von früh bis spät Chattanooga Choo Choo und Verwandtes. Es gibt einen Geschenkeladen mit Choo-Choo-Bären, Choo-Choo-Puppen, Choo-Choo-Tassen und Choo-Choo-Sparschweinen. An der Wand des Cafés hängt die Titelseite der Chattanooga News vom 2. Juni 1906, die das geplante Bahnhofsgebäude vorstellt. Damals war Zug noch Zukunft!

Nun ist er Vergangenheit. Die hier stehenden Züge folgen keinem Fahrplan mehr; sie sind Teil des Chattanooga Choo Choo Holiday Inn. So wenig Sinn Amerika für die Erhaltung seiner Eisenbahnen hat, so hingebungsvoll kümmert es sich um ihre Ausstopfung. Chattanooga hat den Hotelbahnhof, ein durch und durch artifizielles Eisenbahnmuseum sowie The Incline Railway, die steilste Bergbahn der Welt, einen skurrilen Auf-Zug, der mit 72 Prozent Steigung zum Lookout Mountain hochgezogen wird. Unten am Tennessee River sind Noten und Strophen des Millerschen train- Evergreens Zeile um Zeile wie Schwellen ins Buntsteinpflaster gesetzt. Die ganze Stadt geriert sich als Choo Choo Town, durchkreuzt von Gleisen, auf denen kein Personenzug mehr fährt. Was dem New Yorker Hotel Pennsylvania an Geschichtsbewusstsein fehlt, hat Chattanooga im Übermaß: Die untergegangene Eisenbahn-Ära wird zum dampfenden, stampfenden Standortvorteil verklärt.

Mr Miller würde sich ratlos auf dem Bahnsteig des Choo-Choo-Hotels umsehen. Da und da und da – überall scheint seine Liebste zu stehen, aber es ist nur eine Fata Morgana des Stadtmarketings. Sie löst sich in heißer Luft auf, er dann auch.

Und was macht der Nachfahr Millers, nachdem sein amerikanischer Traum zerplatzt ist? Er steigt in Chattanoogas kostenlosen Innenstadtbus und lässt sich ins Rhythm ’n’ Brews fahren, wo George Clinton und Leo Kottke und Vic Chesnutt schon gespielt haben und wo das Southern Flyer Light Lager und das Sweet Magnolia Brown Ale eingebraut werden.

Oder er fährt mit der Southern Belle auf dem Tennessee River herum und hört Captain Dave Anderson zu, wie er bei der Fahrt flussauf- und -abwärts vom Leben da draußen schwärmt, von Rucksackwanderungen in tagelanger Einsamkeit, vom Wiederzusichfinden in einem Amerika der Bäume und Büsche.

Oder dem Nachfahr widerfährt etwas, das gegen jede Wahrscheinlichkeit ist und deshalb wohl wahr sein muss: Im Tivoli, dem prachtvoll renovierten Theater Chattanoogas, spielt ausgerechnet – the world famous Glenn Miller Orchestra.

Glenn Miller hatte sich 1942 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs aus dem Café Rouge verabschiedet. Er wollte in den Krieg ziehen, ein Held werden. Seine Waffe war der Swing. In England brachte der Captain mit seiner Army Air Force Band die noch nach Sousa-Märschen paradierenden Invasionstruppen auf Touren. In Propagandasendungen pries er die Errungenschaften Amerikas – auch auf Deutsch, damit ihn die Wehrmachtssoldaten verstehen. Am Nachmittag des 15. Dezember 1944 stieg er in eine kleine Maschine zum ersehnten Flug über den Ärmelkanal. Die musikalische Eroberung des Kontinents stand unmittelbar bevor. Doch das Wetter war schlecht.

»Glenn starb«, sagt Larry O’Brien sechs Jahrzehnte danach, »nicht seine Musik.« Der 69-Jährige leitet die Band, die dem Sohn von Millers Rechtsanwalt gehört. Sie tourt das ganze Jahr und spielt in Amerika stets vor vollem Haus. In Europa sind zwei weitere Bands lizenziert. Das Erbe des Glenn Miller: ein profitables Franchise-Unternehmen.

1200 Bürger Chattanoogas versammeln sich im Tivoli, um In the Mood , American Patrol, Tuxedo Junction, Little Brown Jug und Moonlight Serenade einmal ohne Rauschen und Kratzer zu hören. Viele alte Fans sind gekommen, eine Lady zieht ihre Sauerstoffflasche hinter sich her.

Siebzehn junge Musiker auf der Bühne, alles Männer, alle weiß – in drei Reihen gestaffelt stehen sie da, graue Sakkos, schwarze Hosen, akkurat und glattrasiert wie einst, denn der »General MacArthur des Musikgeschäfts«, wie G.M. verspottet wurde, duldete keine Nachlässigkeit und keinen Schnurrbart. Seine Band sollte so amerikanisch sein wie apple pie, ice cream oder hot dog, und so bläst die Klarinette immer im Unisono eine Oktave über den Saxofonen – was den samtigen, unverkennbaren Miller-Sound ergibt; dazu die Riffs der Posaunen, das Strahlen der Trompeten, der Schmelz der Vokalisten.

Die Band spielt America the Beautiful. Das Publikum erhebt sich. Alle singen. Es wird dunkel im Saal. Nur das Sternenbanner links neben der Bühne ist in gleißendes Licht getaucht.

Während der Reise von New York nach Chattanooga hat Ulrich Stock Tagebuch geführt - mit der Kamera. Ein Einblick in seine fotografischen Notizen»

Information

Anreise:
Mit KLM ab Amsterdam nach New York, zurück von Atlanta nach Amsterdam für derzeit ungefähr 433 Euro inklusive Steuern und Zubringerflug von Deutschland nach Amsterdam.Tel. 01905/ 100 45, www.klm.de

Die Zugfahrt von New York nach Atlanta kostet in der 2. Klasse etwa 195 Euro plus 320 Euro für ein Zwei-Bett-Schlafabteil (Preis inklusive Vollpension). Amtrak-Tickets über North America Travel House CRD International, Stadthausbrücke 1-3, 20355 Hamburg, Tel. 040/300 61 60, www.crd.de

New York: Hotel Pennsylvania, 401 7th Avenue & 33rd Street, Doppelzimmer von 99 bis 259 Euro. Tel. 001-212/736 50 00, www.hotelpenn.com

Baltimore, Maryland: Das B & O-Railroad-Museum zelebriert noch bis zum Juli 175 Jahre Eisenbahn in Amerika. Die ersten Gleise des Kontinents sind hier zu sehen, außerdem riesige Dampfloks, Postwaggons und kaboozes (Schlusswagen), www.borail.org

Weniger spektakulär, aber von Enthusiasten bevölkert ist das Baltimore Streetcar Museum, www.borail.org . »Train Stations« von Alexander Mitchell, 84 Seiten, zirka 13 Euro, ISBN 0-7624-1206-7, ist erhältlich bei www.amazon.com

Washington, DC: Das Smithsonian National Museum of American History ist berühmt und schmuddelig. Es zeigt die Entwicklung der Infrastruktur, hat aber nicht einmal eine Garderobe. http://americanhistory.si.edu/

Lynchburg, Virginia: The Old City Cemetery mit Stapleton Station, www.gravegarden.org

Das Ellington, www.theellington.org, bietet regelmäßig After-Work-Jazz mit Büfett von 17.30-20 Uhr.

Der Landung der Alliierten in der Normandie ist das National D-Day-Memorial gewidmet. Es liegt 22 Meilen außerhalb, in Bedford, das im Zweiten Weltkrieg die US-Gemeinde mit prozentual den meisten Gefallenen war. Im Souvenirgeschäft läuft Glenn Miller; reiche Auswahl an CDs mit Propagandaswing: www.dday.org

Salisbury, North Carolina, 27 000 Einwohner, eine Bigband: Der 79-jährige Dentist und Trompeter Clyde Young spielt Swing nach original Miller-Arrangements für Kriegsveteranen, www.salisburypost.com/2001nov/111201a.htm

Im North Carolina Transportation Museum im benachbarten Spencer sind Dampfloks und Werkstätten, aber auch Flugzeuge und Straßenkreuzer zu sehen: www.ci.salisbury.nc.us/nctrans/ .

Atlanta, Georgia, ist in Bewegung. Unter www.atlantaswingdancers.com teilen die Swingtänzer die Termine der nächsten Partys im Marriott Hotel mit. Unter Swing verstehen sie allerdings Rock und Pop, zu Glenn Miller tanzen sie so gut wie nie. Gäste sind stets willkommen!

Chattanooga, Tennessee, gilt als US-Musterbeispiel urbaner Erneuerung. Aus der schmutzigen Industriestadt ist in 30 Jahren ein lebensfrohes kulturelles Zentrum geworden

Das Regional History Museum, www.chattanoogahistory.com , gibt einen Überblick über die bewegte Geschichte, inklusive der gewaltsamen Vertreibung der Indianer

Das Tennessee Valley Railroad Museum bietet Eisenbahn für Anfänger: Auf der kurzen Strecke hat jede Kurve einen Namen, wird jedes Quietschen zum Ereignis: www.tvrail.com

Ruby Falls ist ein unterirdischer Wasserfall in den ausgedehnten Höhlensystemen des Lookout Mountain, entdeckt nach dem Bau eines Eisenbahntunnels, www.ruby falls.com

Im International Towing & Recovery Museum sind nicht nur Bergungsfahrzeuge zu sehen (die an den rutschigen Hängen Tennessees erfunden wurden), sondern auch eine weltweite Hall of Fame der Abschleppunternehmer: www.internationaltowingmuseum.org

Flussfahrten mit Livemusik und Barbecue auf der Southern Belle, www.chattanooga riverboat.com

Das weltweit größte Süßwasseraquarium, www.tnaqua.org , liegt im Stadtzentrum, die Whiskydestille Jack Daniel's eine Autostunde entfernt, www.jackdaniels.com

Schlafen auf Rädern bietet das Chattanooga Choo Choo Holiday Inn in großzügig umgebauten Waggons für 159 Dollar (Einzel oder Doppel), Tel. 001-423/266 50 00, www.choochoo.com

Auskunft:
Tennessee Tourism, Horstheider Weg 106 a, 33613 Bielefeld, Tel. 0521/986 04 15, www.tennesseetourism.de oder www.chattanoogafun.com

 
  • Serie reisehits
  • Quelle (c) DIE ZEIT 11/2003
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