Lange Zeit interessierte ich mich nicht für Menschen. Ich liebte Bücher und fand, in der Welt könne man wenig lernen, was nicht schon irgendwo geschrieben stünde. Probieren Sie es ruhig aus: Alles wirklich Wichtige lässt sich bequem im Lexikon oder in der Weltliteratur nachschlagen. Wer einer Sache auf den Grund gehen möchte, darf niemals losrennen und Leute befragen: Entweder können sie sich schlecht erinnern, oder sie erfinden die tollsten Räuberpistolen, oder sie erzählen einem Dinge, die man lieber nicht wissen will. Deshalb war ich ganz froh, dass Nina Hagen gerade durch Amerika tourte, als ich das erste Mal versuchte, sie anzurufen.

Von Berufs wegen bin ich gelegentlich gezwungen, mich für Menschen zu interessieren. Denn Zeitungsleser, so hat es mir vor zehn Jahren der Chef des Halleschen Tageblatts erklärt, wollen keine erfundenen Figuren, die hochtrabend daherschwadronieren, sondern Artikel, in denen echte Menschen frauenfeindliche Witze reißen, geheime Liebesaffären ausplaudern oder erzählen, was zu DDR-Zeiten am FKK-Strand der Insel Hiddensee los war. Eine Geschichte über Nina Hagens Sommerurlaubsschlager Du hast den Farbfilm vergessen sollte deshalb keinesfalls im Winter spielen. Aber manchmal kann man sich die Jahreszeit nicht aussuchen.

Gefahr und Vergnügen wachsen am selben Baum

Neulich beispielsweise war Januar, und wäre Nina Hagen da gewesen, hätte ich sie gefragt, wie sie es fand, berühmt zu werden, damals 1974. Heutzutage wird ja alle halbe Stunde jemand Superstar, man kann die Namen gar nicht so schnell mitschreiben. Aber damals, in der DDR, kannte jeder Nina Hagen. Die Omas, die Vatis, die Hortkinder. Vierzig Prozent der Ostdeutschen können angeblich immer noch Ninas ersten großen Hit summen. Er beginnt mit fröhlichem Trompetengetröte und den Worten: Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee. / Micha, mein Micha, und alles tat so weh… Der Text ist ein bisschen frech und ein bisschen frivol, er klingt naiv, aber ist doch ironisch, und die 19-jährige Nina singt ihn mit angriffslustiger Leichtfertigkeit. Man möchte gleich an den sozialistischen Sandstrand.

Der Sozialismus, so geht die Legende, bestand ja hauptsächlich aus fröhlichem Jugendleben. Hässliche Hosen, aber gewagte Dissidentenpartys. Wenig Freiheit, aber viel Sex. Eigentlich ein mustergültiges Zeitungsthema. Wenn man will, kann man es ohne große Mühe auch gesellschaftstheoretisch aufmotzen. Kurzzeitig habe ich erwogen, einen Essay über den Inselurlaub als Paradigma des Überlebens in der geschlossenen Gesellschaft zu verfassen. Hiddensee als Metapher der Diktatur! Ich sagte zur Redaktion: Das kostet fast nichts. Da müsste man sich nur mal einen Abend in die Bibliothek setzen. Die DDR kenne ich, auf Hiddensee war ich schon, und morgen erscheint die neue Biografie von Nina Hagen. Die Redaktion jedoch sprach: Bedenken Sie, dass sich letztlich alle Menschen nach fröhlichem Jugendleben sehnen! Da schnappte ich die Dienstwagenschlüssel, klemmte den Notizblock untern Arm und war schon fast um die Ecke, als die Redaktion mir nachrief: Aber verschonen Sie uns mit den Dichtern, die sich auf Hiddensee herumgetrieben haben, Gerhart Hauptmann, Günter Grass und wie sie alle heißen.