Reisehits Unter Verdacht

Nina Hagens erster Hit »Du hast den Farbfilm vergessen« handelte von einem Sommerflirt auf Hiddensee. Aber wer war ihr geliebter Michael? Und gibt es wirklich keine Beweisfotos? Eine Recherche wider besseres Wissen

Lange Zeit interessierte ich mich nicht für Menschen. Ich liebte Bücher und fand, in der Welt könne man wenig lernen, was nicht schon irgendwo geschrieben stünde. Probieren Sie es ruhig aus: Alles wirklich Wichtige lässt sich bequem im Lexikon oder in der Weltliteratur nachschlagen. Wer einer Sache auf den Grund gehen möchte, darf niemals losrennen und Leute befragen: Entweder können sie sich schlecht erinnern, oder sie erfinden die tollsten Räuberpistolen, oder sie erzählen einem Dinge, die man lieber nicht wissen will. Deshalb war ich ganz froh, dass Nina Hagen gerade durch Amerika tourte, als ich das erste Mal versuchte, sie anzurufen.

Von Berufs wegen bin ich gelegentlich gezwungen, mich für Menschen zu interessieren. Denn Zeitungsleser, so hat es mir vor zehn Jahren der Chef des Halleschen Tageblatts erklärt, wollen keine erfundenen Figuren, die hochtrabend daherschwadronieren, sondern Artikel, in denen echte Menschen frauenfeindliche Witze reißen, geheime Liebesaffären ausplaudern oder erzählen, was zu DDR-Zeiten am FKK-Strand der Insel Hiddensee los war. Eine Geschichte über Nina Hagens Sommerurlaubsschlager Du hast den Farbfilm vergessen sollte deshalb keinesfalls im Winter spielen. Aber manchmal kann man sich die Jahreszeit nicht aussuchen.

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Gefahr und Vergnügen wachsen am selben Baum

Neulich beispielsweise war Januar, und wäre Nina Hagen da gewesen, hätte ich sie gefragt, wie sie es fand, berühmt zu werden, damals 1974. Heutzutage wird ja alle halbe Stunde jemand Superstar, man kann die Namen gar nicht so schnell mitschreiben. Aber damals, in der DDR, kannte jeder Nina Hagen. Die Omas, die Vatis, die Hortkinder. Vierzig Prozent der Ostdeutschen können angeblich immer noch Ninas ersten großen Hit summen. Er beginnt mit fröhlichem Trompetengetröte und den Worten: Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee. / Micha, mein Micha, und alles tat so weh… Der Text ist ein bisschen frech und ein bisschen frivol, er klingt naiv, aber ist doch ironisch, und die 19-jährige Nina singt ihn mit angriffslustiger Leichtfertigkeit. Man möchte gleich an den sozialistischen Sandstrand.

Der Sozialismus, so geht die Legende, bestand ja hauptsächlich aus fröhlichem Jugendleben. Hässliche Hosen, aber gewagte Dissidentenpartys. Wenig Freiheit, aber viel Sex. Eigentlich ein mustergültiges Zeitungsthema. Wenn man will, kann man es ohne große Mühe auch gesellschaftstheoretisch aufmotzen. Kurzzeitig habe ich erwogen, einen Essay über den Inselurlaub als Paradigma des Überlebens in der geschlossenen Gesellschaft zu verfassen. Hiddensee als Metapher der Diktatur! Ich sagte zur Redaktion: Das kostet fast nichts. Da müsste man sich nur mal einen Abend in die Bibliothek setzen. Die DDR kenne ich, auf Hiddensee war ich schon, und morgen erscheint die neue Biografie von Nina Hagen. Die Redaktion jedoch sprach: Bedenken Sie, dass sich letztlich alle Menschen nach fröhlichem Jugendleben sehnen! Da schnappte ich die Dienstwagenschlüssel, klemmte den Notizblock untern Arm und war schon fast um die Ecke, als die Redaktion mir nachrief: Aber verschonen Sie uns mit den Dichtern, die sich auf Hiddensee herumgetrieben haben, Gerhart Hauptmann, Günter Grass und wie sie alle heißen.

Daraufhin habe ich den entscheidenden Fehler begangen. Ich rief den Kurdirektor von Hiddensee an. Ahnte ja nicht, dass wir in der Hafenkneipe enden würden. Dass Herr Langemeyer mir mehrere Doppelkorn in den Sanddornsaft schütten könnte. Dass erst ich und dann er sehr wütend werden würde. Wenn man sich mit Menschen einlässt, wachsen Gefahr und Vergnügen am selben Baum. Zwecks Gefahrenminimierung, aber auch aus Gründen der Authentizität habe ich meinen Lieblingsfotografen eingeladen, mich auf die Farbfilm- Recherche zu begleiten. Leider mussten wir bereits auf der Fähre von Rügen nach Hiddensee feststellen, dass die Schönheit, ja Erhabenheit des mecklenburg-vorpommerschen Winters nicht fotografierbar ist, weder mit Farbfilm noch in Schwarzweiß.

Dabei waren die Ausgangsbedingungen in Hamburg beinahe ideal: eisig knirschender Morgen, hoher Himmel über der Autobahn Richtung Osten und keine Hindernisse auf der linken Spur. Wer der Vergangenheit nachjagt, muss schnell sein, wir jedenfalls haben mit quietschenden Reifen die letzte Fähre erreicht. Auto parken, im Laufschritt an Bord. Und dann stehen wir an der Reling und stürzen aus der Zeit. Wo im Sommer das Meer begann, beginnt jetzt endloses Weiß. Wo sonst unaufhörliche Wellenbewegung war, ist Starre. Unebenes, leise seufzendes Eis, auf dem wie festgefroren die Schwäne sitzen, und darüber ein geradezu sibirisches Spätnachmittagslicht. Der Fotograf stellt Blende 16 ein. So schemenhaft sind die Landzüge am Horizont, als lägen sie am andern Ufer des Totenflusses Lethe. Ich sage: Gleich setzen wir über ins Jenseits. Der Fotograf ist Materialist. Er fotografiert ausführlich den roten Traktor, der hinter uns auf die Fähre rollt.

Die Dorfpolizei kommt mit dem Fahrrad

Ich finde es trotzdem poetisch, über einen zugefrorenen Bodden zurück in die politische Eiszeit der frühen siebziger Jahre zu reisen. Nur zwei Jahre nach dem Farbfilm- Erfolg wurde Nina Hagens Stiefvater Wolf Biermann des Landes verwiesen, Nina ging wenige Monate später, noch 1976, hinterher. Sie hat seitdem viele laute Lieder gesungen, schrille Frisuren getragen, aber sie interessierte sich immer auch fürs Stille, Spirituelle. Als Teenager malte sie sich einen Punkt zwischen die Augenbrauen, das sollte indisch und geheimnisvoll wirken. Ich bilde mir ein, sie würde das weiße Rauschen der winterlichen Ostsee mögen: wie die Eisschollen am Schiffsrumpf entlangschrammen, als wir durch die schmale Fahrrinne Richtung Hiddensee knirschen.

Wir sind sehr gespannt, wo Nina Hagen damals auf der Insel gewohnt hat. Bis zwei Tage vor unserer Abreise hatte ich gar nicht gewusst, dass sie je dort war. In ihrer neuen Biografie steht nichts dergleichen, den Farbfilm hatte Kurt Demmler getextet, erfolgreichster Songwriter der DDR, und die Musik komponierte Michael (!) Heubach von der Band Automobil. Um über Hiddensee zu singen, hätte Nina also nicht nach Hiddensee reisen müssen. Doch Kurdirektor Alfred Langemeyer sagte bei unserem ersten Telefonat: Keine Sorge, wir kriegen schon raus, in welchem Ort Nina Hagen gewohnt hat. Klar, antwortete ich, und dachte: Aha!

Hiddensee hat vier Dörfer. Zirka 1200 Einwohner. Eine dürre Insel, 16 Kilometer lang und an manchen Stellen nur 300 Meter schmal. Wir werden in Vitte wohnen, in der Mitte, vorher bekommen wir aber noch einen Sonnenuntergang geboten. Die Fähre fährt jetzt durch malerisches Abendrot, für das ein alter Meister lange üben müsste. »Das Fräulein stand am Meere / Und seufzte lang und bang / Es rührte sie so sehre / Der Sonnenuntergang.« Der Fotograf packt seine Kamera weg. In die Dunkelheit hineintreibend, streiten wir ein wenig, ob sich Urlaubsstimmung fotografieren lässt.

Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael. / Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön’s hier war a-ha a-ha! Man muss sich vorstellen, dass die junge Nina mit dem großen Hut, dem weichen Schmollmund und den braunen Kulleraugen ihrem Publikum beim Singen provokant zugeblinzelt hat. Sie glaubt natürlich nicht im Ernst an die technische Reproduzierbarkeit ihres Hochgefühls. Sie meint ja mit »schön« nicht Boddenlandschaft oder Dünenheide. In einer echten Sommerliebe schwingt die Ahnung des Verlusts beim ersten Kuss schon mit. Micha, mein Micha, und alles tut so weh / Tu das noch einmal, Micha, und ich geh’! Das meint sie natürlich kokett. Der Zorn des Mädchens ist Lockung, ihre Klage ein Flirt, weil das Ferienglück gerade wegen seiner Flüchtigkeit selig macht.

An unserem ersten Inselmorgen sind wir Herrn Langemeyer im Rathaus besuchen gegangen. Es ist nur ein Katzensprung vom Hafen, wo die Schiffe auf Eis liegen, bis zum Regierungssitz, den man daran erkennt, dass er im Gegensatz zu den meisten Häusern hier eine zweite Etage hat und dass die schlammigen Fahrräder der beiden Dorfpolizisten davor stehen. Die Hiddenseer Exekutive genießt offenbar keine verkehrstechnischen Privilegien und muss wie das gemeine Volk ohne Kraftfahrzeug auskommen. An diesem Tag wird uns nur ein einziges Auto begegnen, das ist der Dienstwagen des Inselarztes Michael Kallius. Gut zu wissen, dass der Doktor notfalls nicht mit dem Fahrrad über unbeleuchtete Wege durch die Nacht holpern muss wie gestern Abend Herr Langemeyer, als er ins Nachbardorf eingeladen war.

Kurdirektor Langemeyer wirkt, abgesehen davon, dass Wetterfrosch Jörg Kachelmann direkt neben ihm wohnt, nicht besonders privilegiert. Dafür ist er erstens viel zu beschäftigt und zweitens viel zu cool. Wir finden ihn hinter einer unscheinbaren Tür ohne Namensschild. Der schlaksige, leicht zerzauste Kurdirektor schüttelt uns freundlich die Hand, dann setzt er sich und wartet mit spöttischer Miene, dass wir dumme Fragen stellen. Das ist unser Job. Sein Job ist es, geduldig zu antworten, vor allem aber (das merken wir später) zu schweigen.

Doch was gäbe es hier zu verschweigen? Wir interessieren uns ja nicht für leer stehende FDGB-Heime oder die Frage, wie viele Stranddisteln im Sommer von den scharenweise über die Insel herfallenden Tagesgästen zertrampelt werden. Wir interessieren uns auch nicht für die judenfeindlichen Verbotsschilder, die nach 1933 die Insel verunzierten, obwohl man doch vorher so stolz war auf Gäste wie Friedrich Hollaender, Mascha Kaléko, Albert Einstein. Momentan suchen wir nur ein bisschen Farbfilm- Atmosphäre und haben keinerlei investigative Absichten – bis zu dem Moment, als der Kurdirektor auf Nina Hagens Hiddenseer Sommerliebe zu sprechen kommt. Er wisse ja nichts Genaues (was wir glauben, da er erst vor sieben Jahren auf die Insel gezogen ist). Aber seine Kollegin, die kenne jemanden, den man mal fragen könne, ob man jemanden fragen könne, na, Sie wissen schon, der Junge mit dem Nina… Ich sage: Oh, das wäre eine hübsche Pointe!

Der zuvorkommende Herr Langemeyer telefoniert nun die Kollegin herbei. Die Kollegin sagt guten Tag und geht wieder raus, um ein konspiratives Telefonat zu führen. Sie kommt wieder rein, schüttelt den Kopf, rollt bedeutungsvoll mit den Augen und bedauert: Nein, an diese Sache rühre man besser nicht. – Daraufhin werde ich endgültig neugierig. Zwar geht es die Welt nichts an, welchen Micha Nina nun verführt hat. Aber wäre es nicht großartig, wenn Micha, mittlerweile grau meliert oder mit Glatze, ein paar zerknitterte Schwarzweißfotos aus der Schrankwand kramte, und es wäre genau das drauf, was im Schlager drinsteht? Ich im Bikini, und ich am FKK. / Ich frech im Mini, Landschaft ist auch da.

Einen Augenblick vergesse ich, dass sich im wirklichen Leben die Dinge nie so schön fügen wie in der Literatur. Ich notiere mir Namen von Leuten, die möglicherweise etwas wissen könnten, während Herrn Langemeyers Kollegin den Fischer Schuhmacher anruft und fragt, ob wir spontan vorbeikommen dürfen. Er sagt: Um Gottes willen! Ich schließe ab! Herbert Schuhmacher, Jahrgang 1928, macht uns fünf Minuten später dann doch die Tür auf. Sein Hund knurrt den Fotografen böse an, aber wir unterhalten uns angeregt über die Nachkriegszeit, als man noch mit Baumwollnetzen fischte, und über die Sechziger, als Herr Fuhrmann Schiffsführer bei der Biologischen Forschungsstation in Kloster war. Und die Wende? »Tja«, sagt er, »es ist nicht alles Gold, was glänzt.« Nina Hagen kennt er übrigens nicht.

Das Schöne an einer Inselexistenz ist ja, dass man das Treiben der großen Welt weitgehend ignorieren kann. Menschenferne und Gottnähe, Überschaubarkeit und Geschichtslosigkeit, Zeltkino und Kerzenlicht: So heißen die Ingredienzen der idyllisierenden Inselsehnsucht, und Hiddensee kommt im Januar dem Ideal eines menschenleeren Zufluchtsorts recht nahe. Am zweiten Tag unserer Recherche wateten wir durch knietiefen Schnee zum Meer, wo uns Verlassenheit um die Ohren flog. Nur Strandhafer und blaugraue Eisschollen. Nur der Fotograf und ich. Wie im Farbfilm: nur Michael und Nina. So viel Zweisamkeit hält man natürlich nicht unbegrenzt aus, deshalb glauben wir gern, dass Nina wegen des läppischen Farbfilms Streit vom Zaun brach: So böse stampfte mein nackter Fuß im Sand / Und schlug ich von meiner Schulter deine Hand . Der Fotograf und ich streiten allerdings nicht. Wir haben genug zu tun, das Häuschen der Frau von Dossow zu finden, das so versteckt in der Dünenheide liegt, halb verborgen hinter Bäumen, kaum auffindbar zwischen weit voneinander entfernten, winterfest verrammelten Sommerdomizilen, dass man sich problemlos vorstellen kann, hier draußen habe die DDR-Boheme ihre Schlafsäcke ausgerollt.

Bei Frau von Dossow, Jahrgang 1916, hat Nina Hagen natürlich auch nie gewohnt. Dafür hat Frau von Dossow mal kurz neben Gret Palucca, Jahrgang 1902, gewohnt, die Startänzerin besaß ein Sommergrundstück am Norderende von Vitte. Dann haben die von Dossows ihr Holzhäuschen in die Heide gebaut. Die alte Dame zeigt mir die Ölbilder ihres verstorbenen Mannes. Schöne Seestücke mit altmodischen Klippern, aber ohne Menschen. Deshalb hat die ostdeutsche Akademie der Künste den Marinemaler seinerzeit nicht als Künstler anerkennen wollen. Frei habe sie sich auf Hiddensee trotzdem gefühlt, sagt Frau von Dossow: »Hier muss alles übers Wasser, auch die Politik. Die hat sich dann schon abgekühlt.« Ganz allein lebt sie hier draußen, erst seit gestern kann sie wieder vor die Tür, da hat ihr jemand ein Stück Weg frei geschippt. Was sie über die neue Zeit denkt? »Tja«, sagt sie, »es ist nicht alles Pech, was schwarz ist.« Vorm Fenster fällt ein wenig Schnee von den Fichten.

Die örtlichen Behörden behindern die Ermittlungen

Wer wollte, der könnte ewig über die halb im Winterschlaf versunkene Insel wandern und Menschen finden, von denen er gar nicht wusste, dass er sie sucht. Fast alles, was man sonst besichtigen müsste, hat geschlossen: das Hauptmann-Haus und das Heimatmuseum, die Blaue Scheune und die Buchhandlung Koralle, die meisten Läden und nach acht in Vitte alle Kneipen bis auf eine. Der Kurdirektor lässt extra das Inselmuseum für uns aufschließen. Das ist sehr zuvorkommend, aber mittlerweile glauben wir an ein Ablenkungsmanöver. Der Fotograf sagt, das sei wie im amerikanischen Krimi, wenn das ahnungslose FBI in die Provinz kommt und von den örtlichen Behörden auf die falsche Fährte geschickt wird. Ich sage: Wir wollen doch aber nur etwas ganz Harmloses wissen. Ich vergesse, dass die örtlichen Behörden im Film oft aus purer Schadenfreude die Arbeit des unsympathischen FBI behindern. Ich vergesse, dass es keinen triftigen Grund für die Insulaner gibt, wildfremden Großstädtern ihr Familienalbum zu zeigen.

Der Fischer Karl Kollwitz führt mir freundlicherweise trotzdem seine selbst gedrehten Super-8-Filme vor. Bei Karl Kollwitz, Jahrgang 1928, hat Nina Hagen natürlich auch nicht gewohnt. Bei Familie Kollwitz wohnte damals die Entertainerin Helga Hahnemann. Und noch früher wohnten die Kollwitzens in einem Haus mit der Familie von Ernst Freud, dem Sohn Sigmund Freuds. Karl Kollwitz zeigt mir ein Foto von Lucian Freuds Enkeltöchtern, die vorigen Sommer zu Besuch waren. Den Briefwechsel seines Vaters mit Ernst Freud hat Karl Kollwitz leider weggeworfen, aber seine Super-8-Filme hat er fast alle auf Video überspielt. Sie sind ein bisschen grieselig. Wir schauen uns Karl Kollwitzens Boot an und wie er mit dem Sohn zum Fischen rausfährt. Ich lerne, dass man Hechte früher mit lebenden Plötzen angelte, was heute verboten ist. Nebenbei trinken wir Tee, und Herr Kollwitz schneidet Kuchen an. Ich esse drei Stück und finde, dass die Insulaner doch nicht unnahbar sind.

Jetzt klingelt es, und Jochen Klug kommt zu Besuch, der schon zu DDR-Zeiten vom Westen aus Kontakt zu seinem Jugendfreund Karl hielt, außerdem gehört seiner Familie, den von Blüchers, hier ein Haus. Seit kurzem wohnt er nun ganz auf der Insel. Er sagt: »Für uns ging das Jahr nicht von Weihnachten bis Weihnachten, sondern von Hiddensee bis Hiddensee.« Dann berichtet er schmunzelnd, wie die Reiseführer im Sommer manchmal behaupten, in dem Haus, in dem er wohnt, wohne der Urururenkel von Generalfeldmarschall Blücher, dabei gehe der Blüchersche Stammbaum bereits 1417 auseinander. Aber den Fremden könne man eben viel erzählen.

Während wir nun zu dritt weiter Filme anschauen, erfahre ich ein paar streng geheime Insellegenden, die ich verspreche, nicht weiterzuerzählen. Sie sind alle harmlos, aber auf einer Insel wird aus dem kleinsten Gerücht über Nacht eine ansteckende Krankheit, darum befindet sich die Bevölkerung in dem paradoxen Zustand, zwar alles voneinander zu wissen, aber permanent geheim halten zu wollen. Die Geschichte, wie Nachbars Ute, die Tochter des alten Inselarztes Ehrhardt, vor vielen Jahren mit einem neuen Mann auftauchte, der einen ganzen Nachmittag lang nicht als Günter Grass erkannt wurde, darf ich aber schreiben, denn Ute und Günter sind bis heute glücklich verheiratet. Im Wohnzimmer von Herrn Kollwitz hängt ein ziemlich frisches Grass-Aquarell mit persönlicher Widmung. (Übrigens ist Karl Kollwitz nicht mit Käthe Kollwitz verwandt, die in den Zwanzigern oft in Vitte war.) Am Ende inspizieren wir das Bücherregal, und der Fischer erklärt mir, weshalb er Theodore Dreiser liebt und Gerhart Hauptmann nicht sonderlich mag. Ich merke, dass es aufschlussreich sein kann, sich für Menschen und Literatur gleichzeitig zu interessieren.

Zusammenfassend lässt sich berichten, dass Hiddensee im Schnee noch tausendmal schöner ist als sonst, dass der Kurdirektor nett war und dass wir über Nina Hagen nichts herausgefunden haben. Bis der letzte Abend kam und Herr Langemeyer einen Fehler beging. Er brachte den Bürgermeister mit, und zu viert spazierten wir in die Hafenkneipe. Außer dem Wirt war niemand dort. Herr Langemeyer bestellte sich eine Fanta mit Schuss und sah zufrieden aus. Ich war missgelaunt, hatte Grippe und trank bereits den fünften heißen Sanddornsaft an diesem Tag. Doch dann betrat der Mann vom Winterdienst die Kneipe. Er wusste noch nicht, dass er mich retten würde. Ich wusste noch nicht, dass Niederlage gleich in Triumph umschlüge. Der Winterdienst steuerte auf unseren Tisch zu. Herr Langemeyer schwenkte rum und sagte mit gelindem Hohn ungefähr Folgendes: Hallo Nils, das hier sind die Kollegen Journalisten, die seit drei Tagen versuchen herauszukriegen, mit wem Nina Hagen, na du weißt schon… Nils Gottschalk setzte seine Mütze ab, sah uns erstaunt an und sagte: Aber das weiß doch auf Hiddensee jeder, dass das – an dieser Stelle trat ihm Herr Langemeyer gegen das Schienbein. Zwei Sekunden zu spät. Ich sagte mit unverhohlenem Hohn: Sie brauchen ihn nicht zu treten, ich habe den Namen verstanden.

Showdown mit gutem und bösem Kommissar

Man muss zugeben, wir führten einen unwürdigen Dialog. Wie sagt mein Lieblingsdramatiker: »Der Mensch ist ein Abgrund, es schaudert einen, wenn man hineinsieht.« Der Kurdirektor jedenfalls beschimpfte Nils als Verräter, was unsinnig war, weil man jemanden, der gar nicht weiß, dass er sich in einer konspirativen Situation befindet, nicht der Dekonspiration bezichtigen kann. Weil man jemanden, für den das Staatsgeheimnis ein Witz ist, schlecht bitten kann, es zu hüten. Kurdirektor und Bürgermeister fingen nun an, mich mit moralischen Ermahnungen zu traktieren: »Michael« sei verheiratet, die arme Frau et cetera. Sie wussten nicht, dass ich den Namen sowieso keinesfalls schreiben würde. Nicht aus Gründen der Moral, sondern aus Gründen des Stils. Na ja, vielleicht auch ein bisschen aus Gründen der Moral. Aber jetzt wollte ich wenigstens eine halbe Stunde lang so überlegen tun wie ein zynischer FBI-Mann im Krimi. Laut sagte ich zum Fotografen, dass wir morgen noch genug Zeit hätten, bei »Michael« zu klingeln. Herr Langemeyer rief: Das können Sie doch nicht machen! Ich fragte: Warum?

Natürlich hatte ich gar keinen Grund, Mister X zu demütigen. Ich fand allerdings, ich hätte nach tagelangem Umherirren durchaus Grund, den Kurdirektor ein wenig zu ärgern. Als ich vom Nasepudern zurückkam, war ein doppelter Schnaps in meinem Sanddornsaft. Ich fragte Herrn Langemeyer: Denken Sie, ich vergesse den Namen wieder? Daraufhin begann der gestern noch so einsilbige Mann, ablenkungshalber alle möglichen skandalösen Geschichten zum Besten zu geben. Ich schrieb nicht mit. Der Fotograf behauptete hinterher, ich sei boshaft gewesen und nur deshalb heil nach Hause gekommen, weil er gut Wetter gemacht habe. Die klassische Nummer: good cop & bad cop. Der Fotograf ist Cineast und neigt zu anschaulichen Interpretationen. Er versicherte auch, in einem echten Krimi hätten wir die Insel nie mehr verlassen. Wir wären einfach verschollen, wie die unliebsamen Ermittler in Twin Peaks.

Jedenfalls haben wir Möchtegernkriminalisten mitten auf der dunklen Dorfstraße noch einen enormen Lachanfall bekommen. Am nächsten Morgen dann war meine Grippe weg. Die Sonne strahlte, an der Seeseite der Insel trieben die Eisschollen auseinander, und als wir auf der Fähre nach Rügen den Bürgermeister entdeckten, da wussten wir, wir kämen sicher wieder hinüber. – Ein schönes, ein symbolträchtiges Ende. Aber eben doch nicht das Ende. Konnten wir denn sicher sein, dass der Showdown in der Kneipe nicht inszeniert gewesen war? Dass Mister X tatsächlich Michael hieß? Wir hatten kein Beweisfoto. Und selbst wenn der angebliche Micha uns die tollsten Geschichten gestanden hätte: Lehrt nicht die Erfahrung, dass es zwar unklug ist, etwas ohne Beweis zu glauben, aber auch klug, etwas trotz Hunderter Beweise zu bezweifeln?

Als wir wieder in Hamburg waren, rief Ninas Agentur an. Sie hätten die Sängerin endlich erreicht. Sie ließe ausrichten, sie sei nie auf Hiddensee gewesen. Kann das stimmen? In der Hafenbar hatte jemand behauptet, »Michael« und Nina hätten vereinbart, ihre Affäre geheim zu halten. Doch so viel Diskretion ergäbe nur Sinn, wenn Nina nicht den Farbfilm gesungen hätte. Schwer zu durchschauen ist die Wirklichkeit, noch ambivalenter aber die Kunst. Unsere These: Nina sagt die Wahrheit, doch manche Leute glauben lieber an das Gegenteil. Auf einer Insel passiert nicht viel, und wenn die vier Plagen Schwatzhaftigkeit und Geheimniskrämerei, Lüsternheit und Bigotterie sich eines Winterabends in der Hafenkneipe treffen, entstehen Gerüchte. Im Laufe der Zeit wachsen sie an zu Legenden.

Ich habe dann noch mit Ninas Mutter, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen, gesprochen. Dabei stellte sich heraus, dass ich das Haus, in dem sie wohnt, von meinem Hamburger Balkon aus sehen kann. Das wäre die schnellste Verbindung zur Vergangenheit gewesen. Doch zuweilen ist die weite Welt außerhalb der Bibliothek eine Reise wert. Eva-Maria Hagen übrigens beteuert, dass weder sie noch Nina je auf Hiddensee war. Ehrlich gesagt: Mittlerweile ist mir das wieder egal. Als ich Eva-Maria Hagen vom Ausflug in die Gerüchteküche berichtete, lachte sie und fragte, ob ich folgenden Spruch kenne: »Hasenbraten ist ein schönes Essen, ich selber habe noch keinen gegessen, aber mein Bruder: dessen Freund hat mal neben einem gesessen, und der hat von weitem einen sehen Hasenbraten essen.«

 

Information

Anreise:
Autobahn in Richtung Rostock. In Rostock-Ost auf die B 105 nach Stralsund, dort B 96 in Richtung Rügen, in Samtens abbiegen nach Schaprode. Am Fährhafen Parkmöglichkeit (fünf Tage für 10 Euro). Mehrmals täglich Fährverbindung (hin und zurück 13,50 Euro), April bis November auch ab Stralsund. Tel. 038300/501 69 oder www.frs.de

Unterkunft:
Wer auch an der See die Berge nicht missen möchte, quartiere sich im Norden der Insel, auf dem Dornbusch ein. Gleich beim Leuchtturm, mitten im Wald liegt die Pension Zum Klausner (31-44 Euro pro Person im DZ inklusive Frühstück, Dornbuschwald 1, Tel. 038300/66 10, www.klausnerhiddensee.de )

Strategisch günstig wohnt man in der Mitte der Insel, in Vitte (Pension Lachmöwe, 31-46 Euro pro Person, inklusive Frühstück, Wallweg 5, Tel. 038300/253, www.lachmoewe.kapp.de )

Luxuriöse Ferienwohnungen im Inselhaus Hiddensee, 80-175 Euro pro Whg., Süderende 185, www.inselhaus.de ). Stiller ist es am flachen, südlichen Inselende in dem Fischerort Neuendorf. Zahlreiche Privatquartiere (12-25 Euro)

Sehenswert:
Den Weg durch die vielfältige Inselflora lässt man sich entweder im Nationalparkhaus (zwischen Vitte und Kloster) oder im Inselmuseum (Kloster) weisen. Der Museumschef erklärt gern, warum man die orangefarbenen Beeren des Sanddorns nicht pflückt, sondern melkt. Die Brutgebiete der zahlreichen Vogelarten sind großenteils unzugänglich, aber Hobbyornithologen bekommen auf den begehbaren Teilen der Bessine, neuen Landbildungen, genug seltene Küstenvögel vor die Linse

Hiddensee hat außerdem zwei Leuchttürme, drei Häfen, eine Inselkirche aus dem 15. Jahrhundert und mittelalterliche Hausmarken

Ausgehen:
Wenn die Wintergäste im Godewind (Vitte, Süderende 53) sich abends am Tee wärmen, dann tut der Wirt, was er sommers nie täte, er zeigt alte ARD- oder mdr-Dokumentationen über Hiddensee

Im Sommer gibt es Lesungen in der Bibliothek des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Kloster: Volker Braun, Günter Grass, Stefan Heym waren im Haus Seedorn zu Gast, das Hauptmann, glühendster und treuester der prominenten Inselgäste, 1930 erworben hatte (Kirchweg, Tel. 038300/397)

Literatur:
»Nina Hagen - That's Why the Lady Is a Punk« von Nina Hagen und Marcel Feige, mit einem Fotoessay von Jim Rakete (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003; 500 S., 59,90 Euro) - 500 großformatige Seiten Melodie und Rhythmus, Anarchie und Liebeskummer, Kinderbilder und Krakelbriefe. Nina schmollend, fauchend, bezaubernd

Manfred Faust: »Das Capri von Pommern. Geschichte der Insel Hiddensee von den Anfängen bis 1990« (Ingo Koch Verlag, Rostock 2001; 419 S., 15,30 Euro) - heitere und finstere Kapitel der Insel- historie, hoch informativ

Renate Seydel (Hrsg.): »Hiddensee. Geschichten von Land und Leuten« (Ullstein, München 2000; 638 S., 8,95 Euro) - Inselansichten, notiert von Einheimischen und Zaungästen, von Wackenroder, Ringelnatz, Kunert ...

Hanns Cibulka: »Ostseetagebücher« (Reclam, Leipzig 1990; 247 S., 8,90 Euro) - In den Siebzigern war der Dichter erstmals auf dem Dornbusch. Seine Prosaminiaturen gehören zum Schönsten, was je über Landschaft geschrieben wurde. Hier sind Verreisen und Zusichkommen eins. »Sonnentau und Sanddornblatt, ich möchte die Augen nicht schließen, diese Insel ist schön«

Auskunft:
Insel-Information Hiddensee, Tel. 038300/642 26 (-27, -28), www.seebadinsel-hiddensee.de

 
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