Reisehits Unter VerdachtSeite 6/6

Als wir wieder in Hamburg waren, rief Ninas Agentur an. Sie hätten die Sängerin endlich erreicht. Sie ließe ausrichten, sie sei nie auf Hiddensee gewesen. Kann das stimmen? In der Hafenbar hatte jemand behauptet, »Michael« und Nina hätten vereinbart, ihre Affäre geheim zu halten. Doch so viel Diskretion ergäbe nur Sinn, wenn Nina nicht den Farbfilm gesungen hätte. Schwer zu durchschauen ist die Wirklichkeit, noch ambivalenter aber die Kunst. Unsere These: Nina sagt die Wahrheit, doch manche Leute glauben lieber an das Gegenteil. Auf einer Insel passiert nicht viel, und wenn die vier Plagen Schwatzhaftigkeit und Geheimniskrämerei, Lüsternheit und Bigotterie sich eines Winterabends in der Hafenkneipe treffen, entstehen Gerüchte. Im Laufe der Zeit wachsen sie an zu Legenden.

Ich habe dann noch mit Ninas Mutter, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen, gesprochen. Dabei stellte sich heraus, dass ich das Haus, in dem sie wohnt, von meinem Hamburger Balkon aus sehen kann. Das wäre die schnellste Verbindung zur Vergangenheit gewesen. Doch zuweilen ist die weite Welt außerhalb der Bibliothek eine Reise wert. Eva-Maria Hagen übrigens beteuert, dass weder sie noch Nina je auf Hiddensee war. Ehrlich gesagt: Mittlerweile ist mir das wieder egal. Als ich Eva-Maria Hagen vom Ausflug in die Gerüchteküche berichtete, lachte sie und fragte, ob ich folgenden Spruch kenne: »Hasenbraten ist ein schönes Essen, ich selber habe noch keinen gegessen, aber mein Bruder: dessen Freund hat mal neben einem gesessen, und der hat von weitem einen sehen Hasenbraten essen.«

 

Information

Anreise:
Autobahn in Richtung Rostock. In Rostock-Ost auf die B 105 nach Stralsund, dort B 96 in Richtung Rügen, in Samtens abbiegen nach Schaprode. Am Fährhafen Parkmöglichkeit (fünf Tage für 10 Euro). Mehrmals täglich Fährverbindung (hin und zurück 13,50 Euro), April bis November auch ab Stralsund. Tel. 038300/501 69 oder www.frs.de

Unterkunft:
Wer auch an der See die Berge nicht missen möchte, quartiere sich im Norden der Insel, auf dem Dornbusch ein. Gleich beim Leuchtturm, mitten im Wald liegt die Pension Zum Klausner (31-44 Euro pro Person im DZ inklusive Frühstück, Dornbuschwald 1, Tel. 038300/66 10, www.klausnerhiddensee.de )

Strategisch günstig wohnt man in der Mitte der Insel, in Vitte (Pension Lachmöwe, 31-46 Euro pro Person, inklusive Frühstück, Wallweg 5, Tel. 038300/253, www.lachmoewe.kapp.de )

Luxuriöse Ferienwohnungen im Inselhaus Hiddensee, 80-175 Euro pro Whg., Süderende 185, www.inselhaus.de ). Stiller ist es am flachen, südlichen Inselende in dem Fischerort Neuendorf. Zahlreiche Privatquartiere (12-25 Euro)

Sehenswert:
Den Weg durch die vielfältige Inselflora lässt man sich entweder im Nationalparkhaus (zwischen Vitte und Kloster) oder im Inselmuseum (Kloster) weisen. Der Museumschef erklärt gern, warum man die orangefarbenen Beeren des Sanddorns nicht pflückt, sondern melkt. Die Brutgebiete der zahlreichen Vogelarten sind großenteils unzugänglich, aber Hobbyornithologen bekommen auf den begehbaren Teilen der Bessine, neuen Landbildungen, genug seltene Küstenvögel vor die Linse

Hiddensee hat außerdem zwei Leuchttürme, drei Häfen, eine Inselkirche aus dem 15. Jahrhundert und mittelalterliche Hausmarken

Ausgehen:
Wenn die Wintergäste im Godewind (Vitte, Süderende 53) sich abends am Tee wärmen, dann tut der Wirt, was er sommers nie täte, er zeigt alte ARD- oder mdr-Dokumentationen über Hiddensee

Im Sommer gibt es Lesungen in der Bibliothek des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Kloster: Volker Braun, Günter Grass, Stefan Heym waren im Haus Seedorn zu Gast, das Hauptmann, glühendster und treuester der prominenten Inselgäste, 1930 erworben hatte (Kirchweg, Tel. 038300/397)

Literatur:
»Nina Hagen - That's Why the Lady Is a Punk« von Nina Hagen und Marcel Feige, mit einem Fotoessay von Jim Rakete (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003; 500 S., 59,90 Euro) - 500 großformatige Seiten Melodie und Rhythmus, Anarchie und Liebeskummer, Kinderbilder und Krakelbriefe. Nina schmollend, fauchend, bezaubernd

Manfred Faust: »Das Capri von Pommern. Geschichte der Insel Hiddensee von den Anfängen bis 1990« (Ingo Koch Verlag, Rostock 2001; 419 S., 15,30 Euro) - heitere und finstere Kapitel der Insel- historie, hoch informativ

Renate Seydel (Hrsg.): »Hiddensee. Geschichten von Land und Leuten« (Ullstein, München 2000; 638 S., 8,95 Euro) - Inselansichten, notiert von Einheimischen und Zaungästen, von Wackenroder, Ringelnatz, Kunert ...

Hanns Cibulka: »Ostseetagebücher« (Reclam, Leipzig 1990; 247 S., 8,90 Euro) - In den Siebzigern war der Dichter erstmals auf dem Dornbusch. Seine Prosaminiaturen gehören zum Schönsten, was je über Landschaft geschrieben wurde. Hier sind Verreisen und Zusichkommen eins. »Sonnentau und Sanddornblatt, ich möchte die Augen nicht schließen, diese Insel ist schön«

Auskunft:
Insel-Information Hiddensee, Tel. 038300/642 26 (-27, -28), www.seebadinsel-hiddensee.de

 
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