reise-hits Patricia, Stier, zweimal geschieden
Unterwegs im goldenen Chevrolet sucht nach dem Girl von Mendocino
Amerikanerinnen sind die schönsten Frauen der Welt. Mal abgesehen von den Italienerinnen und den Marokkanerinnen. Abgesehen auch von den indischen Frauen, den spanischen und denen aus Portugal. Amerikanerinnen sind die schönsten Frauen der Welt. Mal abgesehen von den Französinnen und den Schwedinnen. Sind Amerikanerinnen wirklich schön? War das Girl von Mendocino nicht deshalb so hinreißend, weil es gar nicht existierte?
Ann hatte ihr kastanienbraunes Haar auf dem Hinterkopf zu einem Puschel hochgebunden, ihre Augen waren dunkel, der Blick verriet ein hohes Maß an Sensibilität. Sie trug eine khakifarbene Hose und einen schwarzen Fleecepulli. An ihrem linken Ohrläppchen glänzte ein Brillant. »So etwas kann Stunden dauern«, sagte sie leicht gereizt und lehnte sich an die Motorhaube ihres Volvos. Wir waren umzingelt von Hunderten von Hühnern, die nach einem Unfall aus der offenen Klappe eines Truck geflüchtet waren und nun aufgeregt auf der Fahrbahn tänzelten. Die Polizei hatte den Highway 101 vor Santa Rosa komplett gesperrt. Der Trucker, ein Typ in einem viel zu knappen Shirt, schrie in sein Handy. Ein Junge versuchte eines der Viecher zu fangen.
Michael Holm arbeitet heute als Landwirt
»Bist du privat oder beruflich hier?«, fragte Ann. – »Ich bin hier, um eine Frau zu suchen.« Ann blickte verschüchtert zu Boden, vielleicht hatte ich ihr einen Moment zu lange in die Augen gesehen. »Sie trägt zwei goldene Spangen im Haar«, fügte ich hinzu, etwas zögerlich, denn goldene Spangen sind ja nicht gerade ein Ausdruck des guten Geschmacks. Ich wollte ihr jedoch klar machen, dass es nicht irgendeine Frau sein sollte. »Sie war das Girl in Mendocino – einem Hit aus dem Jahre 1969. Er muss viel Geld gebracht haben, der ehemalige Sänger Michael Holm arbeitet heute als Landwirt, obwohl die Agrarwirtschaft am Boden liegt.«
»Ja«, sagte Ann, »so funktionieren die Charts, je dümmer die Botschaft, desto erfolgreicher der Song. Die Liebe bietet sich dafür geradezu an.« Ihr Ton verriet, dass sie den Grund meiner Reise ein wenig infrage stellte. Natürlich fand ich sie äußerst charmant, und natürlich hätte ich ihr gern ein Kompliment gemacht. Stattdessen sagte ich: »Liegt es nicht in der Natur der Frau, Männer vom Wesentlichen des Lebens abzuhalten?«
Ich hatte San Francisco nach dem Frühstück in Richtung Norden verlassen. Die Golden Gate Bridge lag hinter einem Nebelschleier, der sich in der Morgensonne zögerlich aufzulösen begann. Das Meer war unruhig, ein paar Segelboote kreuzten im Wind. Im Radio sprach die Moderatorin von der Elefantenkuh Tika, die nach mehrmaliger Insemination endlich schwanger sei. »Es ist der erste afrikanische Elefant in den Vereinigten Staaten, der durch künstliche Befruchtung geboren wird«, sagte die Moderatorin. Sie sagte das in einem Überschwang der Freude, verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass sie nun zum Work-out ginge, und wünschte ihren Zuhörern einen schönen Tag. Ich fragte mich, wie sie aussehen mochte. War sie schöner als Ann?
Wie viele der Blumenkinder war Ann nach dem Summer of Love 1967 von San Francisco in den Norden Kaliforniens gezogen. Aus dem Protest gegen Politik und Establishment erwuchs ihre Leidenschaft für Law and Order. Sie ist heute Juristin. Damals habe sie unentwegt nach Patschuli gerochen, gebatikte Klamotten und einen schlechten Haarschnitt getragen. »Wir benahmen uns, als hätte es das Zeitalter der Aufklärung nie gegeben«, sagte Ann, während ein gutes Dutzend Polizisten die Hühner von der Fahrbahn auf das angrenzende Feld scheuchte, wo sie von Kollegen des Truckers eingefangen wurden. Ein Schwertransporter mit Kran wuchtete den Anhänger des Trucks auf die Seite. Gut zwei Stunden später verließ ich den Highway 101; die Straße zur Küste führte durch die Redwoods, jene Wälder, die so dunkel sind wie die Maske des Todes.
Gott muss mächtig geschwitzt haben, als er die riesigen Klippen an der Küste von Mendocino County errichtete, sie sind derart hoch, dass man im freien Fall noch sein Testament schreiben könnte, bevor man unten aufschlägt. Die Witterung nagt tagein, tagaus an den Felsen. Es ist eine Gegend, die sich dem menschlichen Verlangen nach Lieblichkeit widersetzt; sie ist schroff und gewaltig und vermittelt gleichzeitig das Gefühl, es müsste noch eine andere, ferne Art des Lebens geben. Schwindelerregend zieht sich der Highway 1 die Küste entlang. Gelegentlich taucht ein Haus auf, oder eine Ortschaft. Krähen kreisen über den Wiesen, die in der Sonne eigenartig blau schimmern. Meile um Meile zieht sich dieses Schauspiel hin. Es ist, als probe die Natur den Aufstand wie in dem Film Die Vögel, den Alfred Hitchcock hier in der Bodega Bay gedreht hat.
»Du kannst meine Schwester haben«
Kurz vor Mendocino hielt ich noch einmal an, parkte neben einem Wohnmobil, dessen Besitzer bei laufendem Motor aufs Meer blickten. Der Wind heulte in den Sträuchern des Plateaus. Ich lief den Weg zur Bucht hinunter. Die Wellen rissen sich gegenseitig in Stücke, unter das Rauschen des Meeres mischten sich die Stimmen einiger Jungen. Sie saßen zu viert am Lagerfeuer, Halbstarke. Als der Kleinere mit den roten Haaren an einer Zigarette zog, sah ich mich plötzlich mit 14 Jahren hinter einer Scheune stehen, spürte noch einmal den ekelhafen Geschmack des ersten Zuges und ein leichtes Schwindelgefühl.
»Was machst du in Mendocino?«, fragte der Rothaarige. Er war im Stimmbruch und brachte es auf vier Tonlagen pro Satz.
»Ich suche eine Frau.«
»Und wenn du sie gefunden hast?«
»Er wird sie flachlegen«, sagte der Älteste der Jungen. »Du kannst meine Schwester haben, dann nervt sie mich nicht mehr.«
Mendocino liegt auf einer Halbinsel, die zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Es fällt einem nicht schwer, sich vorzustellen, wie die weißen Siedler 1850 zu Fuß über die Indianerpfade entlang der Bäche hierher fanden. Zwei Jahre später zog bereits der Dampf der Sägemühlen über die Redwoods und die ersten Holzhäuser mit den steilen Giebeldächern und Veranden. Heute sind diese Gebäude weiß getüncht, sie stehen unter dem Segen der Denkmalschützer und dem Fluch der Immobilienhaie. Das Hotel Mendocino wirbt als eines der ältesten Häuser der Stadt mit dem Gütesiegel »National Trust for Historic Preservation«. Als ich ankam, knisterte das Holz im Kamin des Foyers, meine Blicke streiften Perserteppiche, plüschige Sessel und eine Frau, die im Schein einer Tiffanylampe die Gartenseite des San Francisco Chronicle las.
Am nächsten Morgen stand auf dem Grünstreifen zwischen Hotel und Meer ein weißer Lieferwagen mit der Aufschrift »Mendocino Coast Human Society – Mobile Pet Adoption«. Zwei Frauen versuchten Passanten ihre Vierbeiner anzudrehen. Möglicherweise zeigt sich darin der amerikanische Pragmatismus: Man hält die Menschen unter Kontrolle und bewahrt den Staat vor dem Aufstand der Massen, indem man dem Individuum eine Leine in die Hand drückt, an dessen Ende ein neurotischer Mischlingsrüde zieht. Dem Tier geht es natürlich nur darum, einen Idioten zu finden, der es regelmäßig füttert. Mit dem Gedanken an meinen Kater lief ich vom Hotel zum Buchladen nebenan. Das Tier hatte mich jeden Morgen zum Füttern aus dem Bett gejagt, bis ich eines Tages in einem Zoofachgeschäft eine Futterbox mit Zeitschaltuhr entdeckte, die ich abends füllte, damit sich um sechs in der Früh der Deckel öffnete.
Die Buchhändlerin hatte zum Hunde-Adoptions-Event die entsprechende Fachliteratur auf den Tisch am Eingang des Ladens gelegt. Sie wusste, wie man dem grauen Alltag Glanz verleiht: »Das Leben in Mendocino ist ein einzigartiges und erfüllendes Experiment«, erklärte sie einer Touristin und hielt ihr ein Buch mit Porträts über Pioniere und Planwagenfahrer hin. »Wir sind froh, dass es hier keine Shopping-Malls und Drive-ins gibt.« Ich blätterte in Mendocino & Movies. Ein Schwarzweißfoto zeigte James Dean bei Dreharbeiten zu Jenseits von Eden in der verträumten Kulisse des Küstendorfes, den Arm um die Schulter von Richard Davalos gelegt. Fast hätte ich Michael Holms Schmonzette über die Tramperin und die tausend Küsse vergessen, als mich plötzlich jemand ansprach. Neben mir stand die Frau, die am Vorabend die Gartenseite des San Francisco Chronicle gelesen hatte. »Hi, my name is Patricia.«
Patricia gehörte zu jenen Menschen, denen das kleinste Anzeichen zur Gesprächsbereitschaft ausreicht, um dem Gegenüber in fünf Minuten ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Beruf: Marketingchefin einer Firma für private Müllentsorgung. Alter: 38. Hobby: Mountainbiking. Sternzeichen: Stier. Drei Umzüge, zweimal geschieden, eine Reise nach Europa. Sie hielt ein Selbsthilfebuch in der Hand, und als sie von ihrem Irrenarzt sprach – »irgendwann ging es ihm so schlecht, dass ich die wöchentlichen Besuche von zwei auf drei erhöhte«, – bekam ich eine Ahnung davon, wie sich die Suche nach dem Girl, das einst nach Mendocino getrampt war, auf fatale Weise umkehren sollte: Wo immer ich in den nächsten Tagen hinkam, Patricia ließ nicht auf sich warten. Im Café Mendocino hatte ich noch nicht an der Tasse genippt, da klopfte sie von außen an die Scheibe, um sich zehn Sekunden später zu mir zu setzen. Beim Spaziergang zum Big River tönte ihre Stimme plötzlich aus dem Gebüsch. Und im Mendocino Art Center lächelte sie prompt durch den rostigen Drahtkorpus einer Skulptur. An diesem Tag trug sie eine Spange im Haar. »Hallo Patricia, was für eine Überraschung!« – Die Gefahr beim Verfolgungswahn liegt ja darin, dass man die eigentliche Gefahr aus dem Auge verliert, sobald einen der Verfolgungswahn eingeholt hat. Wie gerne hätte ich ihren Namen vergessen.
Vielleicht geht’s auch ohne Haarspange
Das Mendocino Art Center ist ein Hort der Begegnung für Künstler, Kunsthandwerker und gut betuchte Menschen, die Bilder farblich passend zu ihren Sofas kaufen. Man spürt noch das fast zwanghaft friedliche Miteinander jener Hippies, die in den sechziger und siebziger Jahren hierher kamen, und auch ihren Sinn für Gerechtigkeit. Jeder stellt den anderen zufrieden, indem jeder bekommt, was er mehr schätzt als der andere. Der Besucher soll des Künstlers Vorstellung von der Welt schätzen, die er in naiven Landschaftsaquarellen und Skulpturen verewigt, der Künstler schätzt die Dollars, die der Besucher im Gegenzug hinblättert. Die Pioniere der Hippie-Generation haben Mendocino jedoch längst verlassen. Vertrieben von der Kommerzialisierung des alternativen Lebensentwurfes und den daraus resultierenden hohen Mieten, wohnen sie weiter nördlich an der »Verlorenen Küste« Kaliforniens. Die freie Liebe findet heute nicht mehr auf den Grasnarben der Konzertwiesen statt, sondern hinter verschlossenen Türen. Leiser geworden ist sie dadurch nicht: Das Ehepaar im Nachbarzimmer des Mendocino Hotels setzte auch am letzten Nachmittag zu einem akustisch enervierenden Marathon an, den er mit dem laut und lustvoll gestöhnten Satz »Yeah baby, here we go!« beendete.
Ich verließ das Hotel nicht ohne einen vorsichtigen Blick aus dem Fenster und die leichte Paranoia, dass sich Patricia hinter einem Kirschbaum versteckte. Dann schlich ich durch den Rosengarten des Hotels, doch kaum hatte ich die Main Street betreten, stand Patricia vor meinem Wagen. Sie lehnte über der Kühlerhaube und schrieb eine Notiz. Das Katz-und-Maus-Spiel war nicht zu Ende; fix flüchtete ich ins Café Mousse. Im Gartenzimmer saßen noch immer die älteren Damen mit Perlenketten und esoterischen Tüchern, Mendocinos Frauenliteraturkreis. Nach einigen Minuten war Patricia verschwunden, die Last ihrer Existenz inzwischen jedoch so groß, dass ich mittelschwer gereizt war und beschloss, nach Fort Bragg zu fahren, um ein paar Bahnen zu schwimmen.
Meine Sehnsucht wuchs. Sollten tausend Träume ungeträumt bleiben? Sollte ich nie die goldene Haarspange finden? Hinter mir fiel die Tür der Umkleide ins Schloss. »Du hast deine Sonnenbrille vergessen«, rief jemand. Ich drehte mich um. Ein Typ in Jeans und kariertem Hemd hielt die Brille in seiner Hand. Er mochte Mitte dreißig sein. Schweigend verließen wir das Sportzentrum in Fort Bragg, er lief nach rechts zu seinem schwarzen Pick-up, ich lief nach links zu meinem goldenen Chevrolet. Die Hitze des Tages hatte sich im Wagen gespeichert. Ich fuhr auf dem Highway 1 zurück und hätte, zugegeben, die rote Ampel vor Mendocino fast übersehen. Auf der Linksabbiegerspur hielt plötzlich der Typ mit dem schwarzen Pick-up. Unsere Blicke trafen sich. Eine Sekunde, zwei, vielleicht auch drei. Auf dem Beifahrersitz lag noch immer Patricias Notiz: »Was machst du heute abend?« Ich bog rechts ab und dachte, vielleicht muss es ja keine goldene Haarspange sein. Vielleicht muss man einfach nur die Augen aufmachen, um zu merken, dass die Amerikaner die schönsten Männer der Welt sind (mal abgesehen von den Italienern, den Marokkanern und den Schweden). Dann blickte ich in den Rückspiegel. Hinter mir fuhr ein schwarzer Pick-up.
Information
Anreise:
Lufthansa (Tel. 01803/33 66 33,
www.lufthansa.com
)
fliegt täglich
von Frankfurt nach San Francisco. Preis je nach Saison ab 490 Euro
Mietwagen:
Große Auswahl und exklusiven Service bietet Alamo, Preise sind bei
Vorausbuchung in Deutschland günstiger. Ein Kleinwagen (Chevrolet Metro)
kostet pro Woche von 249 US-Dollar an, inklusive Steuern und Gebühren, freie
Meilen und Vollkasko (ohne Selbstbeteiligung). Information und Reservierung
in Reisebüros oder unter Tel. 0180/546 25 26
Unterkunft:
Das Queen Anne Hotel in San Francisco, ein Juwel im
viktorianischen Stil mit 48 Zimmern und Suiten, zentrale Lage. 1590 Sutter
Street, Tel. 001-415/441 28 28, Doppelzimmer ab 139 US-Dollar.
E-Mail:
stay@queenanne.com
Mendocino Hotel, 45080 Main Street, Tel. 001-707/ 937 05 11. Zimmer European
style 85 Dollar (Gemeinschaftsbad), Victorian rooms mit Bad 120 Dollar,
Suiten 275 Dollar
E-Mail:
reservations@mendocinohotel.com
Cafés:
Café Mousse, hervorragende Küche, exzellente Weine aus den
benachbarten Gebieten Sonoma Valley und Napa Valley, Garten mit Meerblick,
Ecke Kasten Street und Albion Street, Tel. 001-707/937 43 23
Sehenswert:
Mendocino Coast Botanical Gardens, ein 48 Morgen großes Areal,
direkt an der Küste gelegen. Im März und April blühen Rhododendren, Kamelien,
Magnolien sowie die endemische Pacific Coast Iris. Adresse: 18220 North
Highway One, Fort Bragg CA 95437. Öffnungszeiten: März bis Oktober 9-17 Uhr,
November bis Februar 9-16 Uhr, Eintritt: Erwachsene 6 Dollar, Senioren 5
Dollar, Kinder 1 Dollar, Tel. 001-707/964 43 52.
Mendocino Art Center, ständig wechselnde Ausstellungen. Es beherbergt auch das Helen Schoeni Theatre. 45200 Little Lake Street, Tel. 001-707/937 58 18, www.mendocinoart center.org/default.lasso
Mendocino Music Festival vom 15. bis 26. Juli 2003, Freiluftkonzerte, Classic und Jazz, gleich gegenüber dem Hotel Mendocino. www.mendocinomusic.com
Auskunft:
Mendocino County Alliance, 525 South Main Street, Suite E, Ukiah,
CA 95482, Tel. 001-707/ 462 74 17,
www.gomendo.com
- Datum
- Serie reisehits
- Quelle (c) DIE ZEIT 11/2003
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