reise-hits Schachmatt in Bangkok
Ein alleinreisender Europäer in Thailand – man weiß doch, was der sucht. Damen aus Holz! verbringt eine Nacht am Brett
Irgendwann in den frühen Achtzigern haben die Abba-Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus gemeinsam mit dem Musicaltexter Tim Rice ein Ding gedreht: Chess. Ein Musical, von dem Produzenten träumen: eine dramatische Liebesgeschichte im Schachmilieu, verwoben mit einem Agententhriller zu Zeiten des Kalten Krieges. Am Ende verliert der Amerikaner Titel und Geliebte, der Russe seine Überzeugung. Nur die Erkenntnis, Schachfiguren im Spiel der Mächtigen zu sein – die gewinnen sie alle.
Doch in dieser Schlammgrube aus Kitsch, politischen Klischees und moralinsaurem Familiensinn findet sich eine Perle der Trivialkultur: der Welthit One Night in Bangkok, der sogar, so weiß es das Gerücht, kurz nach Erscheinen in Thailand verboten wurde.
Damals durfte ich nicht zugeben, dass mir das Lied auf Anhieb gefiel. Anfang der Achtziger hatten wir in der DDR lange Haare, standen auf Blues und Rolling Stones, da war Disco das Letzte. Wer nicht auf Blues stand, und zwar von Geburt an, war nicht gesellschaftsfähig.
Keine Frage, dass ich über One Night in Bangkok schreiben will. Ich werde in Bangkok, wo ich noch nie zuvor war, eine Nacht lang Schach spielen. Ich muss nur noch jemanden finden, der mir das glaubt.
Ein alleinreisender Europäer in Bangkok – wir wissen, was der sucht. Jedenfalls nicht den Schachclub. Jeder Taxifahrer bietet sich an, mich in Etablissements aller Art zu fahren: Einer reicht mir den Faltzettel eines Massagesalons, der die lächelnde Belegschaft abbildet, nur dürftig mit Seifenschaum bedeckt. Ein anderer Taxifahrer rattert ein Mantra herunter, in dem immer wieder die Worte Pussy und Show vorkommen: Pussy Ping Pong Show, Pussy Banana Show, Pussy Shooting Balloon Show, Pussy Blowing Candle Show… Es klingt nach anatomischer Auslegung des Gewerbes. Ich danke jeweils herzlich. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, in Bangkok eine Dame anzufassen, nur sind die Damen, an die ich denke, aus Holz. Doch mir geht’s wie dem Amerikaner im Song: Auch in meinem Ohr hat sich ein Verführer eingenistet, der mir ungebeten die Reize des Bangkoker Nachtlebens einflüstert. Mal sehen, wie ich mit dem klarkomme.
Der Bangkok Chess Club wurde erst vor drei Jahren gegründet, von Kai Tuorila, einem Mittdreißiger aus Finnland, der seit über zehn Jahren in Bangkok lebt. Räumlich existiert der Club nur in einem Schrank, der Schachspiele und Schachuhren beherbergt und im zweiten Stock von O’Reillys Irish Pub steht, einer irischen Kneipe, wie es sie überall auf der Welt gibt. Jeden Freitagabend treffen sich die Spieler in einem wohnzimmergroßen Séparée. Die Musik wird im zweiten Stock mit Rücksicht auf die Spieler abgedreht.
Ich sei der Erste, der wegen des Hits im Bangkok Chess Club aufkreuzt, sagt Kai Tuorila. Bangkok ist alles andere als eine Schach-Adresse. Hastings – ja, die Philippinen auch und Island sowieso. Die Insel hat im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Schachgroßmeister, und sie war 1972 Austragungsort eines legendären Kampfes: Der Exzentriker Bobby Fischer, der für den Amerikaner in Chess Pate stand, besiegte den amtierenden Weltmeister Boris Spasskij. Der Bangkok Chess Club plant momentan für Anfang Mai ein Turnier und hofft, dass die Crème de la Crème der Schachwelt teilnimmt. Spielort ist jedoch nicht das Tyrolean Spa, sondern das Siam Square Hotel. Warum ausgerechnet Bangkok zum Schauplatz eines Schach-Musicals gemacht wurde, das kann sich Kai Tuorila nicht erklären. Bangkok ist sehr wohl Schauplatz eines anderen Broadway-Musicals, für das übrigens der thailändische König ein paar Lieder komponiert hat. Gesungen hat sie Yul Brynner. Der Titel des Musicals: Peep Show. Ein erster kleiner Triumph für meinen unsichtbaren Verführer: Peep Show ist das Bangkok-Musical, raunt er, nicht Chess.
Das mag sein, widerspreche ich tapfer, aber: One town’s very like another / when your head’s down over your pieces, brother.
Dann höre ich mit Entsetzen die Regeln, nach denen im Bangkok Chess Club an diesem Freitag gespielt wird: Es wird zwei Blitzschach-Turniere geben, wahlweise mit fünf oder fünfzehn Minuten Bedenkzeit pro Partie. Blitzschach bereitet unerfahrenen Spielern wie mir die pure Panik, denn es entfaltet sein Aroma erst nach Tausenden von gründlich gespielten Partien, nach Dutzenden von Schachbüchern und vielen, vielen Turnieren. Blitzschach mit Genuss zu spielen heißt, auf einem Erfahrungsberg sitzend, sich auf den Instinkt zu verlassen. Wer Blitzschach spielt, muss nicht mehr über den richtigen Zug nachdenken – er fühlt ihn.
Damit ist mein Dilemma beschrieben. Ich war größenwahnsinnig, mich bei einem Schachturnier anzumelden. Seit meiner Armeezeit habe ich nicht mehr Schach gespielt. Damals hatte ich einen Kompaniechef, der über sich gern verbreiten ließ, er sei der beste Schachspieler der Kompanie. Er war das Urbild eines Faschisten. Unser Verhältnis war ähnlich dem zwischen R. P. McMurphy und Miss Ratched aus Einer flog über das Kuckucksnest, und auch wir trugen unsere Feindschaft offen aus. Als wir gegeneinander spielten – er setzte, um sein Ego zu pudern, gerne kompanieinterne Schachturniere an –, schauten alle Mann zu. Es war mehr als ein Schachspiel. Ich erwies mich meiner Nickelbrille würdig und besiegte ihn nach verbissenen zweieinhalb Stunden. Bald darauf wurde ich versetzt. Ich war froh, nicht noch mal gegen ihn spielen zu müssen.
Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber ich habe nie wieder Schach gespielt.
Doch die Blicke der Spieler im Bangkok Chess Club sagen mir: Die Nummer kennen wir. Du bist doch einer von den ganz Gefährlichen.
Die Sünde ist keine fünf Minuten entfernt
Gegen dieses Vorurteil konnte ich anspielen, Bangkok war ein Desaster. Die erste Partie verlor ich gegen Rafael, einen Franzosen, weil mir die Zeit ausging. In der zweiten Partie wollte ich nicht gegen die Uhr verlieren, dachte nicht so viel nach und wurde von Tom aus Israel matt gesetzt. Dann verlor ich gegen Jeffrey aus England und gegen Ekasith aus Bangkok – beide setzten mich matt. Gegen Eric aus Frankreich nahm ich ein großzügiges Angebot zum Remis an. Ich hatte übersehen, wie ich die Partie zu meinen Gunsten hätte kippen können, und er machte das Remis-Angebot in einem Moment, als er eine unwiderstehliche Springer-Gabel hätte aufmachen können, die mich meinen Turm gekostet hätte. Obendrein hatte sich mein Blättchen schon leicht gehoben, während sein Zeiger das Blättchen noch nicht mal berührt hatte.
Der Verführer redete mir zu. It’s a drag, it’s a bore, it’s really such a pity / to be looking at the board, not looking at the city. Und er machte Angebote: Patpong, die sündigste Meile Bangkoks, ist keine fünf Minuten vom Bangkok Chess Club entfernt. You’ll find a God in every golden cloister / and if you’re lucky then the God’s a she.
Die Spieler hingegen waren durchweg Männer. Nur Tom kam mit seiner Frau, und Eric hatte einen Ladyboy als Begleitung, eines dieser in Bangkok recht häufig anzutreffenden Wesen, die anatomisch Männer waren oder es noch sind, nun aber durch Gebaren, Kleidung, Make-up, durch Hormontabletten und Chirurgie ihre Spuren verwischen. So könnte One Night in Bangkok um die Zeile and if you’re lucky then the she’s a she ergänzt werden.
Verwirrung stiftet auch das Alter; Thailänderinnen sehen viel jünger aus, als sie sind. Girls, warm and sweet, sweet, sind in Wirklichkeit ladies, warm and sweet, sweet. Als Kai Tuorila 1989 in der Bangkok-Filiale eines finnischen Industrieunternehmens anfing, traf er in seinem Office auf 13 Thailänderinnen. Er sollte raten, ob sie älter oder jünger seien als er, und er schätzte, dass zwei älter, zwei gleichaltrig und alle anderen jünger seien. Sie waren alle älter als er. Wenn du das Alter einer Thailänderin schätzen sollst, riet er mir, dann nimm die unvorteilhafteste Annahme, schlage dann noch fünf Jahre drauf – und dann hast du das wirkliche Alter.
Überflüssig zu sagen, dass ich auch gegen Kai mein Match verlor. Die Stimme in meinem Ohr meldete sich hämisch: Despair hätte ich nun zur Genüge erlebt, aber eine Nacht in Bangkok biete auch ecstasy… a little flesh…
Bis viertel vor eins kann ich den Verführer hinhalten. Dann breche ich mit den letzten beiden Spielern dieses Freitags auf, »um noch ein Bier zu trinken«. Klaus, ein Deutscher aus Hamburg, der seit zwei Jahren in Bangkok lebt, und Peter aus England übernehmen gern den Part, einen Neuling ins Bangkoker Vergnügungs- und »Rotlicht«-Viertel (in dem es kein Rotlicht gibt) einzuführen.
Im Queens Castle, einer Disco mit Live-Musik und keinem Schachlokal, obwohl der Name solches zuließe, sehe ich sie zum ersten Mal – diese Ballung an lächelnden, schnuckligen, irritierend schönen Thailänderinnen. Auf alles bin ich vorbereitet, auf schlimmste sexuelle Ausbeutung, lärmenden Sextourismus und astronomische HIV-Quoten, aber nicht darauf. Ich höre meinen Verführer zufrieden lachen; er hatte nicht zu viel versprochen. Die Bars sind tatsächlich Tempel voller Perlen, die nicht umsonst sind.
Nachdem ich schon im Schachclub unter Zeitdruck spielen musste, hat auch der Patpong-Abstecher etwas von Blitzschach. Die Uhr tickt unerbittlich. In Thailand ist Punkt zwei Polizeistunde, und die steht nicht nur auf dem Papier. Thailands Regierung macht sich Sorgen ums Image. Bars, die nach zwei Uhr noch geöffnet haben, müssen mit Razzien rechnen.
Peter und Klaus haben im Queens Castle, wo sie jeden Freitag nach dem Schach einlaufen, schnell zwei Frauen neben sich. Klaus erklärt mir die Gepflogenheiten: »Sie setzen sich zu dir, kraulen dir die Backe, machen irgendwelchen Quatsch mit dir, und du spendierst ein Bier, das kostet 90 Baht.« Zwei Euro. Das hört sich harmlos an, ist es aber nicht. Die Frauen sind fest angestellt, zu einem niedrigen Gehalt – wenn sie allerdings in einem Kunden das Begehren wecken, können sie sich mitnehmen lassen und den Lohn (2000 Baht, circa 50 Euro) für sich behalten. Die Frauen ziehen somit alle Register ihrer Verführungskunst – schließlich geht es um ihr Geld.
Beim Schach wird man mit einer Dame im Spiel vielleicht noch fertig. In den Bars von Bangkok wird der König (der Kunde) jedoch von Damen umzingelt. Und sie wissen ihr Spiel zu spielen: Sie lächeln, sie drängen ihre schönen, knapp bekleideten Körper heran, sie nehmen die Hand, sie streichen über den Arm… Ich werde an dieser Stelle das Wort »anwimmeln« erfinden. Versuchung total. One Night in Bangkok ist nicht dasselbe wie Auf der Reeperbahn nachts um halb eins. Ich kann allem widerstehen, sagte einst Oscar Wilde, außer…
Punkt zwei erlöst mich die Polizeistunde. Legalen Ausschank und Amüsierbetrieb gibt es nur noch in Hotelbars. Mein Hotel liegt in Nana, nicht in Patpong. Also: Noch eine lange Rochade zum Schluss, um mich aus schwerer Bedrängnis zu bringen. Auch wenn es gegen die Regeln ist, sich so aus dem Schach zu retten. Ich verabschiede mich von Klaus und Peter, nachdem sich diese mit Küsschen und Klaps auf den Hintern von ihren Amüsiermädchen getrennt haben, und steige in ein Tuk-Tuk, eine der zahllosen Motorroller-Rikschas, bei denen der Fahrgast so erhöht sitzt, dass ihm die Überdachung den Blick auf den Verkehr verstellt (was auch besser so ist), und bei denen nie das Tacho funktioniert (dito). Can’t be too careful with your company, denke ich, als das Vehikel mit einem Affenzahn durch Bangkok scheuert. Warum solche Eile um diese Zeit?
Auf dem Weg nach Nana wird der Verkehr immer dichter; auf den letzten 200 Metern sind die Fußgänger schneller als die Autos. Schließlich gehe ich zu Fuß weiter. You seen one crowded, polluted, stinking town. Die Bürgersteige in Bangkok sind selbst nachts um drei noch verstellt mit fliegenden Händlern, die ihre Fahrräder zu Miniküchen umgerüstet haben. Überall köchelt, schmökert und brutzelt es. Thais und Touristen sitzen auf Plastikschemelchen und lassen es sich schmecken.
Im Hotelviertel hat die Sperrstunde auch ihre Spuren hinterlassen: Die Damen, die in den Bars nicht zum Zuge kamen und nicht in die Hotelbars eingelassen wurden, versuchen auf der Straße Kontakte zu knüpfen. A little flesh, a little history. Ich lasse mich auf einige Gespräche ein; sie sind mühselig: Der späte Abend hat die Damen besoffen und müde gemacht. Das Spiel liegt auch hier in den letzten Zügen.
Also bleibt nur noch der Weg ins Hotel. Die Somerset Maugham Suite wird, wenn das Lied die Wahrheit sagt, mit girls, warm and sweet, sweet bestückt. Auch in meinem Hotelzimmer wartet eine thailändische Überraschung. Sie liegt auf dem Kissen und duftet, zum Verrücktwerden schön: exotisch, vibrierend, voll. Ich schließe die Augen und lasse mir den Duft der Jasminblüten, die mir das Zimmermädchen in einem Körbchen dagelassen hat, durch die Nase gehen. Genau das Richtige, um sich nach so einem Abend in den Schlaf zu betäuben.
Übrigens I: One Night in Bangkok habe ich in Bangkok nirgends gehört.
Übrigens II: Die Damen, von denen ich träumte, waren nicht aus Holz.
Vom Autor erschienen zuletzt »Leben bis Männer« und »Wasserfarben« (Collection S. Fischer, Aufbau Taschenbuch Verlag)
Information
Anreise:
Nach Bangkok direkt fliegen ab Frankfurt die Thai (Tel.
069/92 87 44 44,
www.thaiair.com
)
und die Lufthansa (Tel. 01803/33 66 33,
www.lufthansa.com
).
Die Preise für Hin- und Rückflug beginnen bei 840 Euro plus Steuern
Bangkok Chess Club:
Die Spieler treffen sich jeden Freitag ab 19 Uhr im
zweiten Stock von O'Reillys Irish Pub, 62/1-4 Silom Road, direkt an der
Hochbahn-Station Sala Daeng. Nähere Informationen unter
http://www.bangkokchess.com
. Thomas Brussigs Besuch ist im Bild festgehalten (unter »our
vistors«).
E-Mail:
thailandchess@hotmail.com
Das Musical:
Wer »Chess« auf der Bühne sehen will, kann dies in Stockholm noch bis zum 15. Juni tun.
www.chessthemusi-cal.com
, Ticket-Hotline:
0046-8/660 10 20
Unterkunft:
Das angeblich beste Hotel der Welt, The Oriental, 48 Oriental
Avenue (
www.mandarinoriental.com
,
Tel. 0066-2/659 90 00), steht am Ufer des
Flusses Menam Chao Phraya. Doppelzimmer von 281 Euro an
Sehr gut wohnt es sich aber auch im Amari Boulevard Hotel ( www.amari.com , Tel. 0066-2/255 29 30), 2 Soi 5, Sukhumvit Road, in Nana. Das First-Class-Hotel liegt im Geschäfts- und Einkaufsviertel unweit von Restaurants, Kinos und einem Nachtmarkt. Zimmerpreise liegen bei 65 US-Dollar (rund 60 Euro). Nana ist nicht nur ein Schwerpunkt des Nachtlebens, im Viertel haben auch viele exzellente Schneider ihre Geschäfte. Ein Maßanzug kostet nicht mehr als 100 Euro
Auskunft:
Tourism Authority of Thailand (TAT), Bethmannstraße 58, 60311
Frankfurt am Main, Tel. 069/ 138 13 90,
www.thailandtourismus.de
- Datum
- Serie reisehits
- Quelle (c) DIE ZEIT 11/2003
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