Die wichtigen Dinge im Leben wissen viele Menschen erst zu schätzen, wenn sie fehlen. Wasser ist so ein Ding. Manche sagen, es sei das Öl des 21. Jahrhunderts. Andere behaupten, es sei wertvoller als Gold.

Wasser ist jedenfalls vielerorts schon knapp – so knapp, dass die Vereinten Nationen in einem gerade erschienen Bericht von einer "ernsthaften Wasserkrise" sprechen. Verursacht sei die Not "im Wesentlichen durch unsere falsche Bewirtschaftung von Wasser", heißt es in dem Report. Im Klartext: Misswirtschaft kennzeichnet den Umgang mit Wasser, dem Lebensmittel Nummer eins.

Der Vorwurf trifft mehr als 100 Staaten und Hunderttausende Kommunen; schließlich wird Wasser weltweit von öffentlichen Betrieben bewirtschaftet. Mehr schlecht als recht: In vielen Leitungen klaffen Löcher, mehr als eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu einer ordentlichen Wasserversorgung, das Abwasser von 2,4 Milliarden wird nicht angemessen entsorgt, 95 Prozent aller Großstädte leiten ihr Schmutzwasser ungereinigt in Flüsse, Seen und ins Meer.

Das Wasser und die Wassernöte beflügeln deshalb längst die Fantasie vieler Unternehmen. Geschäfte mit Wasser gelten sogar als der Megatrend des neuen Jahrhunderts. Der Essener Stromriese RWE hat sich durch den Kauf des britischen Versorgers Thames Water und der American Water Works bereits zur Nummer drei auf dem Weltwassermarkt emporgearbeitet. "Wir erwarten, dass Wasser der profitabelste Bereich im Konzern wird", sagt Klaus Sturany, Finanzchef der RWE-Holding.

Wasser bewegt immense Dollar-Summen. Nach der vorsichtigen Schätzung des Tübinger Unternehmensberaters Helmut Kaiser belief sich der weltweite Umsatz mit Trinkwasser aus der Leitung im vergangenen Jahr auf 86 Milliarden Dollar. Bis zum Jahr 2010, glaubt Kaiser, werden daraus mehr als 150 Milliarden Dollar. Hinzu kommen weitere Milliardensummen aus dem Abwassergeschäft.

Gehört Wasser ins Rathaus – oder an die Börse?

Das Wirtschaftsmagazin Fortune riet seinen Lesern schon vor zwei Jahren: "Wenn Sie nach einer sicheren Aktienanlage suchen, die dauerhafte Renditen verspricht, versuchen Sie es mit der ultimativen Alternative zum Internet: Wasser." Angesichts solch glänzender Aussichten für Anleger schwant Nik Geiler, dem Wasserexperten beim Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), nichts Gutes: Demnächst, meint er, regiere der Shareholder-Value sogar in der Küche und auf dem Klo.

Na und? Nur wenn Wasser eine Ware wird, gehen die Menschen auch pfleglich damit um, meinen die einen. Wasser, sagen die anderen, ist Menschenrecht, ein ganz besonderes Gut, das dem Kommerz nicht preisgegeben werden darf. Es gehöre ins Rathaus – nicht an die Börse.