Ja, sagt die ferne Stimme am Telefon. Ja, natürlich, wenn das so ist, müssen wir uns treffen.

So war es, vor 29 Jahren: dass der Junge am Radio hockte, deprimiert, weil aus der Lehre geschmissen, degradiert zum Kohlenschipper, zurückgestürzt ins Elternhaus und in die Enge der kleinen Stadt am Harz. Eine Freiheit blieb: Musik. Sie kam über die Grenze geflogen, via Hessischer Rundfunk, der die Jugendsendung Rumms ausstrahlte, ein heute undenkbares Luftfracht-Gemisch großer Klänge, mit Jimi Hendrix und Albert Mangelsdorff, Fairport Convention und den Allman Brothers im selben Transport.

Ein Sound der Stunde war Irish Folk. Eben entdeckte das bundesdeutsche Alternativ-Milieu die Grüne Insel und ihre Sehnsuchtsmusik, und jetzt – drück die Taste! – begannen auf Rumms Planxty, die irischen Beatles, einen unerhörten Song: Tinwhistle und Mandoline umklagten Andy Irvines sprödweichen Tenor. Sorrow and sadness, sang er, bitterness, grief, und wurde schmerzlich verstanden, denn was braucht’s zur Verzweiflung mehr als ein verlorenes Mädchen und die brandende See? I walk along the shore, the rain in my face, aber nun erlitt das Drama eine Funkstörung: Vater hatte die Elektrokaffeemühle angeworfen, für immer zu hören auf meinem Orwo-Tonband Nummer 29, aufgenommen am 1. Mai 1974.

Seither ist unendlich viel passiert – Free Jazz und Mauerfall, Reisefreiheit, Vaters Tod. Planxtys The West Coast of Clare blieb mein Kontemplations-Klassiker: ein Song wie Caspar David Friedrichs Mönch am Meer.

Hello, sagt Irvines Stimme, nun ganz nah. Ein freundlicher Alt-Beatnik tritt an unseren Tisch. Dies ist Madigan’s Pub, Dublin, Morehampton Road, dicht an Irvines Zuhause – wenn er zu Hause ist. Mit 60 walzt der Barde immer noch drei Viertel des Jahres durch die Welt. Es ist Samstagvormittag, man saugt Staub, das Radio grölt Schrottpop, wir flüchten. In der nächsten halben Stunde suchen wir vergeblich ein unbeschalltes Lokal. Stets sind wir die einzigen Kunden, stets verfügt das Tresengirl: Die Gäste brauchen Musik! Endlich, bei McCloskey’s, regiert ein Großvater und willfahrt unserem Wunsch mit Freude.

Dann dampft der Tee. The West Coast of Clare, sagt Irvine, ist der erste Song, den ich geschrieben habe, 1968, aber die Geschichte begann drei Jahre vorher. In meiner Jugend fuhr ich jeden Sommer durchs Land. Letzter Stopp war immer Miltown Malbay wegen des Fleadh Cheoil, des County-Clare-Musikfestivals. Und Willie Clancy lebte in Miltown, der große Dudelsackspieler. 1965 reiste ich mit Johnny Moynihan in seiner alten Karre und lernte Berta kennen, Berta aus Dänemark. Nun ja, eine Ferienromanze. Drei Jahre später war ich Profi und spielte mit Johnny und Terry Woods bei Sweeney’s Men. Ich hatte mich schon entschlossen, die Band zu verlassen. Ich wollte raus aus Irland. Alle Welt interessierte sich damals für Nepal und Dope und die Beatles und den Guru Maharishi. Ich nicht, mich zog’s nach Osteuropa. Einen unserer letzten Gigs spielten wir bei Miltown. Als ich vom Auto aus das Meer sah, überfiel mich die Wehmut – Berta und all das Gewesene und das free and easy life der alten Tage. Lads, sagte ich, haltet mal an, ich laufe die letzten paar Meilen. Ich wanderte am White Strand entlang, zum Spanish Point. Sturm und Einsamkeit, der ideale Ort, alten Zeiten nachzuhängen. Da hab ich den ersten Vers geschrieben und ein paar Wochen darauf, in Ljubljana, den Rest. Anderthalb Jahre später kam ich heim, 1972 startete Planxty, und The West Coast of Clare rutschte gleich ins Repertoire.

Was bedeutet für Iren Clare?

Früher the far West, ein mythischer Ort, für Dubliner leeres Land. Und Clare galt immer als Zentrum irischer Musik.

Galt?

Irland, sagt Irvine, hat sich in den letzten 15 Jahren sehr verändert. Meist zum Besseren, aber der Wohlstand brachte auch Homogenisierung. Was die Musik betrifft, so starben die Lokaltraditionen. Aus regionalen tunes wurden standards, durch Medien und Mobilität. Willie Clancy ist Tischler gewesen, und abends spielte er in Miltown im Pub, und wenn man ihn dort nicht fand, war er in einem anderen Pub.

Clancy, der minstrel from Clare, starb 1973, mit 54 Jahren. Nach ihm ist die Willie Clancy Summer School benannt, Irlands größtes Musikertreffen, das in jeder ersten Juliwoche das kleine Miltown Malbay in ein Folk-Nirwana verzaubert. Irvine erzählt lange, von seiner ersten Karriere als Schauspiel-Kinderstar bis zu jenem Herzenssozialismus, der ihn immer geleiten wird. Und man höre die Musik von Planxty und Patrick Street, die Duo-Platten mit Paul Brady und Dick Gaughan, das Balkan-Projekt mit Davy Spillane. Ein Purist war dieser Wurzel-Weltgeist nie.

Andy, kannst du jede Musik begreifen?