Die Stricke reißen

Die Argumente sind ausgetauscht, das Veto-Schwert ist aus der Scheide, und die Welt steht vor einem diplomatischen Trümmerhaufen, wie sie ihn seit dem Kollaps des Völkerbundes nicht mehr erlebt hat. Mag sein, dass Amerika nun allein in den Krieg zieht, mag sein, dass Bush in letzter Sekunde zurückzuckt. So oder so würde der Trümmerhaufen nicht kleiner werden.

Nehmen wir das Szenario vom einsamen Krieg. Militärisch könnten ihn die Amerikaner schnell gewinnen – und zwar nicht mit einer städtevernichtenden Feuerwalze wie im Zweiten Weltkrieg, sondern mit einem Präzisionsbombardement, das Saddam Hussein in den ersten 48 Stunden "blind", "taub" und "stumm" schlägt. Wer den Feind nicht mehr sehen, mit seinen Truppen nicht mehr kommunizieren kann, wird kriegsunfähig. Gewisslich werden die USA dann auch die Beweise finden, die den UN-Inspektoren entgangen sind. Womöglich schlägt hernach in Bagdad ein Regime Wurzeln, das etwa dem jordanischen entspricht: autoritär, aber weder despotisch noch blutrünstig. Eine teuflische Diktatur wäre ebenso beseitigt wie eine Dauerbedrohung der Region.

UN als Hilfstruppe der USA

Natürlich kann dieses lichte Szenario auch in sein Gegenteil umkippen – in einen endlosen Krieg mit unzähligen Opfern und unendlichen Weiterungen. Doch ganz gleich, welches Szenario obsiegt, ist der Trümmerhaufen schon heute Realität. Und niemand – weder Bush noch Blair, weder Schröder noch Chirac – möge sich jetzt in die Brust werfen und behaupten, allein der andere hätte die Sprengsätze gelegt und gezündet.

Die Regierung Bush hat nach dem 11. September ihr legitimes Selbstverteidigungsrecht sehr weitläufig ausgelegt – eben bis an den Euphrat, um zu verhindern, dass al-Qaida beim nächsten Mal mit geborgten Atom- und Biowaffen zuschlägt. Um aber den Bogen von New York nach Bagdad zu schlagen, ist Bush von einer Begründung in die nächste gestolpert, von Entwaffnung über Regimewechsel zur Neuordnung von Nahost. Ein einzelnes Argument ist stets besser als deren drei. Bush I. hatte es einfacher, lag doch 1990 ein klarer Fall von Aggression und Staatenraub vor.

Gravierender aber war die Unterwerfung der UN unter die US-Militärstrategie: Entweder ihr zieht mit, oder wir machen es mit einer Koalition der Willigen. Dies war eine unverzeihliche Herausforderung an Russland, die Großmacht von gestern, und Frankreich, die Möchtegern-Großmacht von heute. Kein Wunder, dass diese beiden Veto-Mächte, mit Berlin im Schlepptau, den Angriff auf ihr kostbarstes Rangabzeichen abwehren wollen. Denn: Der UN-Sicherheitsrat als bloße Abstimmungsmaschine für Amerika wäre das Ende ihres Sonderstatus. Schlimmer noch könnte eine Zukunft aussehen, in der die Bushies die "irrelevanten" UN ganz umgingen, um mit wechselnden Koalitionen weltweite Ordnungspolitik auf Amerikanisch zu machen.

Dies, nicht der Irak, ist der wahre Grund für den Trümmerhaufen, der die UN, die Nato und das deutsch-amerikanische Verhältnis zu begraben droht. Wir erleben einen beispiellosen Machtkampf mit dem Ziel, den einst von der Sowjetunion eingehegten Gulliver wieder in Ketten zu schlagen. Das historische Datum war der 5. März, als Frankreich, Deutschland und Russland sich gegen die "Hypermacht" zusammenschlossen: Eine Kriegsresolution "werden wir nicht zulassen". Dies war das renversement des alliances , die "Umkehrung der Bündnisse" – wie 1757, als sich die "Erzfeinde" Frankreich und Österreich plötzlich gegen Friedrichs Preußen zusammenrotteten.