ArchäologieDer Kampf der Götter gegen den RostSeite 3/3

Auch Details änderten sich. Aphrodite ist der Kopf erneut abhanden gekommen. In den 1960er Jahren glaubte man, ihn in einem Istanbuler Museum entdeckt zu haben. Man fertigte einen Abguss und setzte den der Liebesgöttin auf den schönen Hals. Doch während der Restaurierung zeigte es sich, dass auch die Haarlocken auf der der Wand zugekehrten Seite präzise ausgearbeitet waren. Da aber die tiefen Rillen des antiken Kopfschmucks mit Bohrern gefertigt und dann geglättet worden sind, kann der Kopf unmöglich zum Fries gehören: Von der Hinterseite kommt man mit Bohrern nicht an ihn heran. Aphrodite ist nun wieder kopflos.

Häufiger konnten neue Stücke angepasst werden. In den Depots finden sich zu Hunderten herrenlose Fragmente. "Oft reicht ein bisschen Logik", sagt Holger Wienholz, der als Archäologe die Restaurierung dokumentiert, und zieht einen Fuß aus dem Regal. Das feine Lotusblütenmuster auf den Sandalenriemen deutet auf eine Göttin hin. Nach dem Verlauf der Schnittfuge zu urteilen, bewegt sie sich nach links über zwei Platten hinweg. "Hat man das erkannt, geht man zum Fries und hält nach solch einer Dame Ausschau. Meist kommen dann nur noch eine oder zwei infrage." Wird man nicht fündig, ist der Fuß vermutlich das traurige Überbleibsel einer Göttin, die ihr ewiges Leben in einem Kalkofen verlor. Uranos und das Maultier der Selene hatten da mehr Glück: Sie erhielten Flügelspitze und Hinterläufe zurück.

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Um das gigantische Puzzle zu lösen, bedarf es zuweilen unorthodoxer Methoden. "Manchmal drücken wir Alberto einen Besenstil in die Hand und basteln so lange an ihm herum, bis wir wissen, wie die Körperhaltung einer Figur war", erklärt Wienholz. Das klappt nicht immer. "Auch wenn man im Hellenismus sehr naturalistisch zur Sache ging, fabrizierten die antiken Bildhauer manchmal anatomisch Unmögliches." Zum Beispiel den Giganten am äußersten Rand des Südfrieses: Der Arme muss mit der rechten Hand ein Schwert abwehren, mit der anderen einen Hund am Zerfleischen seines Beines hindern. Und dann würgt ihn auch noch Apollons Tante Asteria – da sei ihm verziehen, dass er sich nicht sehr klassisch hält.

Manches findet sich aber auch im Traum. "Gelegentlich wache ich auf, weil mir eingefallen ist, wie etwas zusammenpasst", erzählt Ludmilla Bertolin. "Dann muss ich es ganz schnell aufschreiben." Ihren Mann hingegen lässt der Altar ruhig schlafen – und das trotz seiner albtraumhaften Szenen. Das war einmal anders: Als Bertolin Anfang der Siebziger die berühmten Aegineten in der Münchner Glyptothek restaurierte, träumte er, die Marmorkrieger seien lebendig geworden. Und dass Athena ihn mit einem Speer durchbohrte, weil er es wagte, Hand an sie zu legen. "Seither restaurierte ich aber so viele Kunstwerke, dass mich die antiken Grausamkeiten nicht mehr schrecken."

Die Restaurierung ist auch ein Stück Archäologie. Man entdeckte antike Dübel, die halfen, Fehler der Bildhauer zu kaschieren, oder die dazu dienten, delikate Körperteile der Heroen zu befestigen. Auch Modernes fand sich: Hinter den Reliefplatten standen in einer vermauerten Nische zwei Wodkaflaschen – beide leer. Und aus manchen Dübellöchern holte man Zeitungsfetzen heraus, die frühere Restauratoren, Heimwerkern gleich, hineingestopft hatten. Ursula Kästner, am Pergamonmuseum für antike Vasen und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, schüttelt darüber lachend den Kopf: "Wenn wir noch ein paar Löcher übrig haben, stecken wir da natürlich die ZEIT rein. Und zwar die mit Ihrem Artikel."

[Abstract]

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