Archäologie : Der Kampf der Götter gegen den Rost

Korrodierende Dübel zerstören den Pergamonaltar in Berlin. Eine Familie macht das Kunstwerk fit für die nächsten 200 Jahre

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Perfide surrt der Zahnarztbohrer

Doch plötzlich schrecken alle auf, selbst die Touristen unter den Kopfhörern ihrer Audioguides gucken verstört: Was ist das für ein fürchterlicher Lärm? Er scheint aus der Tiefe des gewaltigen Pergamonaltars zu kommen. "Ein Drache!", lacht Silvano Bertolin und schließt die Gittertür auf. Dahinter liegen Köpfe, verstümmelte Körper – führt der gewölbte Gang tatsächlich zu einer Drachenhöhle? Dem Krach nach zu urteilen: ja. Doch es ist nur ein großer Kompressor, von dem aus Schläuche in einen Raum führen, der einmal der Kultursaal des Museums war und nun wie ein Feldlazarett aussieht. In einem provisorischen Regal stapeln sich Menschenfüße und Schlangenköpfe, über einer großen weißen Plastikwanne hängt ein Flaschenzug, und Staub bedeckt alle Tische. Martialisch sind die Instrumente, mit denen gearbeitet wird: Säge, Hammer, Meißel. In einer Kiste liegen verrostete Dübel und massive Eisenklammern. Es fließt Wasser, perfide surrt ein Zahnarztbohrer. Doch die Patienten halten tapfer aus, schließlich sind sie aus Stein. Bertolin, der im weißen Kittel wie ein Chefarzt wirkt, restauriert hier mit seiner Frau, seinem Sohn nebst Schwiegertochter, einem Neffen und zwei freien Bildhauern den Pergamonaltar, genauer gesagt: die Figurenfriese.

Denn von der Architektur des einst 36 mal 34 Meter messenden Altars, der hoch oben auf einer Terrasse des Burgbergs von Pergamon stand, ist kaum etwas vorhanden. Im Museum steht nur eine Rekonstruktion der Hauptansicht mit der großen Treppe. An den Wänden des Saals zeigt der 113 Meter lange Fries, der einst den Altar außen schmückte, die Gigantomachie, den Mythos vom Sieg der olympischen Götter über die Kräfte des Chaos, die erdgeborenen Giganten. Und das in solch einer ekstatischen Weise, dass Johannes von Patmos wohl den um 170 vor Christus geschaffenen Altar vor Augen hatte, als er in der Apokalypse schrieb, in Pergamon stünde der "Thron des Satans".

Das Fürstengeschlecht der Attaliden hatte die kleinasiatische Stadt zur prächtigen Hauptstadt ihres Reichs erhoben, das einer der hellenistischen Nachfolgestaaten des Imperiums Alexanders des Großen war. Doch nach dem Untergang Pergamons wurde der Burgberg geplündert und gebrandschatzt, Erdbeben erledigten den Rest. "Wenn sich niemand mehr um etwas kümmert, beginnt unter Menschen schnell das Recycling", sagt Wolf-Dieter Heilmeyer, Direktor der Antikensammlung. Mit einigen der 2,3 mal 1 Meter großen Marmorplatten pflasterte man Straßen oder baute Mauern zum Schutz gegen die Araber. Bis ins 19. Jahrhundert hinein landete so manche Marmorskulptur in einem Ofen, um mit dem so gewonnenen Kalk Häuserwände zu tünchen.

Vor 125 Jahren begann der Ingenieur Carl Humann mit seiner von Preußen finanzierten Ausgrabung auf dem Burgberg. Die türkische Regierung erlaubte die Ausfuhr der Fundstücke nach Berlin, wo sie zwischen 1901 und 1908 in einem Interimsbau auf der Museumsinsel, ab 1930 im monumentalen Pergamonmuseum ausgestellt wurden. Keine zwölf Jahre später wanderten die Marmorplatten in den Flakbunker am Zoo, von wo die Sowjets sie zusammen mit dem Schatz des Priamos nach Leningrad brachten. 1958 kehrte der Altar zurück nach Ost-Berlin. In aller Eile stellte man ihn wieder auf.

All die Jahre fand keine Restaurierung statt. Dabei waren die Transportschäden enorm. Auch im Museum litt der Marmor. Um die Bruchstücke zusammenzufügen, hatte man vor 100 Jahren Eisendübel verwendet, viele Platten erhielten massive Eisenarmierungen. Anders als in der Antike, wurden diese nicht in Blei gebettet. Der Altar stand doch nun im Museum. Was sollte da passieren? "Eine ganze Menge", sagt Heilmeyer. "Heute kommen im Jahr 800000 Besucher in das nichtklimatisierte Museum. Und die bringen jede Menge Feuchtigkeit mit. Gerade der Gips, mit dem die Dübellöcher zugeschmiert wurden, ist stark hygroskopisch." Um zu erklären, was dann passiert, rudert der sonst distinguiert wirkende Direktor gewaltig mit den Armen. So bewegen sich die Wassermoleküle schnurstracks von der schwitzenden Stirn, den nassen Schuhen zu dem im Marmor verborgenen Eisen. Die Dübel rosten, die Korrosionsschicht vergrößert das Volumen und sprengt den Marmor. Artemis zerfiel in mehr als 60 Stücke, als man sie von der Wand nahm.

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