Russland Stadt in den Lüften

Wie Zar Peter I. sich vor 300 Jahren mit brutaler Gewalt einen Traum erfüllte ? und aus dem Nichts einen Ort schuf, der heute zu den schönsten der Welt zählt: Sankt Petersburg

Im Anfang war der Zar: Sankt Petersburg ist ohne Peter den Großen nicht zu denken. Und das Imperium, das er hinterließ, nicht ohne diese Stadt. Die Geschichte dieser wundervollen Metropole, die heute eine der schönsten Europas ist, beginnt am Dreifaltigkeitstag 1703, am 16. Mai nach dem Julianischen Kalender, mit einem sagenumwobenen Gründungsakt. Den Platz im Mündungsdelta der Newa hatte der Herrscher höchstpersönlich ausgesucht, denn es war Krieg, und alles hing daran, die Flusslandschaft zwischen Ladoga-See und Ostseeküste, die den Schweden eben erst entrissen worden war, mit einer Festung gegen feindliche Anschläge zu sichern.

Der Entschluss, den exzentrisch gelegenen Ort sogleich mit dem Namen des Apostels Petrus auszustatten, lässt vermuten, dass sich der Zar schon damals mehr vorgenommen hatte, als eine Festung zu bauen mit einer Stadt, einem Hafen und einer „Admiralität“. Offenbar wollte er, als er seinen Schutzpatron, den ersten Bischof Roms, für Petersburg in Anspruch nahm, ein symbolträchtiges, in die Ökumene ausgreifendes Zeichen setzen, wollte vor den Augen Europas demonstrieren, welch hohen Begriff er als christlicher Monarch von seiner eigenen Bestimmung hatte. Die Holzfigur des Apostels, die, mit den beiden Schlüsseln zum Paradies versehen, das erste Tor der Festung schmückte, verwies auf die sakrale Würde des Herrschers selbst. Es war das alte Verlangen der Moskauer Autokraten, mit dem Kaiser, dem Haupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, auf gleichem Fuß zu stehen.

Die ursprüngliche Namensform „Sankt Piters Burch“ wurde binnen kurzem eingedeutscht. Der russischen Fassung „Sankt Peterburg“ fehlte nur das s des deutschen Genetivs. Eine Übersetzung, die den Russen leichter von der Zunge hätte gehen können, gab es damals und auch später nicht. Gleiches galt für die überwiegend deutsche Nomenklatur der neuen Dienstränge und Behörden. Dieser Eigensinn war der Ausdruck für die Entschlossenheit des Zaren, Moskowien aus seiner Selbstbezogenheit herauszureißen und mit dem übrigen Europa auf Dauer zu verbinden. Geistliche Würdenträger benutzten die kirchenslawisch eingefärbte Wendung „Grad svjatago Petra“ (Stadt des heiligen Petrus). In der Umgangssprache kam die Kurzform „Piter“ auf, in der gelehrten Welt „Petropolis“.

Zum Ursprungsmythos der Stadt gehört ein Blütenkranz seltsamer Geschichten. Auch hier war nicht der segenstiftende Apostel, sondern der Zar die wahrlich beherrschende Figur. Besonders fromm ist der Bericht, demzufolge Peter an jenem 16.Mai ein Kästchen mit einem Splitter vom Märtyrerkreuz des heiligen Andreas in die Erde senkte, jenes „Erstberufenen“ Bischofs, der nach kirchlicher Überlieferung den griechischen Glauben zu den Russen brachte. Eher weltlich klingt dagegen die Historie vom flügelschlagenden Adler, der sich auf dem Handschuh Peters niederließ, um dann in den Himmel zu entschwinden, oder die Erzählung von den beiden Birken, deren Spitzen der Zar zusammenband, um den Platz des ersten Festungstores zu markieren. Immer wieder war es der Herrscher, der Fantastisches bewirkte: Eigenhändig habe er einen Felsen nach dem anderen aus dem Schlamm gehoben und Petersburg nicht auf dem Boden, sondern in den Lüften aufgerichtet. Erst als er damit fertig war, habe er die Stadt sanft auf die Erde herabgeholt, ohne dass sie in Sumpf und Schlick sogleich versunken wäre.

Rasch wurde offenkundig, dass der Zar sein ganzes Land für Petersburg in Dienst nehmen wollte – mit der gleichen Unerbittlichkeit, mit der er seine Untertanen für andere Zwecke zu verbrauchen pflegte. Es werden, schrieb der kaiserliche Resident Otto Pleyer aus Moskau nach Wien, „alle Teutsche und russische Matrosen, und schiffers aus dem ganzen reich dahin zusammen berueffen, wie dann auch fast alle anderen russischen Handwerker und Arbeitsleut dahin entbothen werden. Auch wird aller Butter, Korn, knobloch, Zwiffel und andere Victualien mehr und mehr aus Moscau dahin verschaffet, wodurch eine solche Teurung hier einreisset, dass man fast auf die lenge kaum wird seine notdurfft zu leben erkaufen und bekommen können.“

Andere Unbilden kamen hinzu. Keine waren belastender als der Krieg, den Peter im Bündnis mit August dem Starken, dem sächsischen Kurfürsten und polnischen König, und dem Dänenkönig Christian V. angezettelt hatte, um die Hegemonie Schwedens im Ostseeraum zu brechen. Über die Jahre hin blieb Petersburg in den Großen Nordischen Krieg (1700 bis 1721) verstrickt, glich die Stadt einem militärischen Großunternehmen, wurden Hekatomben von Menschenleben, die das ehrgeizige Projekt verschlang, „dem Unfall des Krieges“ zugerechnet – als ob, wie es hieß, diese Toten „vom Feind erschlagen“ wären. Kanonenschüsse, Trommelschläge und Hornsignale gehörten zum phonetischen Repertoire eines Kommandoregimes, dem in Petersburg niemand entkommen konnte – der zwangsangesiedelte Adel so wenig wie die Kaufmannschaft, vom gemeinen Volk zu schweigen. Vorbild war der Militär- und Steuerstaat des neuzeitlichen Absolutismus, dessen Räderwerk in Russland erst noch geschaffen werden musste. Auf dem Weg dorthin sollte Petersburg Schaubühne, Laboratorium und öffentlicher Exerzierplatz sein: ein „großes Fenster, im Norden aufgestoßen, durch welches Russland nach Europa blickt“. Graf Francesco Algarotti, ein reisefreudiger Italiener, war 1739 der Erfinder dieser Fenstermetapher, die durch Alexander Puschkins Poem vom Ehernen Reiter berühmt werden sollte.

Tausende sterben an Entkräftung und Seuchen

Bei seinem Verlangen, an der See Fuß zu fassen, berief sich der Zar auf historisches Recht. Von Alters her hatte das Terrain, auf dem Petersburg sich auszubreiten begann, zu Groß-Nowgorod gehört, jener weiträumigen Stadtrepublik, die von IwanIII. 1478 unterworfen und dem Moskauer „Vätererbe“ zugeschlagen worden war. Anfang des 17.Jahrhunderts, in einer „Zeit der Wirren“, war der Zarenstaat gelähmt, sodass Michail Fjodorowitsch, der erste Herrscher aus dem Hause Romanow, Ingerien und Karelien 1617 an Schweden abtreten musste, auch Narwa mit der Festung Iwangorod. Russland war von der Ostseeküste abgeschnitten. Revisionsversuche, auch militärische, missglückten.

Doch unter Peter wandte sich das Blatt. Den Ausschlag gab der Entschluss Karls XII., die Russen nach ihrer Niederlage vor Narwa im November 1700 vorerst dem eigenen Unglück zu überlassen. Statt nach Osten vorzudringen, ging er daran, König August aus Polen-Litauen in dessen sächsische Erblande zurückzujagen. Das erlaubte dem Zaren, neue Operationen in Richtung Ostseeküste zu wagen. Nach Nöteborg, dem alten Oreschok – von Peter nach der Eroberung in Schlissel-Burch umbenannt –, fiel im Frühjahr 1703 die newaabwärts gelegene schwedische Festung Nyenschantz und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Der Zar befahl, den Ort aufzugeben – und zwei Kilometer westlich davon, auf der „Hasen-Insel“, dem „Lust-Eiland“ eines schwedischen Majors, mit dem Bau Sankt Petersburgs zu beginnen.

Diese Entscheidung war wohlbegründet. Die kleine Insel lag an einer Stelle, wo die Newa (nach Ansicht des hannöverschen Gesandten Friedrich Christian Weber) „doppelt so breit wie die Elbe bei Hamburg“ war und erwarten ließ, dass von ihr aus die auseinander strebenden Flussarme gegen feindliche Anschläge zu sichern wären. Ein schmaler Wasserarm, der die neue Festung von der ungleich größeren „Birkeninsel“, der so genannten Petersburger Seite, trennte, bot sich als Ankerplatz und Winterquartier für die Galeerenflotte an. Noch im Gründungsjahr der Stadt konnte dort ein holländisches Handelsschiff empfangen werden; Kapitän und Mannschaft wurden mit Geschenken überhäuft. 1704 gelang es, die Schweden von der Ostseeinsel Retusaari (Kotlin) zu vertreiben und dort – 28 Kilometer von Petersburg entfernt – das Kastell Kronschlott zu errichten. Die Erwartung, dass sich so die Newa von der See her sperren ließe, hat nicht getrogen. In den folgenden Jahren entwickelte sich aus dieser Bastion die Flottenbasis Kronstadt, die maritime Vormauer für Sankt Petersburg.

Zehntausende dienstpflichtiger Untertanen wurden nun Jahr für Jahr zur Arbeit an die Newa befohlen: von städtischen Steuergemeinden, Adelsdörfern und Klosterämtern gestellt, mit Äxten und anderen Gerätschaften ausgestattet, von Militärkommandos bewacht, nicht selten in Ketten geführt, um die Unglücklichen am Entweichen zu hindern. Ein beträchtlicher Teil der Zwangsrekrutierten ging auf den langen Transportwegen durch Entkräftung, Tod oder Flucht verloren. Entlaufene Bauern, Deserteure und Sträflinge, an aufgerissenen Nasenflügeln und anderen Schandmalen leicht zu erkennen, hatten die Lücken zu füllen. Schwedische Kriegsgefangene und Soldaten der Garnisonsregimenter kamen hinzu. Unter den elendesten Bedingungen hatten diese Menschen ihr Leben zu fristen: in Erdlöchern oder Holzverschlägen, die bei Sturmfluten unter Wasser standen, miserabel verpflegt, kärglich entlohnt, mit grausamen Strafen bedroht, von Mangelkrankheiten und Epidemien heimgesucht. Petersburg wurde, wie man später sagte, „auf Knochen gebaut“, und niemand zählte die Opfer.

Ende Juni 1703, sechs Wochen nach Beginn der Schanzarbeiten, hatte der Zar auf dem Festungsgelände den Grundstein für eine den Aposteln Peter und Paul geweihte Kirche gelegt. Von dem Tessiner Architekten Domenico Trezzini wurde das Gotteshaus, die künftige Grabstätte der Romanows, zunächst in Holz errichtet, nach 1714 dann auch in Stein. Ihre steil aufragende Turmspitze blieb eines der markantesten Wahrzeichen der Stadt.

Unweit der Festung gab es erste Kristallisationskerne städtischen Lebens: Amtsgebäude, Handelshöfe, Ladenreihen, Plundermärkte. Mittelpunkt dieses Areals war ein großer Platz, der seinen Namen von einer unscheinbaren Holzkirche, der „Leben spendenden Heiligen Dreifaltigkeit“, empfing. Bis zu Peters Tod blieb die „Troiza“, um ein Refektorium und den Glockenturm erweitert, der bevorzugte Ort für Staatsakte und höfische Zeremonien. Das erste Quartier des Zaren, ein aus Fichtenstämmen gezimmertes Häuschen, lag nicht weit davon entfernt.

Auf der linken Uferseite wurde 1704 mit dem Bau der Admiralität begonnen, einer großen befestigten Werftanlage. In ihrer Umgebung entstanden Stapelplätze, Seilereien und Werkstätten, dazu Holzhäuser und Lehmhütten, in denen Seeoffiziere, Schiffsbaumeister und Zimmerleute unterkamen. Newaaufwärts, der Festung gegenüber, bezogen Ausländer im Zarendienst Quartier, Protestanten und Katholiken gleichermaßen, die in der „Teutschen Slaboda“ bald ihre eigenen Gotteshäuser bauten. In unmittelbarer Nähe war Peters erstes „Winterpalais“ platziert: ein zweistöckiger Holzbau, nicht aufwendiger als die benachbarten Häuser, die den höchsten Chargen der Marine, Generaladmiral Apraksin und Vizeadmiral Cornelius Cruys, überlassen waren. Östlich davon wurde Raum für einen herrschaftlichen „Sommergarten“ freigeschlagen. Mit einem schlichten Palais in holländischem Barock, mit Alleen, Götterstatuen, Grotten, Orangerie und Tiergehegen bezeugte diese Parkanlage den Stil der neuen Zeit.

Niemand vermag zu sagen, wann der Zar auf den Gedanken kam, die Stadt zur Kapitale seines Reiches zu machen. 1704, nach der Einnahme von Dorpat und Narwa, hatte er Petersburg in vertraulichen Briefen erstmals stoliza, Hauptstadt, genannt und von seinem „Paradies“ gesprochen. Auch in den kritischsten Phasen des Krieges widerstand er allen Anfechtungen, die Stadt um eines Verständigungsfriedens willen preiszugeben. Beobachter meinten gar, dass der Zar bereit sei, „sein Reich und Cron auf die Spitze des wanckelbaren Glücks zu setzen“, nur um „Piter“, sein Lieblingsprojekt, zu retten.

Die Entscheidung, an der Newa die Machtzentrale Russlands einzurichten, hing allein vom Verlauf des Krieges ab. Erst nach dem Sieg vor Poltawa, der den Schwedenkönig im Sommer 1709 dazu zwang, zum Sultan ins Asyl zu flüchten, wurde die Hauptstadtfrage wirklich aktuell. „Jetzt schon“, schrieb Peter, „ist der Grundstein für Sankt Petersburg mit Gottes Hilfe ganz gelegt.“ Auch seinen Wunsch, „die Residenz in Piterburch zu haben“, sah er nun erfüllt. 1710, als er Estland und Livland unterworfen hatte, wurde die Herrscherfamilie aus Moskau anlässlich einer Hochzeit erstmals nach Petersburg befohlen. Im gleichen Jahr wurde die Fürbitte für „die Zarenstadt Sankt Petersburg“ in die Kirchengebete aufgenommen. Doch erst 1712, nach der Rettung der russischen Armee aus der türkischen Umklammerung am Pruth, war der Weg frei, um mit dem „Transport der Kapitale“, des Hofes und der wichtigsten Zentralbehörden zu beginnen. Seither gab es keine Großmacht mehr, die stark genug gewesen wäre, um Petersburg dem Zaren wieder zu entreißen. Die Peter-Pauls-Festung (in deren Folterkellern 1718 der von seinem Vater verstoßene Thronfolger Alexej ums Leben kam) wurde nur noch als Gefängnis, Arsenal und Münze gebraucht.

Zu den Heiligen kommen die antiken Götter des Barock

Der Krieg freilich war noch nicht zu Ende. Russische Truppen standen in Pommern und Mecklenburg und griffen nach den holsteinischen Herzogtümern. Durch ihre schiere Präsenz war die petrinische Militärmacht zu einem beunruhigenden Faktor geworden. Umso mehr kam es darauf an, den Regierungen und dem Publikum im Westen den neuen Rang Sankt Petersburgs bewusst zu machen. Nichts konnte den Willen des Zaren, sein Reich zu „policiren“, eindrücklicher bezeugen als der Verweis auf diese Stadt. Sie sollte dem übrigen Europa glaubhaft machen, dass Russland von seiner bisherigen Geschichte Abschied genommen habe: Abschied von der moskowitischen Welt, die über die Zeiten hin als Hort rüder Despotie und Tyrannei gegolten hatte.

An solcher Aufklärung hat es der Zar nicht fehlen lassen. 1712 befahl er, „mit dem Trommelschlag [zu] publiciren“, „dass dero Truppen nicht länger Moscowiter, sondern Russen genennet würden“. Auch sollte Petersburg jetzt zur Handelsmetropole werden. Peter beschloss, die Stadt nach Wassili Ostrow hin, der großen, dem Meer zugewandten Insel im Newa-Delta, zu erweitern und dort ein „neues Amsterdam“ zu bauen: eine Stadt der Grachten und Kanäle, des Seehandels und des einträglichen Bürgersinns, deren offenbarer Nutzen ihm schon auf seiner legendären Hollandreise aufgegangen war.

Doch die Widerstände, naturgegebene vor allem, waren nicht gering. Mit der Idee einer weltoffenen Handelsmetropole mussten zugleich Ansprüche verbunden werden, die sich aus dem Verlangen nach majestätischer Gloire, militärischer Macht und polizeistaatlicher Ordnung ergaben. Als Muster dafür bot sich die Geometrie barocker Fürstenstädte an, mit linearer Straßenführung und weiten Plätzen, ausgedehnten Parkanlagen und „Lustorten“ in gestalteter Natur. Seit der Zar 1717 die Königsschlösser in der Umgebung von Paris gesehen hatte, drängte er darauf, vor der Stadt, in Peterhof, „ein anderes Versailles“ zu schaffen. In den wenigen Jahren, die ihm blieben (Peter starb, 52-jährig, am 28.Januar 1725), wurden die unterschiedlichsten Möglichkeiten durchgespielt – nicht nur auf dem Reißbrett namhafter Architekten, sondern durch aufwändige Versuche, die favorisierten Projekte auch tatsächlich umzusetzen.

Bei alledem versteht sich, dass die Traditionen, in denen die Russen lebten, durch die Westwendung ihrer Machthaber nicht einfach abgeworfen werden konnten. Aus diesem Faktum kamen tiefe Widersprüche. Sie spiegelten sich nicht zuletzt im Zaren selbst, in der Pathologie seiner psychischen und physischen Natur. Trotz der abgründigen Verachtung, die er dem moskowitischen Lebensstil entgegenbrachte, hat er sich von den überlieferten Formen rechtgläubiger Frömmigkeit nie losgesagt. Um Vergebung der Sünden und die Rettung der Seelen zu beten – dieses Bedürfnis verließ ihn selbst auf Hinrichtungsplätzen, in Folterkellern oder im Rausch der berüchtigten „Saufsynoden“ nicht. Abwegig zu denken, es könnte diesem Kraftmenschen darum gegangen sein, das „heilige Moskau“ durch ein säkulares Kunstwerk zu ersetzen. Auf die spirituelle Aura der alten Hauptstadt ließ sich nicht verzichten. So wurden die Siege der russischen Waffen, in Anwesenheit des Herrschers und des Hofes, auch in Moskau mit dem gleichen zeremoniösen Aufwand an Gottesdiensten und Triumphzügen, an Kanonendonner, Festgelagen und Feuerwerken gefeiert wie in Petersburg. Darüber hinaus blieb Moskau die Würde, Krönungsstadt des Reiches zu sein.

Als der Zarenhof an die Newa wechselte, gab es dort bereits eine Topografie sakraler Orte: etliche in Holz aufgeführte Kirchen, rechtgläubigen Heiligen und Märtyrern geweiht; hernach kam das Alexander-Newski-Kloster hinzu: am Südende der über die Sümpfe hinweg geführten „Großen Perspektive“, des später so berühmten Newski Prospekt. Peters geistliche Berater, Erzbischof Feofan (Prokopowitsch) voran, wurden nicht müde, Petersburg als „Neu-Jerusalem“ zu preisen. Umso anstößiger war es für viele Gläubige, dass der Zar seine Favoritenstadt nicht nur in fromme Gewänder kleidete, sondern auch den antiken Götterhimmel auf die Erde holte. Der Zarenmythos wurde mehr und mehr in allegorischen Stilfiguren barocker Panegyrik ausgedrückt. Die rechtgläubige Kirche, zu einem Ressort der Staatsanstalt mutiert, war zuschwach, um den Einzug heidnischer Götter abzuwehren. Zeus und Mars, Neptun, Herkules und Bacchus gesellten sich zu den heiligen Ikonen, um die Paläste und Gärten der weltlichen Macht zu zieren. Wenn der Zar vom „Paradies“ sprach (und das tat er gern), meinte er nicht das himmlische, sondern meinte Petersburg, in dessen Sommergarten Venus, Apoll, Minerva und Diana standen.

Peter wünschte, dass die von Überschwemmungen und Feuersbrünsten heimgesuchte Stadt Symbol für den „Endzweck“ seiner Regierung sei – Beweis für die Entschlossenheit, Russland auf das Niveau der europäischen Zeit zu heben und im System der großen Mächte auf Dauer zu verankern. Sankt Petersburg sollte ein Zentrum des Welthandels werden, ein Kraftwerk der neuzeitlichen Wissenschaften, sollte bezeugen, dass der vernunftgelenkte Wille fähig wäre, Berge zu versetzen und (wie der Zar gesagt haben soll) aus „einer Heerde unvernünfftiger Thiere“ Menschen zu machen. Und wenn auch das letzte Projekt nicht ganz glückte, weder in Sankt Petersburg noch sonstwo auf der Welt, so schien doch über der so blutig geborenen Stadt ein besonderer Stern zu leuchten: Sie wurde tatsächlich, wie der Zar es befohlen hatte, eine der großen Kunst- und Kulturmetropolen Europas – und von keinem Feind je bezwungen.

Der Autor ist Professor (em.) für osteuropäische Geschichte an der Universität Tübingen

 
  • Serie Amtsgericht Berlin-Moabit
  • Quelle (c) DIE ZEIT 12/2003
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