Jordanien Der Sandwich-Staat
Eingeklemmt zwischen Israel und dem Irak erwartet Jordanien den Krieg – und neue Flüchtlinge. Ein Land ohne Identität fürchtet um seine Existenz
Akaba/al-Karama/Amman
Im Westen liegt das übermächtige Israel, im Osten der erdölreiche Irak. Dazwischen liegt Jordanien, rohstoffarm, fünf Millionen Einwohner, immerzu in Geldnot, den Launen internationaler Politik ausgesetzt wie kein anderer Staat der Region. Jordanien, das ist ein Sandwich-Staat, von zwei Seiten, die sich spinnefeind sind, gepresst und gedrückt. Das Haupt des Haschemitischen Königreiches hat darum den despektierlichen Titel Sandwich-König erhalten. „Das ist schon ein richtiges Bild“, sagt Yousef al-Nawablek, „denn was immer in Israel passiert oder im Irak, wir spüren es sofort!“ Er schüttelt dabei den Kopf, als könnte er selber nicht fassen, was da mit ihm und seinem Land Jordanien gerade geschieht.
Es ist in der Tat nicht einfach für ihn. Al-Nawablek steht vor dem Verwaltungsgebäude der Acaba Special Economic Zone (Asez), trägt eine azurblaue, einwandfrei gebügelte Uniform und blickt auf die leere Straße, die vom Hafen von Akaba Richtung Amman führt und dann weiter nach Bagdad. Die Ausfallstraße ist zweispurig, frisch geteert und von einem neuen Bürgersteig gesäumt. Der Wachmann kann von seinem Standort aus das Rote Meer sehen; mit einem Blick erfasst er fast die gesamten, mickrigen 26 Kilometer Meeresküste Jordaniens. Das Meer leuchtet, die Stadt schimmert, die Palmblätter rascheln im Wind. Alles ist bereit für Gäste, Güter und Händler – aber kein Schiff ist am Horizont zu sehen, kein einziges steuert Akaba an. Die Stadt wirkt wie verlassen.
Es ist nicht so lange her, da war alles anders. Massenweise kamen Güter hier an, wurden im Hafen auf Lastwagen verladen und weiter nach Bagdad transportiert. Die beste Zeit hatte Akaba in den achtziger Jahren, während des Krieges zwischen Iran und Irak, erlebt. Was da nicht alles gebraucht wurde im kriegführenden Land Saddam Husseins! „Die Lastwagen“, sagt al-Nawablek, „standen hier Schlange, kilometerlang.“
Das ist Vergangenheit, denn der Irak steht seit 1991 unter dem Embargo der UN, und Saddam Husseins Regime hat sich über die Jahre andere Handelswege eröffnet, über Libanon und Syrien zum Beispiel. „Er ist eben clever. Er spielt auf mehreren Ebenen“, sagt Yousef al-Nawablek über den Diktator aus dem Nachbarland.
Für Jordanien ist die Straße in den Irak eine Lebensader. Öl im Wert von 550 Millionen Dollar bezieht es jährlich von dort, das deckt den gesamten Bedarf des Landes. Jordanien zahlt dafür so gut wie nichts, denn der Rohstoff wird im Rahmen des Oil-for-Food-Programms geliefert. Wie ein Drogenabhängiger an der Nadel hängt Jordanien an diesem Geschäft; würde es unterbunden, würde jeder einzelne Haushalt das sofort spüren. Saddam Hussein weiß das und legt bereits drohend die Hand an den Ölhahn. Die Amerikaner ihrerseits geben Jordanien jährlich 450 Millionen US-Dollar Finanzhilfe. Auch sie lassen durchblicken, was geschehen wird, wenn sich der König zu sehr an den Irak anlehnt: Schnitt, aus.
Natürlich versucht Jordanien selbst auf festen Beinen zu stehen. Asez sollte so ein Standbein sein, die Organisation, deren Hauptsitz al-Nawablek mit seinen Kollegen bewacht. Die Idee von Asez ist einfach: Güter und Rohstoffe zollfrei einführen, an Ort und Stelle veredeln und sie zollfrei wieder ausführen. Jordaniens Hongkong, davon hatten manche geschwärmt. „Die hier haben gute Arbeit geleistet“, sagt al-Nawablek, „aber…“ – er schaut wieder auf die Straße. Kein einziger Laster kommt vom Hafen den Berg hinauf.
Das Monument
Der eiserne Soldat, der auf einem Hügel vor dem Städtchen al-Karama steht, hätte einen wunderbaren Blick über den Jordan, bis tief hinein in das Westjordanland. Aber seine Augen sind zur Seite gerichtet. Er schaut auf seine imaginären Kameraden und fordert sie mit hoch erhobenem Arm auf, ihm in den Kampf zu folgen. So muss es damals gewesen sein, am 21. März 1968. Al-Karama war zu der Zeit ein Flüchtlingslager. Palästinenser, die 1948 vor dem Krieg gegen Israel flohen, lebten und leben immer noch hier. Die Fedajin, die palästinensischen Freiheitskämpfer, hatten in der Gegend mehrere Stützpunkte. Die israelische Armee griff sie an. Fünfzehn Stunden dauerte die Schlacht. Die jordanische Armee kämpfte zusammen mit den Fedajin. Die Israelis zogen sich schließlich zurück.
Zwei Tage später stellte die Regierung einige erbeutete israelische Waffen auf einem öffentlichen Platz in der Hauptstadt Amman aus. Der Jubel war groß. Zum ersten Mal hatte man die Israelis zurückgeschlagen, zum ersten Mal hatte man nach der verheerenden Niederlage im Sechstagekrieg von 1967 ein kleines Stück nationalen Stolzes wiedergewonnen. Der 21. März wurde zum Gedenktag für die Armee. Eine größere, erfolgreichere Schlacht ist in der jungen Geschichte des Landes nicht zu finden. Wie auch? Jordanien hat sich nicht selbst vom Joch der Kolonie befreit; Kriegshelden sind Mangelware.
Nach dem Rückzug der Israelis 1968 machten sich Fedajin und jordanische Soldaten den Sieg streitig. Ihre Scharmützel waren indes nur ein Vorgeschmack auf den „Schwarzen September“ des Jahres 1970. Um ein Haar wäre König Hussein von der PLO in diesem September gewaltsam gestürzt worden. Um ein Haar wäre aus Jordanien ein PLO-Staat geworden. Seit dem „Schwarzen September“ sitzt das Misstrauen im jordanischen Staatsapparat gegenüber den Palästinensern tief.
Das Monument von al-Karama gäbe einen prächtigen Nationalmythos ab für die Jordanier, aber es eignet sich nicht dafür, denn es trägt eine zwiespältige Botschaft: Der Held der Armee, der einzige, erinnert gleichzeitig an den tiefen Riss zwischen Jordaniern und Palästinensern – den Riss, den alle fürchten.
Die Palästinenser
Königin Rania ist Palästinenserin. Ijaf ist als Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Jordanien geboren worden. Mehr als ein Kopfnicken, das er mit einem leisen „Ja, das stimmt“ unterstreicht, hat er für die Königin jedoch nicht übrig. Ein Zeichen will er in ihrer Herkunft nicht sehen. Er registriert es nur. Ijaf wirkt wie ein Mensch, der sich auf dünnem Eis bewegt. Er schreitet nicht aus, er tastet sich voran. „Ein Unterschied zwischen Jordaniern und Palästinenser gibt es schon, an bestimmten Stellen“, sagt er und lässt seinen Satz dann wieder im Verkehrslärm untergehen, der von der König-Feisal-Straße in Amman in das Café hereindringt. Unterschiede? „Unterschiede.“
Das Unbestimmte in den Antworten Ijafs, dieses Ungefähre und Verhaltene, wenn es um die Palästinenser geht, ist nicht eine Marotte, es entspricht der Schwammigkeit der Regierung in dieser Frage. Bis heute ist nicht offiziell bekannt, wie viele Palästinenser eigentlich in Jordanien leben, obwohl es Volkszählungen gegeben hat, 1979 und 1994. Die Schätzungen liegen zwischen 45 und 70 Prozent der Bevölkerung.
Die Zahlen sind Sprengstoff, denn in ihnen verbirgt sich die Angst, dass die Palästinenser eines Tages Jordanien „übernehmen“ könnten, wie es 1970 fast geschehen wäre. Die Regierung hat vorsorglich schon einmal die Einreisebedingungen für Palästinenser aus dem Westjordanland verschärft. Seit Ausbruch der zweiten Intifada vor mehr als zwei Jahren sind nach offiziellen Angaben 70000 Palästinenser nach Jordanien gekommen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen. Nicht wenige glauben, dass die Regierung Scharon einen möglichen Irak-Krieg nutzen wird, um Palästinenser in großer Zahl nach Jordanien zu „transferieren“. Eine endgültige Majorisierung, das ist das Urtrauma der Jordanier; erst der Gedanke daran hat sie fragen lassen, wer sie denn eigentlich sind. „Der jordanische Nationalismus“ schreibt Adnan Abu Odeh, ehemaliger UN-Botschafter Jordaniens und Berater des Königs, „hat bei seiner Wiedergeburt (in den siebziger Jahren) vor allem einen Feind identifiziert: die große Zahl von Palästinensern.“
Ijaf beendet den Kaffeeplausch und geht hinaus in das Getümmel von Downtwon Amman, wie die engen, lärmigen Straßen rund um die Hussein-Moschee heißen. Dort unten, nicht weit von dem römischen Theater entfernt, bieten sich Dutzende junge Männer als Tagelöhner an. Die meisten kommen aus dem Irak. Flüchtlinge, Auswanderer – wie soll man diese Leute nennen?
200000 Iraker gibt es bereits im Land. Wenn es zum Krieg kommt, wird die Zahl hochschnellen, und die Jordanier werden wieder Halt suchen, beim König, bei der Armee, bei den Verbündeten – gewiss. Aber sie werden auch bei sich selbst suchen. Worauf können sie sich in ihrem Inneren stützen, wenn im Irak der große Sturm losbricht, im Westjordanland die Gewalt noch größer wird? Was macht einen Jordanier zu einem Jordanier? Diese Frage nach ihrer Identität wird ihr Schicksal als Staat entscheidend mitbestimmen.
Der Webstuhl
Jordanien hat gerade mal drei Monumente, die als nationales Symbol gelten können. Den Soldaten von al-Karama für die Armee; Saladin, der im Namen des Islams eine Burg der Kreuzritter eroberte, und einen arabischen Reiter, der für den Aufstand gegen das Reich der Ottomanen steht. Drei Monumente – drei Stiche, die ein Land zusammenhalten sollen. Mehr ist es nicht. Und alle drei stehen für verschiedene, teilweise widersprüchliche Botschaften. Al-Karama für den Widerstand gegen Israel, aber auch für den Zwist mit den Palästinensern; Saladin für den Kampf für den Islam und mithin für das religiöse Fundament des Staates und der arabische Reiter für den panarabischen Traum eines großen Einheitsstaates. Welches soll die Kraftquelle sein?
Jordanien hat keine Städte, aus deren Geschichte es Selbstbewusstsein schöpfen könnte, es hat kein Kairo, kein Damaskus, kein Aleppo oder Bagdad. Es ist wohl diese wenig prachtvolle Vergangenheit, die den Kolumnisten Khalde al-Kassasbeh 1996 über das jordanische Dilemma schreiben ließ: „Jordanien fehlt eine zentrale Symbolfigur, es fehlen antike jordanische Monumente, da wir alle wissen, dass das römische Amphitheater und die Säulen von Jerash keine jordanischen Monumente sind… Was uns von anderen unterscheidet, ist unser mansaf, al-midraqa und die Lieder von Abdo Mousa.“ Mansaf ist das jordanische Nationalgericht, al-midraqa sind Frauenkleider, und Abdo Mousa ist ein Sänger, der jordanische Folklore präsentiert. Das ist nicht viel, um zu bestehen.
Wohin also soll sich ein Jordanier wenden, wenn er sich wie in diesen Tagen von allen Seiten bedroht fühlt, wenn er das Gefühl bekommt, in seinem Sandwich-Staat zerdrückt zu werden? Zum Beispiel dorthin, wo das ganz Eigene aufbewahrt wird: in das Museum für Folklore in Downtown Amman.
Es ist klein, düster und ärmlich ausgestattet. Die Kassiererin erschrickt fast, als sich ein Besucher zeigt, und händigt lächelnd ein ausgebleichtes Ticket aus. Der Inhalt des Museums: Schmuck, Möbelstücke, Webstühle, Becher, Teller, Puppen mit verschiedensten Kleidern je nach Region des Landes. In wenigen Minuten ist man durch, nichts hält einen länger fest, nichts lässt einen staunen. Im Vorraum des Museums hängen eingerahmte Fotos auf einem Eisenstab, man kann sie durchblättern wie die Postkarten an einem Kiosk. Sie ergeben einen Bilderbogen. Am Anfang sieht man Szenen aus dem Leben von Beduinen, man sieht Menschen und Wüste; es folgen Bilder, die Steinmauern zeigen, antike und neuere, alle jedoch verlassen; dann kommen Bilder mit Häusern und Menschen, und schließlich zeigen Fotos das Zentrum Ammans mit einem Polizisten, der steif seine Uniform in die Kamera hält.
Die Bilderfolge erzählt die Geschichte der Verfestigung eines Beduinenvolkes: von der Wüste zum Stein, vom Stein zur Stadt, von der Stadt zum Staat. Es erzählt von der Modernisierung. Allerdings kann man die Fotos auf der rotierenden Stange auch in der anderen Richtung durchblättern – dann erzählen sie einem das Gegenteil: die Geschichte vom Verschwinden der Jordanier.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 12/2003
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



