GedenkenO silberner Mond!

Auf Klopstocks Spuren in Quedlinburg und Langensalza von Rolf Vollmann

Das Schönste an Quedlinburg, bei aller Liebe zum Fachwerk, ist die Kellnerin in dem kleinen Fachwerkcafé am Markt. Ich war zweimal dort, einmal, als ich müde geworden war und es zu regnen anfing, und ein zweites Mal, da schien die Sonne, ehe ich wegfahren musste, nach Bad Langensalza, wo es auch unendlich viel Fachwerk gibt. Und dann ist in Quedlinburg unten am Schlossberg, rechter Hand, sobald man an Heinrichs legendärem Vogelherd vorbei ist, unmittelbar neben dem Klopstockhaus eine kleine Käsekuchenbäckerei. Im oberen Stockwerk sitzt man wunderschön, und dort sind die Quarkkeulchen eine Lust, zwei runde, flache Küchelchen, weich aus Quark und Kartoffeln und etwas Mehl und heiß in Butter gebacken, kommen sie in einem Schälchen nebeneinander, ein Butterstück zwischen ihnen, man lässt es auf ihnen zerfließen und streut Zucker und Zimt drüber, mehr kann man kaum wollen.

An den Rändern, hinten in der alten Nikolai-Neustadt, an der Stadtmauer, gibt es Häuserzeilen, die noch vor der Wende von den Besitzern, Handwerkern wohl, renoviert worden sind, jetzt wirken sie, wenn man auf sie stößt aus dem gelackten Fachwerkwald der Innenstadt, wie Flecken unerwarteter Realität, wie etwas Wirkliches am Rand dieser Stadt, die heute ganz bestimmt schöner ist, als sie je hat sein wollen. Klopstocks Haus, das seiner Eltern eigentlich, ein Museum seit langem, das wegen Renovierung mehrere Jahre zu war, sieht jetzt wieder und immer noch aus wie vor zwölf Jahren, ruhig, fast unauffällig; ein Klingelwerk, wenn man die Tür aufmacht, ist laut wie damals und hört überhaupt nicht mehr auf, und die Tür geht so schwer oder eben eigentlich gar nicht hinter einem zu wie immer. Drinnen, von den neuen Kellern abgesehen, ist es auch wie damals, es war etwas laut im Haus, weil in einem der Räume im ersten Stock gerade eine kleine Ausstellung über Klopstock und die Frauen vorbereitet wurde (jetzt wird sie fertig sein), zur Eröffnung, sagten die jungen Frauen an der Kasse, hätten sich mehr Leute angemeldet, als ins Haus passen würden. Schön ist auch das Thüringische, wenn es diese jungen hübschen Frauen sprechen, so etwas setzt natürlich Maßstäbe für Dichter, die Frauen lieben.

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Sonst liest ja kein Mensch mehr Klopstock. Ich würde jetzt gern eine kleine Grübelei darüber anstellen, wie weit man sich eigentlich in einen alten Dichter versenken darf – darf, wohlgemerkt, denn können kann man’s nach Belieben, wenn es einem nichts ausmacht, mit leeren Händen wieder aufzutauchen, unverändert, unentfremdet hervor aus dem Versenken kommend. Allein mitzuteilen hätte man keinem etwas: Denn gerade das ist es ja, dass jeder Versuch, Klopstock mit jemandem zu teilen, damit endet, dass man sich nicht traut, weiterzulesen, dass man sich beinahe geniert (vor dem andern und damit vor sich, wenn man eben nicht allein ist), Gefühle mitempfinden zu können, für die es kaum mehr Wörter mehr gibt in unserer Sprache. Einmal singt Klopstock, traurig, wehmütig (auch so ein Wort schon, aber noch fast auf dieser Seite der Grenze) die Natur an, er möchte gern lieben, küssen, umarmen, und schreibt: "Ach warum, o Natur, warum, unzärtliche Mutter, / gabest du zum Gefühl mir ein zu biegsames Herz? / Und in das biegsame Herz die unbezwingliche Liebe, / daurend Verlangen, und ach keine Geliebte dazu?" Und dann ruft er nach dieser Nichtdaseienden und sagt (singt, klagt): "Wo, wo such ich dich auf? wo werd ich endlich dich finden? / Du, die meine Begier stark und unsterblich verlangt?…" – und: "Eilet, Winde, mit meinem Verlangen zu ihr in die Laube, / schauert hin durch den Wald, rauscht, und verkündet mich ihr: / ich bin redlich!"

Fast komisch irgendwie, nicht wahr?, aber auch wieder wahr doch im Grund. Und das ist so heikel daran; denn wer, wenn er nicht verlacht werden möchte, wagt das alles nicht komisch zu finden? Je eher übrigens, also je weniger weit weg von dem, was wir selber sind, man sich sträubt vor einem solchen Sichversenken, desto klarer sind die Urteile, die man abgeben kann in literarischen Dingen; es muss da eine Balance geben, für die aber niemand Maßstäbe hat.

Noch als Schüler in Schulpforta, im Saaletal, hatte Klopstock zwei feste Ideen: Erstens, er würde ein großer Dichter werden (der größte), und dies, zweitens, mit einem Epos über Jesus (den größten): wovon er die ersten drei Gesänge wirklich, 1748, vierundzwanzigjährig, veröffentlichte. Und so, richtiggehend berühmt schon, ging Klopstock, er brauchte Geld, als Hauslehrer nach Langensalza und verliebte sich in Fanny. Öfter heißt es, er sei nach Langensalza gegangen, um sich in sie zu verlieben, als wäre sie jene Ersehnte. Nur einmal, dreizehnjährig, hatte er, beinahe, eine Gleichaltrige geküsst – als er über siebzig ist, beschreibt er das in einem bezaubernden (soweit er das kann: bezaubern, uns) Gedicht, er nennt es Aus der Vorzeit . Er verliebte sich in eine Verwandte, Fanny (eigentlich Maria Sophia) Schmidt; auf Bildern hat sie ein bisschen eines dieser Pferdegesichter. Sie wollte ihn dann nicht und heiratete später einen wohlhabenden Kaufmann und hatte dann im Grund alles: Geld und den Ruhm in Klopstocks Gedichten – uns gefallen diese berechnenden Dinger eigentlich nicht, aber auch sie werden ja älter und und sitzen dann da mit ihren Pferdegesichtern, während in unsern Sachen die Nachfolgerinnen glänzen, schöner als jene.

In Langensalza habe ich lange nach dem Haus gesucht, in dem Klopstock damals gewohnt hat, ein Buchhändler hat mir dann gesagt, warum ichs nicht wiederfände (damals, vor zwölf Jahren, hatte ichs gesehn): Es sei ganz verhängt, es werde renoviert. Und da stand es auch, in der Salzstraße, ganz verhängt; aber, als ich an dieser Verhängung, die mir eigentlich, wenn ich einmal absah davon, dass sie nun verbarg, was zu sehen ich ja eigentlich da war, gar nicht hässlich vorkam, am frühen Abend jetzt, im Zwielicht zwischen Tag und schon Straßenlaternen, sie war sogar fast schön in einem matten silbrigen Glanz, hinaufsah an ihr, an diesem hohen Haus, stand (schwebte, hing, oder was tut der Mond?) der Mond da oben gerade über dem Haus, eine ganz dünne Sichel, zunehmend, und ich dachte… – ich weiß, keiner liest mehr Klopstock, aber wenn irgendwas überhaupt, dann kennt der eine, der andre (die eine, die andre) noch diese Frühen Gräber: "Willkommen, o silberner Mond, / schöner, stiller Gefährt der Nacht! / Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund." Es muss an jenem Abend, anders als an diesem, Wind oben in den Wolken gewesen sein und der Mond zwischen ihnen, als sauste er hindurch, und daher nun dieses "eile nicht … bleib" (sonst ist Eilen doch das Letzte, was der Mond tut) – und da stand er nun also, ein Stückchen jedenfalls von ihm, eine dünne Sichel, über diesem verhängten Haus, und ich denkend davor.

Der Buchhändler hatte mir noch geraten, wenn ich etwas Ordentliches essen wolle, ins Kartoffelrestaurant zu gehen, die Knolle. Es wurde kühl (am Tag drauf fegte ein grausam kalter Ostwind durch die Stadt, die bald ganz leer war), ich setzte mich in die Knolle und aß: eine große gebutterte Pellkartoffel mit Quark und Thüringer Leberwurst, dann kleine, in brauner Zuckersoße gebackene Kartoffelpuffer mit heißen halben Pflaumen und Vanilleeis und Sahne. Es war ein herrliches Essen an diesem kühlen Abend, und ich habe über das Leben nachgedacht (wo sind seit Whitman und Neruda diese ganz großen Gefühle hin?) und darüber, ob Klopstock wohl auch eine Ode an die Kartoffel geschrieben hätte, ich hätte das schön gefunden (er hat keine geschrieben); und eine nicht einmal allzu gewagte Metapher für die Kartoffel, fand ich, wäre der Mond, jedenfalls für die gepellte Pellkartoffel, sodass man gar nicht mehr wüsste, wer da für wen eine Metapher ist, die Kartoffel für den Mond, der Mond für die Kartoffel.

Zwar liebte Klopstock die Natur sicher eher in ihrer, wenn ich nun so sagen darf: ungekochten Mondgestalt. Andrerseits hatte Vater Klopstock, als Klopstock noch ein kleiner Junge war (er hatte sechzehn Geschwister, von einer sehr schönen Mutter), an der Saale (die hier völlig gelbe lehmige, gleichsam chinesische Ufer hat) bei Friedeburg, etwas unterhalb von Halle, ein großes Gut gepachtet, und sicher wird er da auch Kartoffeln angebaut haben (bei dieser Unternehmung verlor er übrigens sein Vermögen und wird die immer mehr werdenden Kinder auch mit Kartoffeln gefüttert haben) – was beides wieder ein Grund gewesen sein könnte, warum Klopstock später keine Oden auf die Kartoffel schrieb, sondern eher etwa (darin war er groß) Oden, wenn Winter war, aufs Schlittschuhlaufen, auch nachts, unterm Mond, und er nun gleitend wie mit Merkurs Flügelschuhen an den Füßen übers Eis.

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