Schwer zu beurteilen, welche Zeugenaussagen im Prozess gegen Hans Peter Friedl erschütternder sind: jene der Patienten, die von Schmerzen, Komplikationen und bleibenden Schäden berichteten? Oder die Bekenntnisse von Friedls früheren Mitarbeitern, die in einer Mischung aus Angst, vorauseilendem Gehorsam und fehlender Zivilcourage mit ansahen, wie notwendige Eingriffe nicht oder falsch erfolgten und Komplikationen vertuscht wurden?

Die Vorwürfe, die vor dem Freiburger Landgericht zur Sprache kommen, lesen sich jedenfalls wie ein Musterkatalog der Kunstfehler: Einmal wurde ein Bauchtuch zur Blutstillung in der Operationswunde vergessen, ein andermal brach bei einer Schulteroperation die Bohrerspitze ab und wurde unter falschem Vorwand bei einem erneuten Eingriff geborgen, Schienen zur Beinverlängerung wurden falsch montiert, lebensbedrohliche Infektionen nicht erkannt oder nicht ausreichend behandelt. Der "Fall Friedl" wird damit in mehrfacher Hinsicht ein Lehrstück darüber, wie Skrupellosigkeit, mangelnde Selbstkritik und nicht vorhandene Selbstreinigungskräfte des ärztlichen Standes die Medizin in Verruf bringen.

So missglückte dem Unfallchirurgen Friedl bei einer inzwischen 29-jährigen Patientin nach einem schweren Verkehrsunfall eine operative Beinverlängerung. Es kam immer wieder zu Infektionen und Komplikationen – heute leidet sie an einer chronischen Knochenentzündung. "Ich habe Herrn Friedl täglich darauf hingewiesen, dass wir handeln müssen, als bei der jungen Frau das Bein anschwoll und eine lebensgefährliche Blutvergiftung drohte", sagt eine Oberärztin vor Gericht. "Er meinte, er sehe das anders. Er war der Chef. Ich wusste nicht, was ich machen sollte." Kann es sein, wundern sich die Freiburger Richter, dass es von der Hierarchie in der Medizin abhängt, ob ein Mensch überlebt oder nicht?

Zugeschaut und weggeguckt

Dabei galt Hans Peter Friedl anfangs als Hoffnungsträger. Der 37-Jährige wird 1997 zum Ärztlichen Direktor der Freiburger Unfallchirurgie berufen – seinerzeit der jüngste chirurgische Ordinarius Deutschlands. Und der dynamische, redegewandte Chefarzt kommt am Uniklinikum Freiburg gut an. Patienten wie Mitarbeiter sind von dem stets korrekt gescheitelten Mediziner angetan, der sieben Tage die Woche in der Klinik ist und abends nochmals bei Patienten zur Visite vorbeischaut, wenn er nicht Tagungen und Kongresse besucht. Die Klinikleitung sieht ihre Hoffnung bestätigt, dass mit dem neuen Chefarzt die Fallzahlen erhöht und Impulse für die Forschung gesetzt werden.

Doch der Einser-Abiturient Friedl, der auch das medizinische Staatsexamen mit Eins abschloss und sich als "kometenhaftes Sternchen" sieht, bleibt nur für kurze Zeit ein Vorbild für seine Mitarbeiter. "Schon bald häuften sich die Vorfälle, die ich nicht verstanden habe", sagt eine ehemalige Oberärztin. Patienten werden über den wahren Verlauf einer Operation im Unklaren gelassen, über misslungene Eingriffe oder Fehler soll in der Abteilung kaum gesprochen werden. "Das Wort Eiter durften wir nicht benutzen", erinnert sich ein junger Assistenzarzt, "das war ein ausdrücklicher Befehl."

Mehrere Oberärzte beschweren sich bei der Klinikleitung über die Zustände in der Abteilung Friedl – über geschönte Arztbriefe, OP-Fehler, nicht behandelte Infektionen und Falschaussagen gegenüber Patienten. Reaktionen gibt es keine. "Nicht nur mit Herrn Friedl konnten wir nicht über Komplikationen reden, auch eine Etage höher verhallten unsere Anfragen ohne Konsequenzen", gibt einer der Oberärzte später vor Gericht zu Protokoll. Und eine Assistenzärztin schildert, wie sie die "verbalen Balanceakte" in der Abteilung für sich verarbeitet hat: "Wir haben schlechte Witze gemacht. Dabei hätten wir gehen sollen."

Nach ihrer erfolglosen klinikumsinternen Beschwerde wenden sich einige Oberärzte im Januar 1999 an Ruprecht Zwirner, den pensionierten Chefarzt einer städtischen Klinik. Der alarmierte Mediziner ist "erschüttert und entsetzt", als er von den Vorfällen in der Unfallchirurgie erfährt, und informiert sofort Eduard Farthmann, Chef der Allgemeinchirurgie am Freiburger Uniklinikum und zugleich Prodekan. Farthmann kommt am nächsten Tag bei Zwirner vorbei und lässt sich die Vorkommnisse schildern. Später beschreibt Farthmann den Besuch als "rein privat". Unternommen wird nichts. Farthmann geht in Ruhestand. "Die Informationen über Friedl müssen irgendwo in der chirurgischen Klinik stecken geblieben sein", versucht Hermann Frommhold, Leitender Ärztlicher Direktor des Uniklinikums, die Untätigkeit der Klinikleitung heute zu erklären.