Die Wahrheit über Mostar beginnt an einem sonnigen Morgen im Herbst, und dass es sich um die Wahrheit handelt, wird man erst am nächsten Tag vollends begreifen, wenn die Brücke in Stücke gebrochen sein wird. Es ist der 8.November 1993, als der Soldat Nedzad Kasumovic auf das Treppenpodest eines zerschossenen Nachbarhauses steigt und seine Panasonic-Videokamera in Stellung bringt, um seine Wahrheit aufzunehmen über Mostar, Bosnien-Herzegowina.

Ein Panzer der kroatischen Armee feuert Granaten ab, und der Soldat Kasumovic, ein gläubiger Muslim, hat aufgeregt nach einer unbespielten Filmkassette gesucht, keine gefunden, also das Band vom letzten Familienfest in die Kamera gelegt. Er drückt den Aufnahmeknopf, der Kamerasucher zeigt 9.57 Uhr, das Objektiv zielt auf Wolken aus weißem Staub, die von zertrümmerten Steinen übrig bleiben. "Nein", sie tun es, "nein", ruft Kasumovic, weil er es erst nicht glauben will, Kroaten wollen die Brücke von Mostar zerstören, die Alte Brücke, die Stari Most, die alle Kriege überstand. Sie ist 427 Jahre alt, ein Glanzstück osmanischer Baukunst, Symbol einer ehemals friedvollen Stadt, ein Wahrzeichen des Balkans. Der damals 33jährige Kasumovic lässt die Kamera auf die Knie sinken, er fleht und weint, und er erschrickt über sich selbst, als er in seiner lodernden Wut hinüberbrüllt, unhörbar für die kroatischen Soldaten: "Ich ficke die Mutter eures Gottes! Ich ficke die Mutter eures Gottes!"

Die Warnleuchte der Kamera blinkt, Kasumovic rennt nach Hause, aber er findet keine neuen Batterien und erwärmt die alten auf einer Ofenplatte. Für ein paar Aufnahmen wird es noch reichen, Kasumovic stürzt hinaus und dreht, diesmal aus dem Lüftungsloch eines zusammengesackten Klohäuschens. Er zoomt eine geschundene Brücke heran, die im Laufe der Kämpfe gemeinsam von Kroaten und Muslimen, die sich Bosniaken nennen, mit Autoreifen und Holzplanken geflickt worden ist. Zusammen haben Kroaten und Bosniaken ihre Stadt und ihre Brücke gegen Angriffe der Serben verteidigt, im ersten Teil des Krieges. Nun aber, im zweiten Teil, liegen die ehemaligen Verbündeten miteinander im Krieg. West-Mostar gegen Ost-Mostar – und als die Stadt zerreißt, da zerreißt auch die Verbindung aus weißem Stein.

"Die Kamera ist meine gefährlichste Waffe", ahnt Kasumovic. Sie kann eine verlässliche Zeugin sein, wenn es später darum gehen sollte, wer wie viel Schuld auf sich geladen hat. Er filmt zerplatzendes Mauerwerk, solange die Kamera mitmacht. Am nächsten Morgen, als schließlich der Brückenbogen zerbricht, sind seine Batterien leer.

Fast zehn Jahre sind seither vergangen, die Bilder von der beschossenen Brücke längst um die Welt gesendet, längst vergessen. Es herrscht Frieden in Mostar, dem Mittelpunkt der Herzegowina. Kasumovic schaut hinab ins Tal, und dort unten, am Ufer des smaragdgrünen Gebirgsflusses Neretva, wo einst Scharfschützen kauerten, hämmern jetzt Bauarbeiter. Sie meißeln Ornamente in frisch geschnittene Kalksteinquader, und manchmal staksen Kameraleute auswärtiger Fernsehsender durch den Uferschlamm. Dann meißeln die Bauarbeiter besonders hastig. "Vielleicht", hofft Kasumovic, "wird meine Kamera bald benötigt." In einem neuen Museum vielleicht, dort unten. Die Alte Brücke wird neu gemacht, als möglichst perfekte Kopie. So wurde es von der Unesco vor sieben Jahren beschlossen, jetzt geht es in die entscheidende Phase.

Das internationale Komitee begutachtet die Fundamente

Noch immer ist die Stadt geteilt, in eine bosniakische und eine kroatische Hälfte. Der Westen hat Karawanen von Aufbauhelfern geschickt. Noch immer ist Mostar voll von ihnen. Norwegen streicht Fassaden, Frankreich eröffnet Ausstellungen, Deutschland bringt Omnibusse – sie alle probieren ein Tauschgeschäft aus, wie immer, wenn ein Krieg vorüber ist: Geld gegen Frieden, Wiederaufbau gegen Versöhnung. Geht das gut? Die geschenkte Brücke ist ein Lieblingsprojekt der internationalen Gemeinschaft. Die Brücke soll den Anstoß zur Aussöhnung geben. Wird die neue halten? Mostar aushalten? Wird sie halten, was sich der Westen von ihr verspricht?

Die Brücke von Mostar. Der Mythos von Mostar. Als sie noch da war, die "Alte", wie die Alten sie nennen, sprangen im Sommer die Jungs vor den Augen der Mädchen von der Brücke kopfüber gut zwanzig Meter hinab, und als ihre Körper in die kalte Neretva tauchten, glaubten sie, Männer geworden zu sein. Ein paar Jungs verfehlten die tiefste Stelle des Flusses und starben beim Versuch, erwachsen zu werden. Im Schatten der Brücke war viel Platz für Liebe. Unter der Alten, erinnern sich die Alten, schenkten sich junge Liebespaare einen ersten Kuss. Auf der Alten trafen sich die Kinder zum Spielen, die Erwachsenen zum Plausch, die Touristen zum Schwelgen. Die Brücke, sagen die Alten, machte das schläfrige Dorf Mostar zur belebten Stadt. Die Brücke bildete einst das fehlende Stück in einem Handelsweg, von nun an gelangte Salz aus Dubrovnik hinauf in die bosnischen Berge und bosnisches Erz hinab zur Küste von Dubrovnik. Als sie im Granatenhagel starb, sagen die Alten, weinte die Neretva blutige Tränen, denn ihr Wasser färbte sich rot – ja, blutrot, und demütig schauen sie zum Himmel. Aber nein, Wissenschaftler stellten fest: Als die Brücke zerbrach, löste sich nur ihr roter, bauxithaltiger Mörtel im Wasser. Die Brücke von Mostar, sagen Materialforscher, sei stellenweise hohl gewesen.