Integration Multikulti ade
Eine Untersuchung über die Integration von Ausländerkindern
Sind Ausländerkinder die Lernbremsen der Nation? Noch liegen die einschlägigen Erkenntnisse der so genannten Pisa-3-Studie nur als Vorabzusammenfassung vor. Aber was viele als Bestätigung des gesunden Volksverstandes sehen, treibt andere dazu, „Stellung zu beziehen“ und der besseren Integration des Ausländernachwuchses das Wort zu reden.
Was eigentlich stellen Staat und Schule an, um eben diesen jungen Fremden die Regeln und Werte der Mehrheitsgesellschaft beizubringen? Und wie erfolgreich funktioniert das System der staatsbürgerlichen Eingliederung in den verschiedenen europäischen Nationalkulturen?
Wie immer lohnt es sich, genau hinzusehen. Vier Schulen in Rotterdam, London, Paris und Berlin hat ein internationales Forscherteam um Werner Schiffauer (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder) ein Jahr lang beobachtet und seziert. Das Geld dazu kam von der VW-Stiftung. Alle diese Bildungsstätten liegen im Einzugsbereich von so genannten Brennpunkten. Will sagen: Für sie ist ein hoher, teilweise extrem hoher Anteil von „Fremden“ charakteristisch.
Kurz gesagt macht das Ergebnis der kulturwissenschaftlichen Nachforschung wenig Hoffnung auf ein gelingendes interkulturelles schulisches Schaffen. Nirgendwo. Nimmt man etwa die im Berliner Stadtteil Neukölln gelegene Test-Gesamtschule zum Maßstab, dann sind die mit internationalem Young-Fashion-Fummel und Kopftuch ausgestatteten Türkenmädchen oder die radebrechenden Lebenskünstler mit den Baseballkappen der fast einzige Hoffnungsblick. Sogar zu Weihnachten. Während die deutschen Schüler grade mal das eigene Pausenbrot zur Christfeier beisteuerten, so stellten die Wissenschaftler fest, brillierten die Muslime mit selbst gebackenem Adventsgebäck und einer ausgeklügelten Getränkelogistik.
Das Verblüffende an der Untersuchung sind die Paradoxien, die sie zutage fördert. Wie wirken die eifrig gepflegten Verfassungsideen und nationalen Kulturstile in den Niederungen des pädagogischen Alltags? Multikulti, Minderheitenrechte und „racial awareness“ im liberalen England, behaupten die Autoren, lenkten die Aufmerksamkeit der Schüler auf einen Wettstreit um Bildungsressourcen, in dem die eigene Herkunftsgruppe ständig als die bedürftigste platziert wird, so entsteht eine interkulturelle Neidkultur.
Im sozial wohl temperierten Holland hingegen werde die Ungleichheit von Inländern und Zuwanderern entgegen allen Vorgaben nicht aufgearbeitet, sondern durch eine aberwitzige Problemorientierung im Untericht regelrecht kleingeredet. Frankreich kennt nur den nach rationalistischen und laizistischen Prinzipien geformten Bürger und verbietet etwa ganz pragmatisch das Kopftuch an der Schule. Das aber hat genau den umgekehrten Effekt zur Folge, dass die Kids umso wilder diese oder andere „Identitätsmarker“ begehren.
Wie nicht anders zu erwarten, triumphiert der Aberwitz vor allem hierzulande. In Deutschland, gezeichnet von der Erfahrung der NS-Zeit, führt der Weg der Integration über den Weg der Wertegemeinschaft und den ethisch verantwortlichen Bürger. Süffisant zeigt die Untersuchung auf, wie der deutsche Idealismus gerade an den „Problemschulen“ alle Beteiligten überfordert und jeden Versuch zunichte macht, ganz pragmatisch festzulegen, was zu tun wäre, um gemeinsam sinnvoll zu lernen.
Ganz allgemein bestätigt sich in allen Ländern der Verdacht, dass Partizipationskonzepte, die teilweise am Schreibtisch vollzogene Klassifikation von ethnischen und religiösen Minderheiten und einschlägige Zulassungsverfahren etwa beim muttersprachlichen oder Religionsunterricht erst die Minderheiten schaffen, die man sozusagen emanzipieren will. Der Fachjargon nennt derlei Kulturalismus. Das Fremde ist nur die Kehrseite, die Projektion des Eigenen, so wie umgekehrt der signalfarbene Modepullover das Kopftuch nicht aus-, sondern fast notwendig einschließt. Das „Gelaber“, also die Integrationskonzepte des Nationalvolkes, sagt Zeki, eine muslimische Schülerin der Rotterdamer Schule, bringe nichts, sofern der Rest nicht stimme. Sie und ihre Altersgenossen in England, Frankreich und Deutschland wollen, vereinfacht gesagt, nur das: Anerkennung und später einen Job. In den Befragungen offenbaren die fremden Jugendlichen dieselben globalen und neoliberalen Orientierungen wie ihre eingeborenen Altersgenossen. Invidualismus, Leistung und die Überzeugung, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied, stehen auch bei ihnen oben an.
- Datum 13.03.2003 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 12/2003
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



