Schlüssel ohne Roman

Oliver Kahn, dessen Ehe- und Ehebruchsgeschichten seit Wochen von der Bild-Zeitung ausgebreitet werden, steht mit diesem Schicksal nicht allein. Jeder Prominente muss es leiden; manche profitieren davon. Jetzt allerdings hat er Leidensgenossen gefunden, die mit der Veröffentlichung des Intimen weniger gelassen umzugehen gewohnt sind und daher das Gericht angerufen haben. Es handelt sich um die türkische Trägerin des alternativen Nobelpreises und ihre Tochter, die in dem Schriftsteller Maxim Biller ihre Bild-Zeitung gefunden haben. Biller hat seine unglückliche Liebesgeschichte mit der Tochter und seine Querelen mit der Mutter in einem Buch (Esra) ausgebreitet, das man einen Schlüsselroman nicht nennen kann. Es gibt zwar den Schlüssel, aber keinen Roman.

Normalerweise pflegen die Literaten ihre Figuren aus mehreren lebenden Vorbildern zusammenzusetzen; mit der Konsequenz, dass sich unter den Zeitgenossen auch stets mehrere Bewerber für die Rolle des Gekränkten melden. Wir kennen das Phänomen von Prousts Recherche, und Wolfgang Koeppen hat einmal recht burlesk beschrieben, wie viele Münchner sich in seinem Roman Tauben im Gras wiederfinden wollten. Entscheidend für die Frage, ob es sich um ein Stück Literatur oder um ein Stück Bild-Zeitung handelt, ist jedoch nicht die Möglichkeit, sich in einer Romanfigur wiederzuerkennen, sondern die Möglichkeit, eine solche Wiedererkennbarkeit zu bestreiten. Auf die Freiheit der Literatur kann sich ein Autor nur berufen, wenn auch dem Porträtierten eine Freiheit bleibt: nämlich die Freiheit, sich nicht gemeint zu fühlen.

Darum ist Billers Buch mehr Bild als Roman; es gibt nur eine türkische Trägerin des alternativen Nobelpreises, und sie hat auch nur eine Tochter, wie er sie schildert. Biller hätte, wenn es ihm um das Literarische gegangen wäre, diese Realitätspartikel, an denen nichts Gleichnishaftes hängt, getrost streichen können. Wir hoffen daher, dass er sich jetzt, da das Gericht den weiteren Verkauf des Buchs untersagt hat, nicht etwa dumm stellt und behauptet, niemanden gemeint zu haben. Denn das Meinen ist in seinem Text Programm; er verwahrt sich darin sogar ausdrücklich gegen die flehentliche Bitte der Tochter, er möge über sie nicht schreiben. Nun hat er es doch getan. Warum? Aus Bosheit, Rachsucht, nachgetragener Liebe?

Auch hier führt der Vergleich mit Bild weiter. Die Zeitung hegt natürlich, auch wenn es Kahn anders empfinden mag, keinen Hass gegen ihn; im Gegenteil, Bild liebt ihn, schon wegen des Spektakels, der sich aus seinem Herzschmerz keltern lässt. Davon hat Biller gelernt. Was ist die literarische Beschreibung von Trauer und Wut gegen die Vorführung echter Trauer und Wut? Auch so gesehen, ist sein Buch kein Roman, sondern nur der Prolog zu einer weiteren Geschichte, die abermals in der Wirklichkeit, und zwar jetzt vor den Gerichten und in den Medien spielen soll. Alles wird sich wieder um Maxim Biller drehen. Ein Mehr an narzisstischer Befriedigung lässt sich aus einer unglücklichen Liebesgeschichte beim besten Willen nicht ziehen.

 
  • Serie feuilleton-glosse
  • Quelle (c) DIE ZEIT 12/2003
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