AnpfiffDer Damit-kann-ich-leben-Mann

Fußballreporter Marcel Reif ist im Fernsehen fast nur noch als Stimme präsent. Jetzt bekommt der Künstler der indirekten Rede den Grimme-Preis von 

Das erste Aufeinandertreffen beginnt der Fußballreporter mit einem Pressschlag: Der höfliche Ober in der Zürcher Kronenhalle hat die Bestellung noch nicht aufgenommen, da erläutert Marcel Reif seinem Gegenüber, worum es, bitte schön, bei diesem Frage-und-Antwort-Spiel nicht gehen kann: "Sollten Sie von meinem Wohnort Zürich auf irgendwelche steuerlichen Unebenheiten schließen, erhalten Sie gleich Post von meinem Anwalt, und: Alles, was meinen Arbeitgeber betrifft, fragen Sie bitte die dortige Pressestelle. Ich bin nicht der Pressesprecher von Premiere."

In einer seiner gerühmten Reportagen hätte der Fußballreporter Reif diese Szene vermutlich so oder so ähnlich kommentiert: "Schon vor dem Anpfiff den Schiedsrichter ohne Not gegen sich aufzubringen hat auch den begabtesten Spielern in den seltensten Fällen genutzt." Normalerweise ist Reif ein Meister der indirekten Rede, umdribbelt aus seiner Sprecherkabine, aber auch im richtigen Leben die kritischen Aktionen, schlenzt die Worte lieber, statt einfach draufzuhalten. Und trifft dabei doch in aller Regel sein Ziel. So ist er am stärksten. Viele meinen, er sei dabei unerreicht. Nicht zuletzt für diesen Sprachstil erhält der Fußballreporter Marcel Reif in diesem Jahr den Adolph-Grimme-Preis. Allerdings hat er bei allen Wortstreicheleien die Fähigkeit behalten, sich bei Bedarf mit einem kraftvollen Befreiungsschlag Raum zu verschaffen. Auch sensible Charaktere müssen beizeiten mal die Ellenbogen ausfahren, um sich Respekt zu verschaffen. Am besten tun sie das zu Beginn eines Spiels. Das gilt im Leben wie auf dem Platz.

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Im Zentrum

Fragt man einen Mann, der, vor fast 54 Jahren im polnischen Waldenburg geboren, seine Kindheit in Warschau und Tel Aviv verbrachte, im israelischen Jaffa von belgischen Mönchen unterrichtet wurde, das Abitur in Heidelberg machte, später Politikwissenschaft, Amerikanistik und Publizistik studierte, vier Sprachen fließend spricht, für das ZDF als politischer Korrespondent in London arbeitete, bevor er das wurde, wofür er jetzt ausgezeichnet wird: Sportreporter, Spezialgebiet Fußball – fragt man also diesen Mann nach seinen Steuererklärungen oder nach dem Innenleben eines randständigen Fernsehsenders? Einen Mann, der es seit 1999 vorzieht, sich der großen Masse der Fernsehzuschauer als Fußballkommentator eines Pay-TV-Senders zu entziehen. Man tut dies selbst dann nicht, wenn der Mann mit Nachdruck behauptet, dass die Umstände seines Heranwachsens ihn und seinen bemerkenswerten Lebensweg gar nicht beeinflusst habe. Stattdessen verabredet man sich mit diesem Mann wohl besser an jenem Ort, der vermutlich ein Ausgangspunkt für jene Entwicklung war, die in wenigen Wochen mit der Verleihung des Grimme-Preises ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Die Jury wird den Preis Marcel Reif verleihen, dem es als Mann des Wortes auf wundersame Weise gelungen ist, zu einer zentralen Figur des Fernsehgewerbes zu werden, obwohl er – spätestens seit er für Premiere kommentiert – auf dem Bildschirm als Gesicht kaum noch präsent ist.

Dem Spiel fehlt ein Tor

Die Szene, die sich am 1. April 1998 in Madrid abspielte, ist inzwischen ein Klassiker geworden. Im Bernabeu-Stadion fällt, kurz vor dem Anpfiff der Champions-League-Begegnung Real Madrid gegen Borussia Dortmund, ein Tor um. Die Fans hatten an den Stangen, an welchen die Tornetze befestigt waren, derart ausdauernd gerüttelt, dass eines der Tore zusammenstürzte. Bis Ersatzgebälk gefunden und montiert war, verstrichen fast eineinhalb Stunden. In diesen genau 76 Minuten lieferte sich der damals noch in Diensten des Senders RTL stehende und an diesem Abend im Stadion sitzende Reporter Reif ein kongeniales Zwiegespräch mit dem im Studio moderierenden Kollegen Günther Jauch, gipfelnd in einem Ausspruch Reifs, der in die Annalen des Fußballs und des Sportjournalismus eingehen würde: "Noch nie hätte einem Spiel ein Tor so gut getan wie heute."

Als endlich ein Ersatztor gefunden und befestigt worden war, wurde an jenem Abend auch noch ein Fußballspiel angepfiffen – an dessen Verlauf und Ergebnis sich heute niemand mehr erinnert. Nach dem Spiel erhielt der Reporter Reif zwei Anrufe. Der erste Anrufer war Günther Jauch, der sich und seinem Partner prophezeite: "Dafür gibt es was!" Bald darauf gab es was: den Bayerischen Fernsehpreis für Jauch und Reif. Der zweite Anrufer war Chefredakteur Hans Mahr, der am nächsten Morgen verkündete, dass die Quote während des Spiels auf zwei Tore wesentlich geringer gewesen sei als während des Vorspiels zum fehlenden Tor.

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