function pop_babylon() { window.open("http://zeus.zeit.de/2003/13/abs_babylon.html","Wissen","width=500,height=415,location=no,resizable=no"); }[Abstract]

Wäre die Welt im Lot, befände sich Margarete van Ess auf dem Weg nach Bagdad. Von dort würde sie weiterfahren, nach Süden, den Euphrat immer in Sichtweite. Vom Städtchen Warka ginge es eine Stunde über eine staubige Lehmpiste querfeldein, bis sich ein 30 Meter hoher Berg jäh aus der brettflachen Ebene erhebt – die Reste einer Zikkurat, eines mesopotamischen Stufenturms, dessen verwitterte Oberfläche die ursprüngliche Form kaum erkennen lässt. In diesem Heiligtum wurde von den Sumerern die Liebes- und Kriegsgöttin Inanna-Ischtar verehrt. Die Kultstätte war das Herzstück von Uruk, Heimat des Königs Gilgamesch, von dessen Eskapaden und Heldentaten das gleichnamige Epos erzählt.

In diesen Tagen wollte van Ess, Chefin der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin, mit der Erforschung der einstigen Metropole vorankommen. Sie ist Grabungsleiterin in Uruk, dessen Ursprünge ins 4. Jahrtausend vor Christus zurückreichen. Doch van Ess bleibt, wie den anderen ausländischen Archäologen, die inzwischen alle das Land zwischen Euphrat und Tigris verlassen haben, nur die Hoffnung, "dass alles möglichst schnell vorbei ist".

Der Krieg der Amerikaner gegen Iraks Despoten gefährdet rund 10000 archäologische Stätten der Frühgeschichte. Auch einmaligen Bauwerken aus islamischer Zeit, darunter die bedeutendsten Heiligtümer der Schiiten in den Pilgerstädten Samara, Kerbela, Kufa und Al-Nadschaf, droht unter dem Bombenhagel die Zerstörung: farbenprächtige Moscheen mit vergoldeten Minaretten und leuchtenden Kuppeldächern. Im Falle eines Häuserkampfs um die Hauptstadt bangen Archäologen und Kunsthistoriker auch um die Kadhimain-Moschee in Bagdad mit den Grabschreinen zweier Imame. Den kulturellen Hinterlassenschaften aus fünf Jahrtausenden könnte die geografische Nähe zu potenziellen Angriffszielen zum Verhängnis werden.

Stoßtrupps in Abrahams Heimat

Wie zum Beispiel Babylon. Der erste Wolkenkratzer der Menschheit wuchs hier in den Himmel, ein unvollendeter Turm, der zum Symbol menschlicher Hybris wurde. In den achtziger Jahren ist dort der ehemalige Palast NebukadnezarsII. neu erstanden – auf Saddam Husseins Geheiß erbaut von mehr als tausend Gastarbeitern aus dem Sudan. In Sichtweite dieser Replik thront mächtig auf einem Hügel ein protziges Bauwerk, das in diesen Tagen einem Stein gewordenen Menetekel gleicht: einer der Präsidentenpaläste, in denen Waffenlager vermutet werden.

Als gefährdet gilt auch Ninive im Norden, in der Antike die Kapitale des assyrischen Weltreichs. Die Palastanlagen mit dem restaurierten Nergal-Tor liegen bei Mosul, der zweitgrößten Stadt des Iraks, und somit am Rand des Kurdengebiets, das mit hoher Wahrscheinlichkeit Schauplatz von Kämpfen wird. Im Süden, dem Durchmarschgebiet der Alliierten auf ihrem Weg von Kuwait nach Bagdad, erstreckt sich das Grabungsgelände von Ur, mehrmals Hauptstadt altorientalischer Reiche, bekannt als der Geburtsort des biblischen Stammvaters Abraham. Das weite Areal wird überragt von dem besterhaltenen Stufentempel (Zikkurat) des Landes.

Lange vor der Zeitenwende entstanden im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris befestigte Städte mit so gewaltigen Wehrmauern, dass auf ihrer Krone zwei Streitwagen nebeneinander fahren konnten. Das Rad soll hier erfunden worden sein, ebenso die Töpferscheibe und das Bier. Und, bereits vor 5000 Jahren, auch die Keilschrift. Unermüdlich haben die Völker MesopotamiensTontafeln mit ihren Botschaften versehen. Hunderttausende dieser Mitteilungen aus der Vergangenheit fanden seither den Weg in Museen und Archive. Der weitaus größte Teil dieses Schatzes jedoch liegt noch in der Erde.