Guten Tag, ich bin die Wetterfrau…" Das kleine Mädchen druckst ein wenig herum, bis Sébastien, der Kindergärtner, ihre Hand nimmt und hilft: "Heute ist … na?" Schließlich flüstert sie schnell: "Heute ist Mittwoch, der 29. Januar, und es ist wolkig." Dann drängelt sie sich wieder auf die kleine Bank zwischen die anderen Kinder. Alle klatschen.

Jeden Morgen übt Sébastien Rabinowicz mit seinen Dreijährigen Datum, Wetter und Jahreszeit. Ein Kind darf auf dem Kalender die Zahlen des Datums durchstreichen, ein anderes klebt das Wetterzeichen daneben. Heute hängt dort eine dicke Wolke. "Sie sollen lernen, dass es Zeit und Jahreszeiten gibt", erklärt der Kindergärtner und sagt dann: Drüben bei den Größeren könne man sehen, wie viel die Kleinen in zwei Jahren wissen werden.

Ganztägig betreut zum Nulltarif

Ein normaler Mittwoch in der École No. 10 in Brüssel. Schule Nr. 10 ist eigentlich ein Kindergarten, an den sich im selben Gebäude die Schule Nr. 9 für die Grundschulkinder anschließt. In Belgien ist das nicht ungewöhnlich. Anders als in Deutschland sind Kindergärten dort ein fester Teil des Schulsystems, und 95 Prozent aller belgischen Kinder im Kindergartenalter besuchen auch einen solchen. Was sich unter Bildungspolitikern und Eltern hierzulande erst langsam herumspricht und deutschen Erzieherinnen nun in Fortbildungen beigebracht werden soll, ist vielen Nachbarländern dabei seit langem bekannt: Die Jahre vor der offiziellen Einschulung sind zu wichtig, um sie allein mit Spielen, Basteln und Kuscheln zu verbringen.

In Belgien etwa gehört die École maternelle schon längst zum Alltag. Häufig ist sie einer normalen Schule angegliedert, wird fachlich beaufsichtigt und kann von Kindern ab zweieinhalb Jahren besucht werden – vorausgesetzt, sie brauchen keine Windeln mehr. Zur École No. 10 werden die Kinder ab acht Uhr von ihren Eltern gebracht und müssen spätestens abends um halb sieben wieder abgeholt werden. Kosten: null. Nur für das Mittagessen und die Betreuung am späten Nachmittag müssen die Eltern etwas bezahlen. Noch ist der Besuch für die Kleinen in Belgien keine Pflicht – was sich für die Fünfjährigen allerdings bald ändern könnte.

Spielerisch werden in diesen Vorschulen die ersten Lese- und Schreibfertigkeiten geübt. In der Gruppe der Fünfjährigen etwa fragt Marie Lopez wie an jedem Morgen: "Wer findet den Mittwoch?" Viele Kinder zeigen auf. Sie nickt einem kleinen Jungen zu, der packt das Schild und klebt es an die Wand. Ein anderer nimmt eines mit der Aufschrift "heute", und schließlich prangt der Satz an der Tafel: "Heute ist Mittwoch der 29. Januar 2003."

"Bald werden wir üben, den Tag zu schreiben", sagt Lopez und setzt einschränkend hinzu: "Sie können natürlich noch nicht wirklich schreiben. Aber sie üben, den Bleistift richtig zu führen. Das müssen sie ja in der Schule können." Da geht die Tür auf, und eine Krankenschwester kommt herein: Sie schaut einmal die Woche vorbei und prüft, ob die Kinder ihre psychomotorischen Fähigkeiten altersgemäß entwickeln. Lopez hat derweil ein paar Hefte aus einem Haufen herausgekramt. In dem einen: leere Blätter. "Bestimmt ein Junge", lächelt sie und zeigt ein anderes vor: Dort stehen unter einer bunten Zeichnung von Asterix und Obelix auch deren Namen geschrieben.

In angeleiteten Runden, die immer wieder von freiem Spiel unterbrochen werden, sollen die Kinder nicht nur Fingerfertigkeit, sondern auch Konzentration lernen. "Sie stehen unter keinem Leistungsdruck und müssen keine Ergebnisse vorlegen", sagt Lopez und setzt dann hinzu: "Aber sie wollen lernen. Schließlich haben sie ja die Großen als Vorbild." Durch den Kontakt mit den "richtigen" Schulkindern wird nicht nur der lange Schultag kurzweiliger. So erfolgt auch der Wechsel vom Kindergarten zur Schule ganz unbeschwert, und das Lernen wird normaler Teil des Alltags.