In der Morgendämmerung des 13. Februar 1991 warfen zwei amerikanische F-117-Tarnkappenbomber je eine 1000-Kilo-Bombe auf einen Bunker im Westteil Bagdads ab. Die Piloten glaubten, ihr Ziel sei ein Kommandozentrum Saddam Husseins. Eines der Geschosse beschädigte nur den Lüftungsschacht; das andere drang tief durch das Dach ein und explodierte innerhalb des Gebäudes. Mehr als dreihundert Menschen starben, ein Drittel davon Kinder – denn es handelte sich um einen Luftschutzbunker.

Kein anderer Zwischenfall im Krieg der Koalition kostete so viele Zivilisten das Leben wie der Angriff auf den Al-Amiriya-Bunker. Die US-Regierung beharrte darauf, es habe sich um einen unvermeidbaren Irrtum gehandelt; es gab weder eine Untersuchung noch eine Entschuldigung. Doch die Bilder der verkohlten Leichen schockierten eine Weltöffentlichkeit, die bis dahin wegen der äußerst restriktiven Pressepolitik des Pentagon von der keineswegs aseptischen Realität des Golfkriegs kaum etwas mitbekommen hatte.

Beim zweiten Krieg der USA gegen den Irak darf es keine Al-Amiriyas mehr geben: Zu viel steht auf dem Spiel. Denn dieses Mal wollen die Amerikaner Saddam Hussein nicht nur (wie damals) aus einem okkupierten Kuwait vertreiben, sondern aus seinem eigenen Land heraussezieren – und das unter den Augen von Journalisten und humanitären Helfern. Danach soll der Irak militärisch okkupiert und umfassend demokratisch kernsaniert werden, und zwar als – je nachdem – warnendes oder verlockendes Beispiel für die Nachbarschaft: You could be next.

Am besten wäre es – denken die Kriegsstrategen –, Saddam löste sich in Luft auf, seine Streitkräfte ergäben sich widerstandslos, und die Viertelmillion Truppen aus den USA und Großbritannien könnten das Land besetzen wie 1999 im Kosovo. Schon möglich, dass die ausgezehrten regulären Soldaten die Waffen strecken, so wie sie es auch 1991 scharenweise taten. Es wäre nicht nur zu ihrem Besten, denn sie werden noch als einheimische Besatzungspolizei gebraucht: "Gebt ihnen Kaffee und Zigaretten, klopft ihnen auf den knochigen Hintern, und schickt sie nach hinten!", schärfte daher Generalleutnant James T. Conway, Kommandeur von 85000 Marineinfanteristen in Kuwait, am Sonntag seinen Mannen ein.

Nur: Selbst wenn der Despot verschwände, seine Anhängerschaft und bis zu 70000 Mann seiner treuesten Truppen blieben zurück. Sie sind der fremden Streitmacht hoffnungslos unterlegen, aber es geht um ihr Überleben – und sie haben kein Serbien, in das sie sich zurückziehen könnten wie einst Milo∆eviƒs Milizen. Sie, fürchten die Planer, werden kämpfen bis zum Letzten. Und was, wenn Saddam Husseins Getreue zivile Geiseln nehmen? Oder Massenvernichtungswaffen benutzen? Mag General Conway noch so sehr auf Pazifisten "pissen" – vor solchen Komplikationen graut auch hartgesottenen Kommandosoldaten.

Folglich muss dieser Krieg schon in den ersten Tagen anders verlaufen als die US-geführten Operationen in den Jahrzehnten zuvor. Keine langsame Eskalation oder Abnutzung (Vietnam); keine Bomben ohne Bodentruppen (Kosovo); auch nicht Bomben oben und lokale Guerillatruppen unten, angeführt von einigen Hand voll Special Forces (Afghanistan); ganz bestimmt nicht ein wochenlanger Bombenkrieg, gefolgt von einer abgebrochenen Bodenoperation (Golfkrieg); und auf keinen Fall Zermürbungsbombardements, um die Zivilbevölkerung zu demoralisieren (Zweiter Weltkrieg). "Gulf War II" wird härter und schneller beginnen als je ein amerikanischer Krieg zuvor.

Tote wird es dabei geben, davor warnt jeden Tag ein anderer Pentagon-General. Aber damit die irakische Bevölkerung, die Medien, die Weltöffentlichkeit, die Minister von Tony Blair und vor allem die Bürger am heimischen Fernsehschirm nicht revoltieren, müssen es so wenige sein, wie es nur irgend geht. Wie viele es sein könnten, wagt niemand zu kalkulieren – Tausende? Hundert tausende? Es muss der perfekte Krieg sein, sagen die Militärplaner, und die Besorgnis in dieser Formulierung ist unüberhörbar. Denn wenn es für Truppenführer ein oberstes Axiom gibt, dann ist es das von Clausewitz, wonach im "Nebel des Krieges" immer alles anders kommt als auf dem Reißbrett ausgedacht.

3000 Abwürfe in 48 Stunden