Timo Schmoller* ist ein guter Schüler, vielleicht ein ausgezeichneter. Er ist eigentlich still, neigt aber ein wenig dazu, den Klassenclown zu spielen, wenn er sich profilieren will. Er ist fleißig, schafft rechtzeitig alle seine Hausaufgaben, obwohl er privaten Musikunterricht nach der Schule nimmt, zweimal die Woche zum Karate geht und wie alle Jungs in seinem Alter, zwölf, viel dummes Zeug macht, Game Boy und Computer spielt. Er geht auf ein Gymnasium. Die Beobachtungsstufe, das fünfte und sechste Schuljahr also, die als besonders schwierig gilt, schaffte er mühelos mit einem Notendurchschnitt von 1,3 bis 1,6. Im siebten Schuljahr kam er eines Tages weinend nach Hause. Mitschüler hatten ihn "Streber" genannt.

Seine Eltern glaubten, so etwas würde Timo mühelos wegstecken. Gut, er ist sensibel, aber das sind sie alle in diesem Alter. Und er ist kein ausgesprochenes Sensibelchen, das beim kleinsten Anlass zu heulen anfängt. Es müsste, das ahnten sie, mehr dahinter stecken, wenn er in Tränen ausbricht. Mühsam entlockten sie Timo, dass es nicht das erste Mal war, dass er als Streber beschimpft wurde. Und dieses Mal waren es nicht nur Klassenkameraden gewesen, sondern auch Jungs aus einer höheren Klasse. Timo schwante, dass etwas viel Schlimmeres sich anbahnte, als nur einmal im Zorn von einem Freund angepampt zu werden. Es dämmerte ihm, dass sich ein Stigma festsetzen würde. Trotzdem wollte er nicht, dass seine Eltern etwas unternähmen. Das wäre ihm peinlich gewesen. Er war sich sicher, dass ein Anruf beim Klassenlehrer alles noch schlimmer machen würde. Dieser würde die Sache im Unterricht zur Sprache bringen. Und dann würde es erst recht heißen: "Streber."

Die größte Sorge der Eltern war, dass die Leistungen ihres Sohns nachlassen würden. Sie waren aus den Vereinigten Staaten gekommen, als er in das zweite Schuljahr ging, und es war unübersehbar: An deutschen Schulen wird Leistung nicht anerkannt. An der amerikanischen Schule wird jeder Erfolg öffentlich gemacht. In Rundbriefen an die Eltern werden alle Schüler genannt, die besonders gut im Unterricht sind. Wer im Sport herausragt, wird mit Medaillen geehrt. Auch soziale Leistung wird belohnt, zum Beispiel beim readathon. Schüler erbitten bei diesem Lesemarathon von Erwachsenen in ihrer Nachbarschaft Zusagen für Spenden, die einem guten Zweck zukommen sollen. Die Spendenzusage wird gebunden an die Leistung des Schülers. Es funktioniert so: Mr Jones verspricht, einen Dollar – an das Rote Kreuz vielleicht – zu spenden, für jedes Buch, das der Schüler Schmoller in einem Schuljahr liest. Jones darf übrigens kontrollieren, ob die Bücher wirklich gelesen wurden. Die Schüler lernen so, dass Leistung etwas Tolles ist, etwas, das anerkannt wird. Denn natürlich gibt es auch in den USA den Strebervorwurf. Dort heißt er: nerd. Das bedeutet eigentlich Schwachkopf, würde ins Anglodeutsch der hiesigen Jugend mit "Freak" übersetzt – und wird genau wie "Streber" auf jene angewandt, die sich, aus der Sicht der Mitschüler uncool, zu sehr dem Lernen verschreiben.

Leistungsfeindliches Klima

Anfang vergangenen Jahres legten Soziologen der Technischen Universität Chemnitz die vorläufigen Ergebnisse einer Studie zum Thema Streber vor. Sie waren nicht sonderlich überraschend: "Gute Schüler fürchten den Strebervorwurf ihrer Mitschüler." Das ist klar, das Wort ist negativ belegt, und das war wohl schon immer so. Aber die Soziologen unter Leitung von Klaus Boehnke hatten gemutmaßt, dass sich das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler bei der Pisa-Studie auch aus der Angst erklären ließe, von den Mitschülern diffamiert zu werden. Und sie wollten nachweisen, dass anderswo – in Nordamerika, in Israel – gute Schulleistungen anerkannt, während sie hierzulande geradezu vermieden würden. Überraschend ist nur, dass sie allem Anschein nach die Einzige ist, die dem nahe liegenden Zusammenhang zwischen Leistungsstigmatisierung und Leistungsschwäche auf den Grund zu gehen versucht.

Es lässt sich ja wohl kaum von der Hand weisen: Das in Deutschland vorherrschende leistungsfeindliche Klima wirkt sich lähmend auf die Schule aus. Die Misere nimmt ihren Lauf meist schon früh, vor der Einschulung. Obwohl niemand mehr bestreitet, dass Kinder im Alter von fünf, sechs Jahren die meiste Freude am – spielerischen! – Lernen haben, heißt es gerade unter gebildeten Eltern: Ich werde mein Kind doch nicht jetzt schon dem Stress aussetzen; es kommt schon noch früh genug in die Schule – die schon deshalb schlecht ist, weil sie etwas fordert. Es entspricht der verbreiteten negativen Grundeinstellung: Jetzt fängt der Ernst des Lebens an. Und führt unter anderem dazu, dass in Deutschland ein 14-Jähriger normalerweise die achte Klasse besucht, während ein 14-Jähriger in den USA schon in der neunten sitzt.

Der Soziologe Klaus Boehnke, ein Grüner, der seine älteren Kinder mit ebendieser Haltung erst spät einschulen ließ, sein jüngstes nun möglichst früh zur Schule gehen lassen will, ist mittlerweile an die private International University Bremen berufen worden. Sein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt hat er gewissermaßen mitgenommen. Der ehemalige Leistungsverweigerer sähe es heute gern, wenn ein altes deutsches Sprichwort umgewandelt würde. Es sollte nicht mehr heißen: "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", sondern: "Arbeit ist Vergnügen."

Seine Streber- Studie ist inzwischen abgeschlossen, aber noch nicht publiziert. Rund 600 Schüler wurden befragt, in Chemnitz, im kanadischen Calgary und im israelischen Haifa. Kanada kam bei Pisa nach Finnland und Korea auf Platz drei, Israel hat nicht teilgenommen. Bei einem anderen Vergleich, der Third International Mathematics and Science Study (Timss), lagen die Schüler in Deutschland, Israel und Kanada ungefähr gleich – Mittelmaß. Warum nur Mittelmaß? Das war die Frage, die die DFG interessierte. Boehnkes Anfangsverdacht, die Angst vor dem Strebervorwurf sei in Deutschland größer als anderswo, wurde nicht bestätigt. Schüler in Kanada und Israel fürchten sich genauso, so abgestempelt zu werden. Aber Boehnkes These wurde dennoch bestätigt: In Deutschland besteht ein Zusammenhang zwischen Strebervorwurf und Schulnoten. Je besser ein Schüler bei uns ist, desto mehr Angst hat er, Streber genannt zu werden. In Kanada haben die Schüler auch Angst, nerds zu sein, aber die guten ebenso wie die schlechten.