Symbiose God’s Oil Country

Eine kleine Frühgeschichte der amerikanischen Ölindustrie

Wie viel Öl braucht Amerika? 353 Millionen Tonnen haben die USA im Jahre 2001 selber gefördert; nur Saudi-Arabien produziert derzeit mehr. Und dennoch reicht diese Menge nicht aus, um den Durst zu stillen. Denn die USA benötigen pro Jahr 895 Millionen Tonnen – damit steht das Land weit vor allen anderen Nationen an der Spitze der Verbrauchsstatistik (zum Vergleich: Deutschland liegt mit 131 Millionen Tonnen auf Platz vier). Also muss Amerika Öl importieren, auch aus den Golf-Opec-Staaten, auch aus dem Irak. Und eine Wendung in der Energiepolitik, hin zu einem sparsameren Umgang mit dem schwarzen Stoff, ist nicht in Sicht. Amerika und das Öl bilden seit fast 150 Jahren eine Symbiose, und ein Blick zurück macht deutlich, warum dies so ist.

Begonnen hat alles am 27. August 1859 in einem verarmten Städtchen namens Titusville in Pennsylvania. Hier war 1857 plötzlich Öl – so genanntes Steinöl – aus dem Boden gesickert. Die Nachricht hatte Edwin L. Drake angelockt, einen ehemaligen Eisenbahnschaffner, der sich, finanziert von dem Bankier und Mitinvestor der Pennsylvania Rock Oil Company James Townsend, auf die Suche nach verborgenen Quellen machte. Zwei Jahre lang durchforschte Drake vergeblich den Untergrund, dann endlich hatte er Glück: An jenem 27. August, es war ein Samstagnachmittag, sank der Bohrer in einer Tiefe von 21 Metern in einen Spalt und rutschte anschließend rund 15 Zentimeter nach. Zwar glaubte man zunächst an einen weiteren Fehlversuch und ließ die Arbeit übers Wochenende liegen. Doch tags darauf ging der Vorarbeiter noch einmal zum Bohrloch und erspähte eine schwarze, klebrige Masse, die aus der Erde drang. Sofort begann er, die Flüssigkeit abzupumpen, und als Drake am Montag zum Bohrturm kam, fand er bereits mit Öl gefüllte Fässer und Waschschüsseln vor. Was folgte, war der Ölrausch.

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Der Rausch erfasst auch den Kongress

Titusville wurde 1860 für das Öl, was Kalifornien 1848 und Alaska 1896 für das Gold waren. 15 Monate nach dem ersten Erfolg gab es bereits 75 Löcher. Das Städtchen, notierte ein Beobachter, „ist zum Treffpunkt spekulationssüchtiger Fremder geworden. Sie treiben Tauschhandel mit Bohrrechten und Aktien; kaufen und verkaufen Gelände, berichten über die Tiefe, die Ertragschancen und die Ausbeute der Bohrlöcher etc. etc. … Kein Bienenstock zur Zeit des Ausschwärmens könnte in größerem Aufruhr sein oder lauter summen.“

Der Bienenstock summte und brummte noch lauter, als im April 1861 Bohrarbeiter zum ersten Mal auf eine Springquelle stießen, deren Ertrag mit einer Durchsatzrate von 1000 Barrel pro Tag (1 Barrel = 159 Liter) bei weitem höher war als der aller bisherigen Bohrlöcher. Und trotz des beginnenden Bürgerkrieges ging der Ölboom zunächst weiter: Die Produktion in Westpennsylvania steigerte sich von rund 450000 Barrel im Jahr 1860 auf drei Millionen im Jahr 1862. Die Preisschwankungen waren enorm: Kostete ein Barrel im Januar 1861 10 Dollar, fiel der Preis bis zum Ende des Jahres auf 10 Cent, was den Ruin vieler Produzenten bewirkte. Ende 1862 stiegen die Preise jedoch wieder an, auf vier Dollar pro Barrel.

Der Ölrausch erfasste die gesamte amerikanische Ostküste, wo Hunderte neuer Firmen aus dem Boden schossen. James Garfield, 1881 für wenige Monate Präsident der USA und damals noch Abgeordneter des Repräsentantenhauses, hatte wie viele andere beträchtliche Summen investiert und vertraute einem Makler an: „Sie müssen wissen, das Fieber hat auch den Kongress in ziemlich heftiger Form gepackt.“

Die Transportbedingungen für Öl verbesserten sich zusehends: Hölzerne Rohrleitungen – so genannte Pipelines – ersetzten die Fuhrgespanne. Auch waren Raffinerien zur Weiterverarbeitung des Rohöls errichtet worden. Ein regelrechtes Vermarktungssystem hatte sich etabliert, dem heutigen ähnlich, mit langfristigen Verträgen, Spot-Märkten und Termingeschäften.

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