Lyrik Klartext aus Delphi

Inger Christensen ist eine der größten Dichterinnen unserer Zeit

Dem Apollo, Licht- und Weissagungsgott der Griechen, war in Delphi das Heiligtum eingerichtet, hier saß die Pythia, seine Hohepriesterin, auf einem Dreifuß und formulierte, eingehüllt in Räucherwerk-Schwaden, Klartext – Klartext allerdings, der auf den Befrager des Orakels zurückgespiegelt wurde, mit dessen Bedeutungsspektrum er selber zurechtkommen musste: Das ist Dichtung. Delphi – ein Kommunikationsort! Genau diesen Umstand – Dichtung, verabreicht als spirituelle Dienstleistung, die den Leser mitbefragt – hat um 1800 Novalis, der naturwissenschaftlich gebildete Frühromantiker, erkannt, als er feststellte: „Sprache ist Delphi.“

Was schätzen und lieben wir an den Büchern der Inger Christensen, die eine genaue Novalis-Leserin ist? Am alphabet vielleicht das unter Kontrolle gehaltene Wuchern der Weltdinge und Gemütszustände, dessen berühmt gewordene Aufzählungsformel „es gibt“ in das bereits in Erscheinung tritt. Im gar nicht so romantischen Schmetterlingstal könnte es die melancholische Feier von farbstarkem, bewegtem Leben sein, die geheimnisvolle Sprach-Verpuppung und die Hoffnung auf schillernde Wiederkehr, das kraftvolle Sich-gegen-den-Tod-Stemmen, wenn dieser seine gewohnt-feinen Herzstiche absendet.

Die Gedichtbücher (deutsch 1990 und 1995 – alle bei Kleinheinrich) haben sie hierzulande berühmt und beliebt gemacht wie kaum einen anderen Dichter fremdsprachiger Zunge. Und wenn sie von einer nicht geringen Zahl junger Lyriker verehrt wird, liegt dies vielleicht daran, dass sie uns unnachgiebig auf das Nichtfestgesetzte verpflichtet. Dass sie auf poetisches „Blendwerk“ verzichtet. Dass sie es schafft, schnörkellos „von einer Welt zu erzählen“. Dass dieses irisierende Ornament aus Leben, Sprache und Tod für sie kein Verbrechen ist. Im Gegenteil: Inger Christensen fasst Dichtung auf als flirrendes Vielmehr und gesteuerten Molekülesturm.

Wir schätzen und lieben sie, weil sie eine einfühlsame, zuzeiten ekstatische Beobachterin ist, die leicht übersehbaren Details Aufmerksamkeit zu verschaffen weiß, indem sie ihnen die Rolle von Schlüssel-Metaphern zuweist und sie als Refrain-Partikel an unerwarteten Plätzen einsetzt. Ein derartig trotzig wiederkehrender Kernsatz in det funktioniert – auch – als Naturbild: „Im mai werden die fliederbüsche wieder blühen, sie werden“; ein anderer Trotz-Refrain ist das Credo der Liebenden, der poetischen Wahrnehmungs-Forscherin: „Meine leidenschaft: weiterzugehen.“ Wir verstehen. Weiterzugehen, als das Gros derer, die da Gedichte schrieben und schreiben.

Erstmals auf Deutsch liegt nun das Großformat det vor, 35 Jahre nachdem es geschrieben wurde. Wir haben es also mit einem Literatur-Denkmal aus den Sechzigern zu tun. Bröckelt es? Überhaupt nicht. Das stellt sich mühelos in die Tausende Jahre alte Tradition der Kosmogonien-Dichtung; ein ebenso in sich ruhender wie beweglicher poetischer Kosmos. Das ist flirrend-flanierende Sprach-Philosophie, bietet außergewöhnliche Liebeslyrik und auch mal pazifistische Attacken (Vietnamkrieg!). Vor allem fächert es sich auf und ist konstruiert als Schöpfungsbericht, der unaufdringlich-unverquält Fühlung aufnimmt mit Werken der antiken Weltliteratur von Hesiod und Vergil. Wobei es, heute gelesen (nach der lyrischen Antikenrezeption der neunziger Jahre), weniger verwundern mag, dass Inger Christensen die alttestamentliche Genesis aufruft, und dem Wort-Anfang des Johannes-Evangeliums Echoraum verschafft.

In der experimentellen Dichtung der sechziger Jahre – zu der das Werk zu rechnen wäre und über die es entscheidende Schritte hinaustut – war der schöpferische Retroblick auf antike Traditionen, und dann gar der Rückgriff auf Formen und Motive des Buches der Bücher, keine Selbstverständlichkeit. Christensen, die Mathe-Spezialistin unter den Gegenwartsdichtern, erweitert die biblische Siebenzahl der Schöpfungstage allerdings um einen achten, umspielt dabei auch die Zahlenordnung, mit der Dantes Göttliche Komödie arbeitet.

Keine Sorge! Bei aller durch Sprach- und Zahlensystem gestützten Komplexität geschieht Wunderliches, ja Wunderbares – das zweisprachige, vom Christensen-Übersetzer Hanns Grössel stark übertragene 460-Seiten-Buch ist leicht zu lesen. Die Übersetzung zieht nur hier und da den gewählteren Ausdruck vor, wo das dänische Original den Schwebezustand zwischen high und low hat.

Man lernt bei der Dänin immer etwas dazu, über diesen zarten und gewalttätigen Widerborst, der sich Sprache nennt, der uns mitspielt bis zur Tyrannei und ohne den die Menschheit nicht wäre – was so pathetisch gesagt werden darf, aus zweierlei Gründen. Erstens: Nicht das geringste Verdienst liegt im Verzicht auf aufgeblasene Monumentalität und seifiges Pathos. Mit denen wird in Deutschland Lyrik gerne verwechselt. Zweitens: Ihre Klage ist nie Jammer und ihre Liebeserklärung nie Soap. Die Daseinsfreude nimmt man der Autorin ab, wie man auch nie auf den Gedanken käme, die Desillusionierung für aufgesetzt zu halten, die bei der Dreißigjährigen schon ausgeprägt ist.

Vor der fatalen Mischung aus Naivität und Didaktik, Konzeptlosigkeit und Selbstüberschätzung, mit der schon manches Werk vor die Wand gefahren worden ist, schützt sich Christensen, indem sie früh als kardinale Voraussetzung ihrer Dichtung anerkannt hat: dichterische Sprache ist Wahrnehmungsinstrument. In ihrem labyrinthisch angelegten Opus magnum bewegt sich ihr Leser anstrengungslos, beherzigt er dies: „Ich spreche von den zwischenformen der mitteilung / den zwischenstadien des gedankens / spreche von den zwischenkulturen des gefühls / Warum sollte das nicht die einzige Welt sein“.

Det, aufgeteilt in Prologos, den seinerseits in drei Hauptkapitel ausgespaltenen Logos-Mittelteil, dem abschließend der Epilogos folgt, beginnt und wird großenteils durchgeführt als durchaus erdverbundene Alltagsrede. Die Demiurgin legt den Hauptschalter um, der Weltschöpfungsbericht kommt in die Gänge. In bedächtig kurzen, dann schnell Fahrt gewinnenden, länger werdenden Sätzen. Entschiedenheit und Unterscheidungsfähigkeit sind vom ersten Wort-Moment an da, so auch Verdichtung der Sprachmaterie, und ohne Brimborium werden die Hauptthemen entwickelt. Das Gedicht entspringt, fließt und endet als elementarer Erzähl-Strom, eine poetische Strömungs- und Elementenlehre, die fein dosiert mit Metaphern spielt, die oft aus den Naturwissenschaften stammen (Geologie oder Chemie) – Antidot gegen klassizistische Gefühligkeit.

Schlagend einfach scheinen ihre poetologischen Erkenntnisse, eine abgespeckte, fast banale Poetik, der man auf das Knochengerüst ihres Schreibens zu blicken vermag: „Wie die ersten Menschen sprachen, so sprechen auch wir, und dieses Sprechen kann, ohne dass wir merken, wie es geschieht, umschlagen und rhythmisch werden, kann Gesang oder Gedicht werden…“ Überprüfbar in ihrem Essay Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod (Hanser 1999), das eine fantastische Blake-Durchdringung enthält.

Ein weiterer Vorzug: Christensen polstert nie ihre Bücher mit großmäuligen Zitaten auf, die, zumeist von kleineren Kirchenlichtern, dem Leser oft genug in den Weg bugsiert werden. Feilgeboten werden von der Kopenhagenerin keine angefaulten Lesefrüchte; Zierobst zieht sie nicht. Sie verfolgt in das eine subtile Zitat-und-Motto-Strategie. An keiner Stelle zufällig wirkende Präparate aus der älteren und neueren Literatur werden bei Unterzyklen jeweils den – immer auch einzeln funktionierenden – Gedichtpassagen vorangestellt, um ihrerseits als programmatische Türöffner dem Gesamt-Werk ihren Dienst zu erweisen. Jeweils in den Originalsprachen aufscheinenden Motti sind wiederzu-entdecken – englische Romantik (William Blake) und französische Literatur (Lautréamont und de Sade). Ein Leseprogramm, das grenzübergreifend von der Nachkriegsmoderne verschlungen wurde und auf deutschsprachiger Seite nachprüfbar ist in der zeitgleich zu det entstandenen verbesserung von mitteleuropa von Oswald Wiener. Ungleich wirkungsmächtiger als alle Exponate der deutschen Nachkriegsavantgarde war det jedoch für Dänemark – ein sensationeller Publikumserfolg.

Für die beiden Deutschlands: Fehlanzeige. Und Fehlanzeige für Österreich. Das mag daran gelegen haben, dass die von zynisch-witzelnden Gesten nicht freie Autoren-Mannschaft der Wiener Gruppe sich nie an der großen Gedicht-Form versucht hat. Nur aus der sprachphilosophisch beschlagenen Szene wäre ein Werk zu erwarten gewesen, das sich an die Seite von das hätte stellen können. Es bestand einfach kein Interesse für das lyrische Großformat, sieht man von einigen Arbeiten Konrad Bayers ab, der aber im Alter von 31 schon starb; mit seinem mathemathisch konstruierten der vogel singt aus den frühen Sechzigern, immerhin ein Liliput-Versuch zum langen Gedicht, das nicht schwafelt, hätte er immerhin als der kleine Bruder der großen dänischen Schwester durchgehen können.

Interesse fehlt. Und das Können. So bleibt das ein funkelnder Solitär, begonnen 1967 in Kopenhagen, nach längerer Pause in Rom zwei Jahre später beendet. Ein all-chemisches Gedicht. Eines das „schillert, changiert, wirbelt“. Ein Gedicht – Sprache ist Delphi –, das per Zufalls-Steuerung zur Welt-Anschauung gelangt ist. Etwa zu diesem Schluss: „Drehung um drehung bekommt eine andere drehung.“

Inger Christensen: det/das

Gedichte; aus dem Dänischen von Hanns Grössel; Kleinheinrich, Münster 2002; 463 S., 45,- Euro

Thomas Kling, geboren 1957, veröffentlichte zuletzt den Gedichtband „Sondagen“ (DuMont)

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 13/2003
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