Erinnerung Die kurze Zeit in der Sonne

Paula Fox hat ein schönes Buch über eine traurige Jugend geschrieben

Wir werden unsere Eltern nie los“, sagte in den siebziger Jahren, als sie alle ihre Eltern loswerden wollten, ein Freund zu mir. Die Schriftstellerin Paula Fox könnte das noch vertiefen: Wir werden unsere Eltern nicht los, auch wenn sie uns loswerden wollen. Das Leben von Paula Fox beginnt so: „Ein paar Tage nach meiner Geburt war ich in einem Findelhaus in Manhattan abgegeben und zurückgelassen worden, von meinem widerstrebenden Vater und von Elsie, meiner Mutter, die voller Panik und nicht zu bändigen gewesen war in ihrer Hast, mich loszuwerden.“

Später, als Paula Fox schon erwachsen ist, erzählt ihr der Vater, dass ihre Mutter ihm einmal ein Ultimatum gestellt habe: „Entweder sie geht, oder ich gehe.“ Solche Sätze können ein Kind umbringen, aber das Kind Paula hat solche Sätze gar nicht gebraucht. Es gibt ziemlich früh in diesem Leben einen Augenblick, in dem das Mädchen das Gefühl hat, dass die Mutter sie umbringen würde, wenn die Tat sich verheimlichen ließe.

Paula bleibt nicht im Findelhaus. Sie kommt zu einem Pfarrer, den sie Onkel Elwood nennt und bei dem sie gut aufgehoben ist, lebt bei Verwandten, und immer wieder tauchen ihre Eltern auf. Die Stationen sind auch die Überschriften der Kapitel: Hollywood, Long Island, Kuba, Florida und so weiter. Die Lebensumstände ihrer Eltern seien immer „zeitweilig“ gewesen, bemerkt sie einmal.

Ihr Vater war Drehbuchautor, und ihre Mutter war Schauspielerin, aber anscheinend hauptsächlich damit beschäftigt, eine Frau zu sein. Und ihre Tochter zu zerstören. Der Vater war ein mehr oder weniger exzessiver Alkoholiker, der kein Schläger war, kein Berserker, kein Macho. Ein Mann, den man mögen konnte. Ein Mann, der unter anderen Umständen eine Freude für sein Kind gewesen wäre. Er gewinnt die Zuneigung des Kindes, aber die Tochter hat Angst, und jetzt, als alte Frau, schreibt sie auf, was sie schon lange gewusst hat und was die Kinder solcher Männer nie wieder loslässt: „Den einen Teil der Zeit war er ein Verbündeter, den anderen ein Verräter. Ich hatte keine Angst vor ihm, nur davor, was er tun könnte.“

Einmal ziehen Tochter und Vater – zusammen mit einer Freundin des Vaters – nach Peterborough, New Hampshire, wo auch Thornton Wilder eine Zeit lang gewohnt hat. Es gibt, während eines Orkans, eine Szene, die komisch wäre, wenn man darüber lachen könnte: Der Vater kommt eines Nachts nicht nach Hause, seine Freundin sucht den ganzen Ort ab und findet ihn schlafend auf einer Bank, die von einem angeschwollenen Bach mitgerissen und neben einer Bar angespült worden ist.

Der Direktor ihrer Schule empfiehlt ihr, die Schule zu verlassen: „Wie ihr seid, das ist zu fortschrittlich für uns.“ Das geht nicht in der vierziger Jahren – Alkoholiker sein und mit einer Frau zusammenleben, mit der man nicht verheiratet ist, und das noch ausgerechnet in Peterborough, New Hampshire, wo noch in den achtziger Jahren ein Mann kein rosafarbenes Hemd anhaben konnte, ohne zum Stadtgespräch zu werden, obwohl Thornton Wilder … aber das ist heute nicht das Thema.

Paula Fox hat einen Roman geschrieben, der auf seine Art fast vollkommen ist – Desperate Characters (dt. Was am Ende bleibt). Es stört mich nicht, dass das Buch von einer allwissenden Autorin erzählt wird. Und so viel weiß sie gar nicht. So oft greift sie gar nicht ein. Der Roman ist knapp, präzise und elegant. Fast kein Wort zu viel und fast keines zu wenig. Ich wäre nicht überrascht, wenn ich erfahren würde, dass Louis Begley die Bücher von Paula Fox gelesen hat, bevor er anfing zu schreiben.

Diese Erinnerungen jetzt, In fremden Kleidern, habe große Stellen, die ich zwei- oder dreimal gelesen habe, weil sie die Fremdheit von Kindern in der Welt ganz genau fassen, die Fremdheit, die wahrscheinlich alle Kinder kennen, weil wir wahrscheinlich alle, bevor wir sieben werden, manchmal voller Entsetzen und Angst von dem Verdacht überkommen werden, wir seien unerwünscht, seien ausgesetzt worden und auf irgendeine sinistre Art an unsere Eltern – zwei Fremde – geraten und es gebe keinen Grund, warum wir jetzt nicht noch einmal ausgesetzt werden sollten.

Aber oft stehen in diesem Buch nur Sachen, die Paula Fox anscheinend gerade mal so eingefallen sind, Erinnerungsschnipsel, die für den Schreibenden wichtig sein mögen, aber nicht für den Leser: „Als ich ein paar Jahre älter war, erzählte mir mein Vater, sein Vater habe eine deutsche Universität besucht und das Examen in Philosophie gemacht. Die meisten der anderen Studenten hätten Schmisse in ihren Gesichtern gehabt von den Duellen, die sie ausgefochten hatten.“ Das ist alles. Und das ist zu wenig. Es gehört irgendwo anders hin. Und leider gehören in den Erinnerungen eine ganze Reihe von Dingen irgendwo anders hin. Manchmal, auch in den Romanen, macht sie Sachen, für die man wahrscheinlich in Schreibkursen ein ermutigendes Lächeln erntet: „Ihre Augenbrauen waren wie schwarze Raupen, die auf ihrer Stirn zum Stillstand gekommen waren.“ Aber sie macht das nicht zu oft. Es spielt kaum eine Rolle. Paula Fox weiß fast immer, was sie als Schriftstellerin tut und dass Stil auch bedeutet, bestimmte Dinge nicht zu machen.

Ein paar Monate, bevor ihre Mutter stirbt, fährt sie widerstrebend noch einmal zu der Zweiundneunzigjährigen. Im Haus hört sie „das Atemgeräusch eines Minotaurus“, das natürlich nur das Sauerstoffgerät ihrer Mutter ist. Sie kann sich – ein letzter großer Ekel – nicht überwinden, die Toilette zu benutzen, auf der vielleicht ihre Mutter schon gesessen hat, und hockt sich lieber unter einen Baum. Als die Mutter stirbt, tröstet Paula am Telefon die Pflegerin, als sei deren Mutter gestorben. Und sie, die als Kind einmal fortlaufen wollte, und sich dann gefragt hat: „Aber wohin und wozu? Meine Eltern füllten die Welt aus“, sie notiert jetzt: „Mir war das letzte Privileg einer Tochter versagt; ich konnte meine Mutter nicht betrauern.“ Das ist ein großer, kalter Abgang.

Wenn Sie die anderen Bücher von Paula Fox kennen, werden Ihnen einige Dinge in den Erinnerungen vertraut – oder halb vertraut – vorkommen. Und wenn Sie glauben, Sie hätten jetzt sozusagen den Klartext, täuschen Sie sich vielleicht. Für Schriftsteller ist das, was sie schreiben, genauso wirklich wie die so genannte Wirklichkeit. Es ist ein Teil ihres Lebens. Und wenn sie Glück haben, ist es auch ein Teil des Lebens einiger ihrer Leser. Die Dinge verändern sich, wenn wir darüber schreiben, und eine Geschichte verändert sich, wenn wir sie noch einmal erzählen. Aber das ist dann die Wirklichkeit: Das, was jetzt erzählt wird. Alle lächelten immer nachsichtig, wenn Raymond Carver wieder einmal konstatierte: „I don’t write autobiography.“ Sie dachten, sie wüssten es besser. Aber Carver hatte Recht. Das Werk ist der Klartext. Wir sitzen nicht wegen nichts an unseren Schreibtischen und tun, was wir tun.

Kurz eine Bemerkung zur Werbung, die für das Buch gemacht wird. Der Verlag teilt uns mit, dass Paula Fox als Kind und Jugendliche in Berührung gekommen sei mit „Berühmtheiten“ wie F. Scott Fitzgerald, Orson Welles, James Cagney, John Wayne, Stella Adler und anderen. „In Berührung“ ist fast schon ein zu starker Ausdruck dafür – wir erfahren nichts, fast nichts über diese Leute. Sie fährt als Zehnjährige im Aufzug mit Buster Keaton, der Probleme mit ihrer Augenfarbe hat. Ihr Vater ist vor ihrer Geburt einmal von H. L. Mencken zum Essen eingeladen worden und hält Fitzgerald für einen unbedeutenden Dichter. Sie steht dabei, wie ihr Vater James Cagney begrüßt, und, ja, sie tanzt einmal eine Stunde lang mit dem jungen John Wayne, der „alles Mexikanische“ mochte: Essen, Ambiente, Frauen. Das hatte ich schon vermutet. Aber für die Werbung kann Paula Fox nichts. Sie kann allerdings etwas dafür, dass diese Seiten so dröge sind, andererseits … wer würde das nicht irgendwo unterbringen, wenn er einmal Orson Welles (jung und schlank, düster und provozierend lächelnd) ein Buch überbracht hätte? Außerdem heißt das: Man gehört dazu, man ist nicht ganz verloren.

Asche im Kamin, Geschirr im Spülbecken

Man ist eine kurze Zeit in der Sonne. Und diese Autorin kann so gut wie kaum jemand sonst beschreiben, wie das ist, wenn die Sonne weggeht. In Was am Ende bleibt schreibt sie in einem ihrer einfachen, genauen Sätze: „Jetzt erinnerte es an die zähflüssige Unterhaltung unter Gästen zu später Stunde, wenn nichts mehr zu sagen ist, nichts als Asche im Kamin, Geschirr im Spülbecken, ein Frösteln im Zimmer, eine Rückkehr zur normalen Entfremdung.“

Wenn man ein verlorenes Kind ist und älter wird und Sex ins Spiel kommt und die Zukunft, dann sieht das manchmal so nackt und leer und verlassen aus wie bei Paula Fox: „Ich ging eine kurze katastrophale Ehe mit einem Schauspieler ein, den ich im International House kennengelernt hatte (…) Er war fast doppelt so alt wie ich. Er sagte, wir sollten besser heiraten, und ich konnte mir keine Alternative dazu vorstellen, obwohl ich ihn nicht besonders mochte.“ Kurz bevor sie einundzwanzig wird, bekommt sie eine Tochter, und weil wir nicht nur unsere Eltern nicht loswerden, sondern oft auch ihre Lebensmuster wiederholen, passiert, was vielleicht passieren musste – sie gibt das Mädchen zur Adoption frei. Als sie die Adoption wieder rückgängig machen will, ist es zu spät. Jahre später findet die Tochter sie. Die letzten Seiten des Buchs handeln von diesem Treffen. Sie habe mit ihrer Tochter eine bestimmte Art von Freiheit gefunden, sagt sie: ohne Angst zu einer Frau aus ihrer Familie sprechen zu können. Als ob es da je eine Familie gegeben hätte.

Und ist das jetzt eine Familie? Paula Fox schreibt, vor diesem ersten Treffen hätten sie sich drei Monate lang jeden Tag geschrieben und erzählt und erzählt. Nie miteinander telefoniert. Nur sehr kluge Leute tun das. Und Leute, die alles zu verlieren haben. Dann, als sie sich in San Francisco trafen, verbrachten sie die meiste Zeit im Hotel, wie ein Liebespaar, und schoben sich Zettel unter den Türen durch. Ja, ich glaube, das ist jetzt eine Familie. Wenigstens fingen früher – als man Analphabeten noch daran erkannte, dass sie nicht lesen und schreiben können – einige Familien so an. Mit Briefen und Zetteln und diesem ganzen Zeugs.

Paula Fox: In fremden Kleidern

Geschichte einer Jugend; aus dem Englischen von Susanne Röckel; C. H. Beck, München 2003; 288 S., 19,90 Euro

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 13/2003
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