RomanKeilschrift und Postmoderne

Der iranische Autor Abdolah Kader und sein meisterliches, opulentes Werk

Ist das eigentlich ein bezauberndes oder ein grausames Buch? Handelt es sich bei der Geheimen Schrift um eine politische Chronik, ein literarisches Vexierspiel, um ein uraltes iranisches Märchen oder einen postmodernen holländischen Roman? Abdolah Kader, 1952 im Iran geboren und vor 15 Jahren in die Niederlande geflüchtet, hat ein meisterliches Werk geschrieben, das mit leichter Hand viele Fäden verwebt, Genres aufbietet, Tonlagen erprobt. Von einem Absatz zum anderen wechselt der Autor aus der Gegenwart in die Vorvergangenheit, aus Amsterdam in ein Dorf im persischen Hochland, erzählt statt von den Irritationen heimatloser Intellektueller von der Lebenserfahrung bedächtiger Provinzler. Zwei Welten, die einander ferner nicht sein könnten, und doch zeigt Abdolah Kader, dass sie nicht nur zugleich existieren, sondern auf gelegentlich paradoxe Weise auch miteinander zu tun haben. In seinem 1999 auf Deutsch erschienenen Roman Die Reise der leeren Flaschen hatte er das in eine unvergessliche Szene gebannt. Ein Flüchtling, der seit Jahren in Holland lebt, wird da von seiner verschleierten Mutter aus Persien besucht, die sich vor der alltäglichen Freizügigkeit, deren sie ansichtig wird, ins Gebet flüchten möchte; doch einzig der überdrehte Nachbar, der seine Homosexualität demonstrativ zu betonen pflegt, nimmt ihre Not wahr und hilft ihr herauszufinden, in welcher Richtung Mekka liegt.

Die geheime Schrift – von deren Geheimnis der Untertitel Die Notizen des Agha Akbar nicht viel verrät – hat als Protagonisten einen geradezu archaischen Charakter, spielt über weite Strecken in einer Jahrhunderte fernen Region und ist doch Erzählprosa auf der Höhe unserer Zeit. Senedjan am Fuß des Safrangebirges, das den Iran von der einstigen Sowjetunion trennt, ist keine schöne Stadt und „hat auch keine nennenswerte Geschichte“, ist aber weltberühmt für eine Höhle und einen Brunnen. Im hintersten Winkel der Höhle befindet sich eine Wand, in die vor 3000 Jahren eine Keilschrift gemeißelt wurde, die von den Archäologen bis heute nicht entziffert werden konnte. Beim Eingang der Höhle aber befindet sich ein Brunnen, in dem der Legende nach der Mahdi wartet, bis Allah ihn ruft; der Mahdi, der zwölfte Nachfolger des Propheten Mohammed, hatte einst vor den Arabern fliehen müssen und wird von den iranischen Schiiten als ihr höchster Heiliger verehrt. Am Fuße dieses Berges wird irgendwann im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein taubstummes Kind geboren, das keine Schule besucht und sich vor der Wand in der Höhle seine eigene, der Keilschrift abgeschaute Privatschrift erfindet. Später wird Agha Akbar Teppichknüpfer, „ein taubstummer, analphabetischer Dichter“, der seine Gedanken in einer Schrift fixiert, die keiner lesen kann, und in Teppichen verwebt, deren Schönheit in der ganzen Gegend gerühmt wird.

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Auf dieser ersten Ebene bietet der Roman die Geschichte eines frommen Narren, der „nichts von der großen Welt, aber viel von den einfachen Dingen“ versteht und der all die politischen Veränderungen, von denen er gar nichts weiß, zu spüren bekommt. Während er aufwächst, erobert Reza Chan die Macht im Lande, verbietet den Frauen den Schleier, den Geistlichen den Turban und lässt den Brunnen zumauern. Der Fortschritt wird per Dekret eingeführt und von Geheimpolizisten überwacht; über die Jahre staut sich in der Bevölkerung ungeheurer Hass auf das Regiment des Gottlosen an, der zwar Eisenbahnschienen legen lässt, aber nur, um noch die entlegenen Provinzen ausbeuten und überwachen zu können.

Der Taubstumme trifft eines Tages auf eine selbstbewusste Frau, die vielleicht um ihrer Unabhängigkeit willen gerade ihn, den Hilfsbedürftigen, zum Mann nimmt. In jenem Dorf bekommen die Blinden und die Tauben stets starke und kluge Söhne, die in der starren patriarchalischen Ordnung die Aufgabe haben, den Vätern die Augen oder den „Mund, Verstand und das Gedächtnis“ zu ersetzen. Auf seiner zweiten Ebene erzählt der Roman von so einem tauben Vater und seinem wissbegierigen Sohn, der den Vater über die großen und kleinen Dinge auf Erden in einer Gebärdensprache unterrichtet. Diese Vater-Sohn-Geschichte, in der der Sohn den behinderten Vater väterlich umsorgt und dieser sich ihm mit den Jahren zunehmend kindlich anvertraut, hat ergreifende Passagen, aber auch solche, die geradezu von linguistischem Interesse sind.

Flucht in die Niederlande und Nöte des Exils

Unter dem Sohn Reza Chans, dem Schah Reza Pahlevi, wird die Modernisierung beschleunigt und die Repression verschärft. Die geheime Schrift ist drittens ein großer Epitaph auf die Hunderttausende, die der Diktatur des Schahs und jener der Mullahs Widerstand leisteten und zu Tode gefoltert, ermordet, in namenlosen Gräbern verscharrt wurden.

Als der Schah endlich vom Thron vertrieben ist, kehrt Chomeini aus dem Exil zurück, betet beim Brunnen und entfesselt nach seiner Zwiesprache mit dem Mahdi das Morden und Foltern, dem die liberalen, sozialistischen, kommunistischen Mitkämpfer von gestern als „Ungläubige“ zum Opfer fallen. Abdolah Kader berichtet von schauerlicher Gewalt, und er, der sein Pseudonym aus den Namen zweier ermordeter Freunde gebildet hat, lässt keinen Zweifel daran, dass die Wächter der religiösen Despotie die Geheimpolizisten des Schahs an organisierter Bestialität noch bei weitem übertrafen. Esmail schließt sich linken Studentenkreisen an, und obwohl er sich dagegen sträubt, verstrickt er die ahnungslose Familie schuldhaft in seinen Kampf; als er über den Safranberg in die zerfallende Sowjetunion fliehen muss, bleiben seine Schwestern und Eltern in höchster Gefährdung zurück.

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