RomanBaumeister einer exzentrischen Welt

Daniel Kehlmann hat eine beißende Kulturbetriebssatire geschrieben von Andreas Nentwich

Als Daniel Kehlmann 1997 mit dem Roman Beerholms Vorstellung debütierte, war er 22 Jahre alt. Es folgten der Erzählungsband Unter der Sonne (1998), der Roman Mahlers Zeit (1999) und die Novelle Der fernste Ort (2001). Soeben ist sein fünftes Buch erschienen, der Roman Ich und Kaminski, und noch immer hat dieser Baumeister einer im vollen Wortsinn exzentrischen Welt sein 30. Jahr nicht erreicht. Bedenkt man, dass unsere literarisch interessierten Kreise seit einigen Jahren jeden Krümel begackern, den die Weisheit der Jugend fallen lässt, müsste einer wie Kehlmann eigentlich als Superstar rangieren.

Dem aber ist nicht so. Vielleicht liegt es daran, dass erkenntnistheoretische Vexierspiele den weit verbreiteten Hunger nach Erfahrungen mit der Erfahrungslosigkeit nicht stillen, dass der Autor mit polyglotten Duftmarken geizt und die Liebe, wiewohl als Unglück voll akzeptiert, nicht zu seinen zentralen Reflexionsgegenständen gehört.

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Zeit und Raum, Leben und Tod gleiten ineinander

Sein Blick auf die Lebens- und Berufswelt seiner Protagonisten ist der distanzierte eines Unzugehörigen, dessen Erregungskurven auf einem anderen Koordinatennetz verzeichnet sind als dem des Zeitgeists: frei von Ressentiments aus eigener Verstrickung, exakt und leidenschaftslos wie der eines Naturforschers.

Dieser Blick eröffnet dem Leser Milieus von hohem Wiedererkennungswert: Die sachte Drehung der Erdachse vollzieht sich in den Einfamilienhäusern eines kleinstädtisch anmutenden Mittelstands, unter Handwerkern, Beamten, Universitätsassistenten, Schülern, mittleren Führungskräften und hoch begabten Außenseitern. Immer ist es eine Obsession, die am Anfang steht, gerade ausreichend, um einen Verstand neben die Spur der alltagsempirisch gebahnten Wege zu setzen, wo schon das Grenzenlose beginnt. Eine Grauzone, in der Realität und Vorstellung, Zeit und Raum, ja Leben und Tod fortwährend ineinander gleiten, wechselnde Hierarchien auszubilden scheinen, womöglich bloße Aggregatzustände einer tieferen Wirklichkeit sind, die uns bislang keine Formel erschließt.

Dass Kehlmann die poetische Wahrheit auf der Seite dieser erweiterten Realität lokalisiert, steht außer Zweifel. Immer wieder hat er die fließenden Übergänge zur Struktur seiner Texte gemacht. So vollzieht sich etwa im Erzählduktus von Mahlers Zeit jene Aufhebung von Linearität und Chronologie, die dem Titelhelden, einem genialen Mathematiker, auf physikalischem Weg nicht gelingen will. In der Novelle Der fernste Ort führt der Ausbruch aus einem falschen Leben in ein flimmerndes Ineinander von Neubeginn, Selbstreflexion, Abschieden und traumhaften Wiederholungen, das den Todesmoment, mit dem es vermutlich zusammenfällt, als eine Dimension des Lebens unter vielen erscheinen lässt.

Den Boden der Tatsachen – in der Welt dieses Autors gibt es ihn nicht. Sein jüngster Roman Ich und Kaminski handelt von einem, der sich allzu sicher ist, dass die Grenzen der Wirklichkeit mit denen seines eigenen Horizonts zusammenfallen. Sebastian Zöllner, ein wahres Ekelpaket von Kunstkritiker, das sich als Erzähler-Ich um Kopf und Kragen reden darf, kennt keine andere Obsession als die des schäbigsten Ehrgeizes; sie ist der Spiegel, in dem er die Welt erkennt. Dass ihn dieser Spiegel selten trügt, solange er sich im eigenen Milieu bewegt, besagt wenig über seine Realitätskompetenz, viel aber über dieses Milieu. Es wird vorgeführt, mit Zöllner als Vergil durch das Dickicht der Galeristen-Seilschaften, die Vorhölle der Vernissagen und das Jammertal der Expertengespräche:

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