Als Daniel Kehlmann 1997 mit dem Roman Beerholms Vorstellung debütierte, war er 22 Jahre alt. Es folgten der Erzählungsband Unter der Sonne (1998), der Roman Mahlers Zeit (1999) und die Novelle Der fernste Ort (2001). Soeben ist sein fünftes Buch erschienen, der Roman Ich und Kaminski, und noch immer hat dieser Baumeister einer im vollen Wortsinn exzentrischen Welt sein 30. Jahr nicht erreicht. Bedenkt man, dass unsere literarisch interessierten Kreise seit einigen Jahren jeden Krümel begackern, den die Weisheit der Jugend fallen lässt, müsste einer wie Kehlmann eigentlich als Superstar rangieren.

Dem aber ist nicht so. Vielleicht liegt es daran, dass erkenntnistheoretische Vexierspiele den weit verbreiteten Hunger nach Erfahrungen mit der Erfahrungslosigkeit nicht stillen, dass der Autor mit polyglotten Duftmarken geizt und die Liebe, wiewohl als Unglück voll akzeptiert, nicht zu seinen zentralen Reflexionsgegenständen gehört.

Zeit und Raum, Leben und Tod gleiten ineinander

Sein Blick auf die Lebens- und Berufswelt seiner Protagonisten ist der distanzierte eines Unzugehörigen, dessen Erregungskurven auf einem anderen Koordinatennetz verzeichnet sind als dem des Zeitgeists: frei von Ressentiments aus eigener Verstrickung, exakt und leidenschaftslos wie der eines Naturforschers.

Dieser Blick eröffnet dem Leser Milieus von hohem Wiedererkennungswert: Die sachte Drehung der Erdachse vollzieht sich in den Einfamilienhäusern eines kleinstädtisch anmutenden Mittelstands, unter Handwerkern, Beamten, Universitätsassistenten, Schülern, mittleren Führungskräften und hoch begabten Außenseitern. Immer ist es eine Obsession, die am Anfang steht, gerade ausreichend, um einen Verstand neben die Spur der alltagsempirisch gebahnten Wege zu setzen, wo schon das Grenzenlose beginnt. Eine Grauzone, in der Realität und Vorstellung, Zeit und Raum, ja Leben und Tod fortwährend ineinander gleiten, wechselnde Hierarchien auszubilden scheinen, womöglich bloße Aggregatzustände einer tieferen Wirklichkeit sind, die uns bislang keine Formel erschließt.

Dass Kehlmann die poetische Wahrheit auf der Seite dieser erweiterten Realität lokalisiert, steht außer Zweifel. Immer wieder hat er die fließenden Übergänge zur Struktur seiner Texte gemacht. So vollzieht sich etwa im Erzählduktus von Mahlers Zeit jene Aufhebung von Linearität und Chronologie, die dem Titelhelden, einem genialen Mathematiker, auf physikalischem Weg nicht gelingen will. In der Novelle Der fernste Ort führt der Ausbruch aus einem falschen Leben in ein flimmerndes Ineinander von Neubeginn, Selbstreflexion, Abschieden und traumhaften Wiederholungen, das den Todesmoment, mit dem es vermutlich zusammenfällt, als eine Dimension des Lebens unter vielen erscheinen lässt.

Den Boden der Tatsachen – in der Welt dieses Autors gibt es ihn nicht. Sein jüngster Roman Ich und Kaminski handelt von einem, der sich allzu sicher ist, dass die Grenzen der Wirklichkeit mit denen seines eigenen Horizonts zusammenfallen. Sebastian Zöllner, ein wahres Ekelpaket von Kunstkritiker, das sich als Erzähler-Ich um Kopf und Kragen reden darf, kennt keine andere Obsession als die des schäbigsten Ehrgeizes; sie ist der Spiegel, in dem er die Welt erkennt. Dass ihn dieser Spiegel selten trügt, solange er sich im eigenen Milieu bewegt, besagt wenig über seine Realitätskompetenz, viel aber über dieses Milieu. Es wird vorgeführt, mit Zöllner als Vergil durch das Dickicht der Galeristen-Seilschaften, die Vorhölle der Vernissagen und das Jammertal der Expertengespräche:

"Ich fragte, ob er Kaminski wirklich nicht kannte. Nein, er kannte ihn nicht. Der letzte Matisse-Schüler, erklärte ich, ein Vertreter der klassischen … Mit so etwas befasse er sich nicht, unterbrach er, sondern mit Gegenwartskunst aus dem Alpenraum. Da gebe es sehr spannende Tendenzen, etwa Gamraunig, dann natürlich Göschl und Wagreiner. … Den müsse man aber kennen! Der male jetzt nur noch mit Milch und eßbaren Substanzen. Warum, fragte ich. Er nickte, die Frage war ihm willkommen: wegen Nietzsche."

Schon mehrfach hat Kehlmann den Wissenschafts- und Kunstbetrieb maliziös ins Bild gesetzt, doch noch nie hat er sein satirisches Temperament so vom Zügel gelassen wie hier. Überhaupt ist Ich und Kaminski sein mit Abstand komischstes Buch. Und sein abenteuerlichstes. Es ist, obwohl – oder weil? – der Horizont unserer landläufigen Erfahrung nicht überschritten wird, mal einer wüsten Kolportage, mal einem Road-Movie dermaßen zum Verwechseln ähnlich, dass eigentlich nichts dagegen spricht, sich dem Genuss der Verwechslung gleich ganz hinzugeben und von der tieferen Bedeutung wie von einem Zufallsfund beglücken zu lassen.

Alles fängt damit an, dass Zöllner, der zwar auf Bildern nicht viel sieht, aber mit seinen kunstkritischen Positionen zu gefallen weiß, den Entschluss fasst, ein monografisches Werk zu schreiben, an dem niemand vorbeikommt. Die Wahl fällt auf den großen Maler Manuel Kaminski, der, seit Jahrzehnten blind, zurückgezogen in einem einsamen Bergdorf lebt und dessen ultimative Biografie noch aussteht.

Für einen Lebenfledderer, dem die Begabung fehlt, um anders denn in der Rolle eines Eckermann der letzten Tage zu glänzen, könnte der Zeitpunkt nicht günstiger sein, heißt es doch, Kaminski sei auf den Tod erkrankt. So macht sich Zöllner, nach allen Seiten knuffend und puffend, auf die Reise ins Gebirg, doch am Ziel sieht er sich unerwartet Schwierigkeiten gegenüber: Der Künstler wird von seiner Tochter Miriam regelrecht bewacht und kurzerhand für gesprächsunfähig erklärt. Dumpf lauert das Dorf, die Luft starrt vor Hitze, und die Natur liebt den Eindringling auch nicht.

Für einen Augenblick scheint es, als habe sich nun doch der Kehlmannsche Kosmos geöffnet, ihn zu verschlingen – doch unversehens lichten sich die Nebel der Exposition, und alles geht wie am Schnürchen: Rüpelhaftigkeit, Betrug und Bestechung zeigen den gewohnten Erfolg. Zöllner gelingt es, die Tochter auszutricksen. Mit einem Mal hat er das ganze Haus für sich, kann Dokumente durchwühlen, Bildentwürfe abknipsen und seine Köder auslegen, um den alten Mann gesprächig zu machen.

In alldem wirkt Kaminski, der sich für einen Blinden erstaunlich gut zurechtfindet, wie ein Fels in der Brandung. Eine ausgeglühte Minetti-Figur, an deren schneidender Trockenheit sich nicht nur jede Phrase ins Lächerliche bricht, sondern auch die verschlungenen Befragungsmanöver Zöllners totlaufen. Fixiert allein auf biografische Sachverhalte, zeigt Zöllner sich blind und taub für die künstlerischen und menschlichen Einsichten eines Mannes, der seine Lebenssumme zieht und schon lange alles, was zu ihr nichts beiträgt, dem Vergessen überantwortet hat: Was für den Augenblick keine Rolle spielt, hat es nie gegeben, und dass es sich im nächsten schon anders verhalten kann, weil eine Erinnerung plötzlich Sinn erzeugt, ist kein Dementi.

"Alles Wichtige erreicht man in Sprüngen", sagt Kaminski und meint damit auch: Man darf nichts festhalten. Folglich muss auch er, der das Bild seiner Jugendliebe über Jahrzehnte festgehalten hat, noch eine letzte Lehre einstecken: Das Wiedersehen wird zur großen Ernüchterung. Therese, in seinem Sinne konsequent, hat mit dem Tag der Trennung zum "Sprung" angesetzt. Die Frau, die einmal mit Kaminski zusammen war, ist ihr längst eine Fremde geworden. Nicht dass ihn seine Erinnerung trügt, für Therese aber hat sie keine Wahrheit mehr.

Wie sieht die Wirklichkeit eines Menschen aus, und wo ist ihr Ort? In den Vorstellungen, die er von sich hat? Welchen Anteil an seiner Wahrheit haben die Projektionen der anderen, haben seine Vergangenheiten, wenn sie ihm selbst nichts mehr sagen? Lässt sich die Realität anders dingfest machen als in subjektiven Spiegelungen? Auch in der Papageno-Sphäre der krudesten Diesseitigkeit bleibt der Autor seinem Thema treu: Wer, wie Zöllner, der Hochstapler und Karrierist, seine Berechnungen nicht offen hält für die Paradoxien des Lebens, wird am Ende zu ihrem Spielball.

Ein unrealistischer Realismus, mit heißer Nadel gestrickt

Ich und Kaminski ist eine beißende Kulturbetriebs-Satire, fröhlich mit heißer Nadel gestrickt und von einem Realismus, wie er unrealistischer nicht sein könnte. Und weil ja Kehlmanns Kollege Bodo Kirchhoff das Genre unlängst geadelt hat, sei’s gewagt: ein Schundroman. Ganz am Ende, auch das sei nicht verschwiegen, droht sich der kleine, feine Reibungswiderstand etwas zu verlieren: Allzu unvermittelt mutiert der alte Knörzer Kaminski zum Bodhisattwa, wird dem Rüpel von Helden die Katharsis verpasst. Und während am Saum eines nördlichen Meeres zwei Männer feierlich auseinander gehen, der alte dem Tod entgegen, der junge, allen Wollens ledig, einer ungewissen Zukunft zu, könnte man sich fragen, ob der Boden, den da langsam die Flut überspült, wirklich ein doppelter gewesen ist. Doch eine Schrecksekunde macht noch keinen Zweifel: So ansteckend lustvoll und hinreißend unglaubwürdig wie Kehlmann in Ich und Kaminski strapaziert die trivialen Genres nur, wer sie um Haupteslänge überragt.

Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski
Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003; 174 S., 18,90 Euro