Roman Baumeister einer exzentrischen WeltSeite 3/3
Wie sieht die Wirklichkeit eines Menschen aus, und wo ist ihr Ort? In den Vorstellungen, die er von sich hat? Welchen Anteil an seiner Wahrheit haben die Projektionen der anderen, haben seine Vergangenheiten, wenn sie ihm selbst nichts mehr sagen? Lässt sich die Realität anders dingfest machen als in subjektiven Spiegelungen? Auch in der Papageno-Sphäre der krudesten Diesseitigkeit bleibt der Autor seinem Thema treu: Wer, wie Zöllner, der Hochstapler und Karrierist, seine Berechnungen nicht offen hält für die Paradoxien des Lebens, wird am Ende zu ihrem Spielball.
Ein unrealistischer Realismus, mit heißer Nadel gestrickt
Ich und Kaminski ist eine beißende Kulturbetriebs-Satire, fröhlich mit heißer Nadel gestrickt und von einem Realismus, wie er unrealistischer nicht sein könnte. Und weil ja Kehlmanns Kollege Bodo Kirchhoff das Genre unlängst geadelt hat, sei’s gewagt: ein Schundroman. Ganz am Ende, auch das sei nicht verschwiegen, droht sich der kleine, feine Reibungswiderstand etwas zu verlieren: Allzu unvermittelt mutiert der alte Knörzer Kaminski zum Bodhisattwa, wird dem Rüpel von Helden die Katharsis verpasst. Und während am Saum eines nördlichen Meeres zwei Männer feierlich auseinander gehen, der alte dem Tod entgegen, der junge, allen Wollens ledig, einer ungewissen Zukunft zu, könnte man sich fragen, ob der Boden, den da langsam die Flut überspült, wirklich ein doppelter gewesen ist. Doch eine Schrecksekunde macht noch keinen Zweifel: So ansteckend lustvoll und hinreißend unglaubwürdig wie Kehlmann in Ich und Kaminski strapaziert die trivialen Genres nur, wer sie um Haupteslänge überragt.
Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski
Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003; 174 S., 18,90 Euro
- Datum 20.03.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.03.2003 Nr.13
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