Literaturbeilage Klassenkampf Ost
André Kubiczek und die Neuauflage der engagierten DDR-Literatur als Farce
Dass der Osten wild und proletarisch, der Westen wie Charlottenburg, nur größer sei, ist eine der wenigen weltanschaulichen Gewissheiten, die die Wiedervereinigung hervorgebracht hat. Vom Osten heißt es, er kenne keine Werte und Verbindlichkeiten, seit er die eine und allumfassende eingebüßt hat. Im Westen beobachtet man eine milde Melancholie, die den Abgang aller allgemeinmenschlichen Utopien mit selbstgefälliger Halbtrauer begleitet. Im Westen stirbt man in Schönheit, im Osten am Suff. Im Osten wird auf Castorfs Theaterbrettern gekreischt und getaumelt, im Westen verendet man, wenn es denn sein muss, in der Schaubühne im eigenen Aquarium. Im Osten ist in der Literatur einfach nur Osten, der Westen kultiviert die regionale Markenvielfalt, hier kennt man den Wetterau-, den Ruhrpott-, den Charlottenburg- und den Kreuzberg-Roman. Von Zeit zu Zeit wird der eine oder andere für eine Saison totgesagt, um im nächsten Augenblick wieder aufzuerstehen.
Noch immer gibt es zwei deutsche Kulturen, was als Artenreichtum anzusehen bisher nicht gelungen ist. Im Gegenteil, darauf bedacht, in der ideologischen Nahrungskette nicht den Verlierer abzugeben, ist der Bestandssicherung und des Vergleichens kein Ende. Jana Hensels Poesiealbum der verschwundenen Dinge des Ostens gehört genauso zur Renaissance der DDR als Pop-Ikone wie der Film Goodbye Lenin, der in Ostberlin Kult ist. Literarisch ist der kleine Grenzverkehr noch immer eine Einbahnstraße. Der Ostler kommt im urbanen Westroman nicht vor, der Westler stiefelt durch den Ostroman noch immer wie Onkel Dagobert durch die Prärie.
André Kubiczek, Jahrgang 1969, der im letzten Jahr mit einem DDR-umflorten Jugendroman auf sich aufmerksam machte, führt den literarischen Ost-West-Vergleich in seinem zweiten Werk aus dem Ghetto der allgegenwärtigen Pubertätsliteratur hinaus. Sein Versuch, den totgesagten Berlin-Roman im Breitwandformat zu reaktivieren, ist nicht nur aller Ehren wert, sondern den meisten Westberliner Stadtteilromanen auch an Witz und literarischer Einbildungskraft überlegen.
Das Prinzip seines Romans sind short cuts, das Personal ins Karikaturhafte ausschlagende östliche Underdogs aus Kneipe, Stasi und Plattenbau auf der einen und westliche Topdogs aus Zeitgeistpostille, Politik und TV auf der anderen Seite der Barrikade. Die Tonlage ist verzweiflungsgrelle Comedy. Das Genre eine ins Neckische verzogene Wiederkehr des Proletkults. Auf den Fahnen dieser neuen engagierten Arbeitslosenliteratur steht nicht mehr edle Tristesse, sondern Groteske und Klassenkampf. Die Handlung ist unübersichtlich, mäandert im Ostberliner Straßendschungel, in dem hoch intelligente Arbeitslose ihren überschüssigen Grips in Alkohol ertränken, Westtussen in die Fänge gehen, Bundesbahnzüge und Lebensläufe entgleisen lassen. Das normale Leben, sagt irgendwer am Schluss des Romans, wäre schon das bessere.
Nach der Wende, das heißt nach dem abrupten Austausch der komödiantischen Spät-DDR durch die Comedy-Wirklichkeit des Medienkapitalismus, hatten die jungen ostdeutschen Autoren wenig Gelegenheit für Bodenkontakt. Die einen reagieren auf diesen Lebensstoffmangel mit dem belletristischen Rückzug in die Kuschelnischen ihrer DDR-Kindheit samt schlagenden Vätern und Kinderteller „Pittiplatsch“. Die anderen nehmen die Komödie für das Leben. Sie erklären unter allerhand Augengezwinkern den Westen zur TV-Operette und den Osten zum Prolet-Comic. Es gibt „schließlich nur noch Feindesland“, heißt es bei André Kubiczek. Und wenn die Verzweiflung groß ist, fehlen die Halbtonschritte, wird das Intime obszön, das Gesellschaftliche brachial, das Soziale grotesk und das Geistige ironisch. Die Folge ist eine intelligente Vulgarisierung der literarischen Mittel, die – fände sie auf dem Theater statt – das zahlende Bürgertum aus dem Operettenteil der Welt kaum tolerieren würde. Abgesehen von den rasierten Eiern, an denen sich der Ostler gerne kratzt, sind es aber gerade die ungebremste Aggression und die irrlichternde soziale Kolportage, die dieser hohen primitiven Kunst Kraft und Farbe geben.
Auf dem Höhepunkt des Ost-West-Vergleichs, beim Paarungsversuch eines dreißigjährigen Ost-Frührentners mit einer „legasthenischen West-Fernsehschlampe“ in einem Westberliner Mietshaus, das aussieht, als habe es in einem Desinfektionsbad gelegen, kommt der Roman da an, wo er hinwill: zur Neuauflage der Dialektik von Herrin und Knecht als Farce. Er steht da, nur mit Hut und Notizblock, sie in einem Etwas, das sie aussehen lässt wie ein Wiener Würstchen. Ihm wird übel. Er entleert sich von der Dachterrasse herab. Sie weist ihm einen Platz auf dem Teppich neben der Tür an. Er trollt sich in die Ecke. Ein Hauch von Bitterfeld liegt in der Luft. Doch es gibt im Augenblick einfach keine revolutionäre Situation. Fürs Erste besorgt man es den „Arschkriechern dieses Scheiß-Kapitalismus“ rein literarisch.
Aus weiter Ferne ist der alte DDR-Roman, sein Klassenstandpunkt, seine Vergröberungsmaschinerie wieder ganz nah: Der Ostler mag eine üble Elendsgestalt sein, der Westler stinkt in jedem Fall schlimmer nach Parfüm und hat, wo beim Ostler ein Herz schlägt, eine Benzinpumpe sitzen. Auf diese Weise kommt der einprägsame Gegensatz vom edlen Wilden und degenerierten Zivilisierten noch einmal zu Ehren. Das ist, unnötig zu sagen, so ungerecht wie falsch. Doch wo, wenn nicht in der Literatur, ist das Falsche einmal das Bessere?
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 13/2003
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